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Adelbert-von-Chamisso-Preis 2016 Esther Kinsky und Uljana Wolf

In diesem Jahr zeichnet die Jury gleich zwei Autorinnen mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis aus. Am 3. März 2016 werden Esther Kinsky und Uljana Wolf die Auszeichnung in München entgegennehmen.

Stand: 28.02.2016

Uljana Wolf | Bild: Kai Nedden

Kulturwechsel

"Wenn mein Werk ausgezeichnet wird, weil es Kulturwechsel thematisiert, dann hoffe ich, dass das ein Denken in Gang setzen kann, mit dem dann alle in Deutschland lebenden Autoren, jüdische Autoren, afrodeutschen Autoren, muslimische Autoren oder deutsch-deutsche Autoren, nicht mehr auf ihre Herkunft, sondern auf ihre Spracharbeit und auf ihre Sprachankünfte hin gelesen werden können."

Uljana Wolf

Uljana Wolf fügt sich mit ihrem Werk nahtlos in die veränderte Ausrichtung des Adelbert-von-Chamisso-Preises. Laut Statuten geht es nicht mehr um einen Sprachwechsel der Literatinnen und Literaten, sondern um einen Kulturwechsel. Was damit gemeint ist? Keine Migrantenbiografien oder interkulturelle Wurzeln jedenfalls, sondern:

"Es ist, glaube ich, klar, dass nicht mein Leben hier wichtig ist, sondern meine Texte relevant sind und wiederum nicht, weil meine Texte einen Kulturwechsel abbilden, sondern weil sie ihn thematisieren. Und gerade weil es mir darum geht, um diesen Schwellenmoment der Begegnung mit dem Fremden. Was passiert dann mit der Sprache, mit der eigenen Identität?"

Uljana Wolf

"Meine schönste Lengevitch"

Mit ihrer deutschen Muttersprache passiert viel in den Texten der 37-jährigen Berlinerin, die zwischen ihrer Heimatstadt und New York hin- und her pendelt. Die Sprache selbst nimmt den Duktus der Pendelbewegung auf, zwischen Hier und Dort, Deutsch und Englisch, Fremde und Vertrautheit. "Meine schönste Lengevitch" – eine Verschmelzung der Begriffe language und Sprache  - heißt der Titel ihrer letzten Lyrikanthologie, die von der Chamisso-Preis-Jury besonders hervorgehoben wurde.

Uljana Wolf schöpft aus vielen Sprachen, Kulturen und Bereichen, verdreht Worte und fügt sie wieder neu zusammen, kreiert eine eigene Sprache und öffnet sie weit für eine mögliche künftige Poesie – bestehend aus vielfältigen kosmopolitischen Einflüssen. Ihre Neugierde auf andere Kulturen wurde sicher auch durch ihr Studium der Slawistik, Anglistik und Kulturwissenschaft in Krakau geweckt, wo sie zu übersetzen begann. Polen, Schlesien, woher ihre Großmutter stammt, inspirierte sie auch zu ihrem ersten Gedichtband "Kochnie, ich habe Brot gekauft". Da war sie gerade mal 27 Jahre und wurde gleich für diese erste Publikation mit dem renommierten Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet, als jüngste Autorin.

Esther Kinsky

Esther Kinsky

Auch Esther Kinsky, in diesem Jahr ebenfalls mit dem Adelbert-von-Chamisso-Hauptpreis ausgezeichnet, ist deutsche Muttersprachlerin, 1956 im nordrhein-westfälischen Engelskirchen geboren. Sie studierte Slawistik und Anglistik in Toronto und Bonn, lebte in London und ist nun in Berlin und Battonya in Ungarn zu Hause. Eine Cosmopolitin, die sich während der Zeit des Kalten Krieges einen Namen als kongeniale Übersetzerin aus dem Russischen, Polnischen und Englischen gemacht hat. Eine Brückenbauerin zwischen Ost und West.

"Am Fluß"

"Am Fluß" von Esther Kinsky, erschienen im Matthes & Seitz Verlag Berlin

Die Sprache bezaubert im Werk Esther Kinskys, steht im Vordergrund auch in ihrer Prosa, interessiert mehr als die Handlung. In ihrem letzten Roman "Am Fluß", von der Chamisso-Preis-Jury besonders gewürdigt, mäandert die namenlose Ich-Erzählerin am östlichen Stadtrand von London, am Fluss River Lea entlang, wo sie "ihr Leben vorübergehend abgestellt" hat. Sie sucht und findet fremde und eigene Spuren, in einer Stadt, die einst ihr Zuhause war. Ether Kinsky nimmt den Leser mit, auch an andere Flüsse, wiegt ihn hinein in einen fließenden Rhythmus und findet außergewöhnliche Bilder voller Poesie und Schönheit. "Wir tragen unser Herz umher am falschen Ort", heißt es da, bezogen auf die Oder, wo Heinrich von Kleist aufgewachsen ist.

"Das ist ein Zitat aus einem der letzten Briefe, die Kleist geschrieben hat und das fand ich einen sehr berührenden Satz, schon sehr früh in meinem Leben, als ich darauf stieß. Was heißt das Herz, wo gehört das Herz hin, wo ist zu Hause zu definieren, welche Rolle spielt unser Herz dabei, also das sind so Fragen, die sich natürlich immer da durchziehen."

Esther Kinsky

Am 4. März 2016 findet eine gemeinsame Lesung mit anschließendem Gespräch der beiden Autorinnen im Münchner Literaturhaus statt.


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