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Brustkrebs-Früherkennung Wie Patientinnen in die Irre geführt werden

Für das Mammographie-Screening geben die gesetzlichen Krankenkassen pro Jahr fast 300 Millionen Euro aus. Fragt sich, ob der Aufwand im richtigen Verhältnis steht zum Nutzen dieser Vorsorgeuntersuchung. Denn die Zahlen, mit denen operiert wird, führen die Patientinnen eher in die Irre.

Von: Nikolaus Nützel

Stand: 14.01.2016

Wer sich über den Nutzen der Brustkrebs-Vorsorge informieren möchte, muss bereit sein, sich intensiv mit Statistiken und Zahlen auseinanderzusetzen. Und die Zahlen zu hinterfragen, die verbreitet werden, um für das Mammographie-Screening zu werben.

"Befürworter des Screenings gehen davon aus, dass auch und gerade heute durch qualitätsgesicherte moderne Screeningprogramme bei den Frauen, die alle zwei Jahre zwischen 50-69 am Screeningprogramm teilnehmen, die Sterblichkeit an Brustkrebs um circa 40 Prozent gesenkt werden kann."

Referenzzentrum Mamographie München

Mikroskopische Aufnahme eines Mamma-Karzinoms im Maßstab 170:1

40 Prozent - das klingt nach vielen, vor dem Krebstod geretteten Frauen. Diese Zahl errechnet sich auf folgende Weise: Wenn Tausend Frauen 20 Jahre lang an der Früherkennung teilnehmen, sterben nach einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation nicht 19 Patientinnen an diesem Krebs, sondern elf - die Sterblichkeit an Brustkrebs wird also um acht Frauen gesenkt. Und acht von 19 entspricht 40 Prozent.

Umstrittener Nutzen des Screenings

Klaus Koch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen ist sicher, dass solche Angaben in Prozentsätzen mit dazu beitragen, dass viele Frauen den Nutzen des Mammographiescreenings für höher halten, als er tatsächlich ist. In Befragungen gehen Teilnehmerinnen mitunter davon aus, dass 200 von 1.000 Frauen durch das Mammographie-Screening das Leben gerettet wird. Selbst nach optimistischen Berechnungen sind es aber höchstens vier bis fünf.

Koch sieht deshalb vor allem ein Hauptziel für die Neugestaltung der offiziellen Informationsbroschüre, die in diesen Tagen erscheint, und an der er mitgearbeitet hat.

"Eigentlich geht es darum, die massive Überschätzung des Nutzens zu korrigieren und den Frauen da eine realistischere Einschätzung zu ermöglichen."

Klaus Koch, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

Auch in der neuen Broschüre geht es um Zahlen, die für das Screening sprechen.

"Wenn 1.000 Frauen über zehn Jahre am Mammographie-Screening teilnehmen, werden etwa 1 bis 2 von ihnen vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt."

Informationsblatt zur Früherkennung von Brustkrebs

Das neue Informationsblatt zum Mammographie-Screening weist aber auch darauf hin, dass die Vorsorgeuntersuchung keine Versicherung gegen Krebs ist und dass nicht jeder Tumor aufgespürt werden kann.

Das Mammographie-Screening - ein freiwilliges Angebot

Mammografie-Untersuchung

In Deutschland werden alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren im Abstand von zwei Jahren eingeladen, ihre Brüste röntgen zu lassen, um Krebsgeschwüre aufzuspüren. Das Angebot ist freiwillig. Der Grundgedanke: Ein Krebs, der früh erkannt wird, lässt sich besser heilen. Wie groß dieser Nutzen ist, darüber soll das offizielle Merkblatt zum Mammographie-Screening aufklären, das dieser Tage in einer überarbeiteten Fassung erscheint.

Den Screening-Skeptikern ist wichtig darauf hinzuweisen, dass das regelmäßige Röntgen der Brust auch Risiken birgt. Zum Beispiel, weil dabei auch Tumoren entdeckt und behandelt werden, die vielleicht nie ein Problem verursacht hätten.

"Diese Frauen werden dann behandelt, auch mit Operationen, mit Strahlentherapie, manchmal auch mit Chemotherapien, und das ist ganz klar ein Schaden."

Ingrid Mühlhauser, Lehrstuhl für Gesundheitswissenschaft Universität Hamburg

Die Radiologin Sylvia Heywang-Köbrunner ist Leiterin des Referenzzentrums Mammographie in München. Sie ist überzeugt, weil sie täglich Kontakt zu Patientinnen hat, könne sie besser einschätzen als viele Instituts-Wissenschaftler, ob es wirklich ein Schaden ist, wenn sie beispielweise Frauen sagt, sie hätten möglicherweise Krebs - obwohl sie in Wirklichkeit gesund sind.

"Das Gros der Frauen sagt mir, es war nicht angenehm, ich hatte Angst,. Aber bitte schauen Sie wieder genau nach. Wenn irgendetwas ist, möchte ich es wissen."

Sylvia Heywang-Köbrunner, Referenzzentrum Mammographie München

Expertenstreit um Nutzen des Brustkrebs-Screenings

Mit Medizintechnik dem Brustkrebs auf der Spur

Es ist letztlich eine ganz persönliche Entscheidung der Patientinnen, ob sie zum Brustkrebs-Screening gehen oder nicht. Denn die Experten streiten sich weiter. Ingrid Mühlhauser, die Hamburger Professorin für Gesundheitswissenschaft, glaubt nicht, dass es den Mammographie-Zentren nur um das Wohl der Patientinnen geht.

"Die haben natürlich, so sehe ich das, ein wirtschaftliches Interesse, dass möglichst viele Frauen am Screening teilnehmen. Und insofern kann man auch nicht davon ausgehen, dass diese Zentren von sich aus eine ausgewogene Information ermöglichen."

Ingrid Mühlhauser, Lehrstuhl für Gesundheitswissenschaft Universität Hamburg

Den Vorwurf, ihr und ihren Kollegen gehe es ums Geld, und deswegen informiere sie Patientinnen nicht ausgewogen, findet die Leiterin des Mammographie-Referenzzentrums München, Sylvia Heywang-Köbrunner, fast ehrabschneidend. Die Medizin-Professorin gibt den Vorwurf allerdings an die Screening-Kritiker zurück, von denen viele ebenfalls einen Professorentitel tragen.

"Zusätzlich muss man sagen, es geht tatsächlich auch um viel Geld, es geht tatsächlich auch um Macht, und es geht um Eitelkeiten."

Sylvia Heywang-Köbrunner, Referenzzentrum Mammographie München


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