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Niedriglöhne in Ostdeutschland "Wie viel über Armutsgrenze verdienst Du?“

Lohn bedeutet für viele schon lange nicht mehr auch Auskommen. Es wird so billig gepackt, geputzt, aufgepasst, geschlachtet, gekocht, geliefert und serviert wie selten vorher. Die Niedriglohn-Schwelle liegt in Ostdeutschland bei 1379 Euro brutto pro Vollzeitjob.

Von: Almuth Knigge Stand: 27.01.2013

In Mecklenburg-Vorpommern betrifft das 23,8 Prozent, also knapp ein Viertel aller Arbeitnehmer sind Niedriglöhner – und davon wiederum sind rund 80 Prozent Frauen. Schaut man sich ganz Deutschland an wird das Bild sogar noch klarer. Bei der gesamtdeutschen Niedriglohnquote von 1802 Euro brutto fallen in Mecklenburg-Vorpommern, ja eigentlich sogar in fast allen ostdeutschen Bundesländern im Vergleich rund 40 Prozent der Beschäftigten unter diese Grenze.

Lebensmittelpenden | Bild: Bayerischer Rundfunk zum Video Armut Schwacher Norden, starker Süden

Der Paritätische Wohlfahrtsverband schlägt Alarm: Die Armut in Deutschland sei auf Rekordniveau. Vor allem im Norden nehme das Problem zu. Der Verband fordert ein 20-Milliarden-Programm und Mindestlöhne. [mehr]

Ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro soll die Lösung sein. Die Arbeitgeberverbände, lehnen aber einen flächendeckenden Mindestlohn kategorisch ab. Staatlich verordneter Mindestlohn zerstört in ihren Augen den entscheidenden Standortvorteil der klein- und mittelständisch geprägten Wirtschaft in den neuen Bundesländern. Lange Zeit hat der Nordosten mit Niedriglöhnen geworben. Jetzt gilt hier ein Mindestlohn von 8,50 Euro bei öffentlichen Aufträgen.

Ohne Mindestlohn keine Fördergelder

Auf vielen Baustellen wird der Mindestlohn unterlaufen

Und auch die Fördergelder sind gestrichen, wenn das Unternehmen keinen Mindestlohn zahlt. Das ist die Axt an der Säule der sozialen Marktwirtschaft, hatte der Unternehmerverband das Gesetz kommentiert. Am meisten fuchst die Unternehmer aber gar nicht die Höhe des Lohns. In der Baubranche herrscht ja schon lange ein wesentlich höherer Mindestlohn. Der Angriff auf die Tarifautonomie ist, was sie stört. Der Bruch mit der Tradition. Löhne und Gehälter festzulegen war Sache von Firmen, Beschäftigten und ihren Organisationen. Der Staat hielt sich raus. Das fanden - bis vor wenigen Jahren - sogar SPD und Gewerkschaften richtig. Es gibt aber auch kaum statistisch gesicherte Daten, die beweisen, dass es durch die bereits eingeführten Branchenmindestlöhne zu Arbeitsplatzabbau gekommen ist.

Auswirkung der Geizmentalität

Fensterputzer bei der Arbeitsagentur

Erst kürzlich hat der Hotel- und Gaststättenverband in Mecklenburg-Vorpommern nach langen, schwierigen Verhandlungen die Tariflöhne um 17 Prozent erhöht. Die Branche hat einen schlechten Ruf, weil sie lange Zeit bundesweit die schlechtesten Löhne zahlte. Die Konsequenz daraus? "Uns laufen die Fachkräfte weg", klagten Hoteliers und Gastwirte - und steuerten um. Nur mit vernünftigen Löhnen könne man die Mitarbeiter halten - was sich auch auf die Zufriedenheit der Gäste auswirkt. Allerdings, wehrt Hotelier Harald Dörschel das Bild des ausbeuterischen, gierigen Tourismusmanagers ab:

"90 Prozent unserer Gäste schert es überhaupt nicht, was unsere Mitarbeiter verdienen. Die fragen eher noch nach günstigeren Preisen."

Harald Dörschel

Würde ist keine Kategorie, über die man nachdenken kann

Friseurinnen brauchen das Trinkgeld

70 Milliarden Euro zur Aufstockung von Niedrigstlöhnen seit der Einführung der Hartz-Gesetze haben die Diskussion um einen Mindestlohn weiter angeheizt. Rund 350.000 Aufstocker gibt es bundesweit – sie sind arm trotz Arbeit und ihre Chancen der Armut zu entkommen geringer denn je. Wer arm ist, bleibt arm. Niedriglöhne holen Menschen zwar aus der Arbeitslosigkeit, nicht aber aus der Armut.

In Ostdeutschland gibt es besonders viele Call-Center

1000 Euro netto - mehr ist einfach nicht drin, sagt Tina Sie arbeitet in einem Call-Center, für knapp 7,50 Euro. Freunde vergleichen ihren Lohn, indem sie fragen: "Wie viel über Armutsgrenze verdienst du?" Welche Rolle spielt in so einem Alltags- und Arbeitsleben so eine Kategorie wie Würde? „Würde?“, fragt Horst, ein Wachmann in Schwerin:

"Um meine Würde mache ich mir keine Gedanken. Gesellschaftliche Teilhabe? Gibt es für mich nicht. Ich denke nur darüber nach, wie ich mein tägliches Brot verdienen kann."

Wachmann Horst


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