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„Ich liebe Schule“ Flüchtlingskinder und ihr Ankommen in Deutschland

Laut UNICEF hat die Flucht 300.000 Kinder nach Deutschland gebracht. Oft haben sie in ihrer Heimat oder unterwegs Schreckliches erlebt. Ob sie hier Wurzeln schlagen, hängt vor allem davon ab, ob sie zur Schule gehen können. Ina Krauß hat bei ihren Recherchen in Gemeinschaftsunterkünften die unbändige Lust der Kinder erlebt, etwas zu lernen.

Von: Ina Krauß

Stand: 24.01.2016

Zahra war 16, als sie in Deutschland ankam.

Ihre Eltern verließen ihre Heimat Afghanistan, damit Zahra und ihre jüngere Schwester zur Schule gehen und später einmal studieren können. Dass sie ihre Meinung frei äußern dürfen, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen. Doch als die Familie in Deutschland ankam, wurde sie in einer abgelegenen Unterkunft in Isareck im Landkreis Freising untergebracht. Schule? Fehlanzeige.

"Das kann man nicht vergessen. Ich musste am Anfang viel kämpfen, um die deutsche Sprache zu lernen. Ich durfte nicht in der Realschule gehen, weil ich ja kein Deutsch konnte."

Zahra, Afghanistan

Sprung ins kalte Wasser

Der ersehnte Stundenplan - endlich Schule!

Ehrenamtliche Helfer sammelten Geld für den Deutschunterricht der Asylbewerber in Isareck. Nach sechs Monaten durfte Zahra endlich in die Schule gehen; als Gastschülerin in einer Realschule. Sie wurde ins kalte Wasser geworfen.

"Das war nicht einfach weil in Moosburg reden viele Bairisch. Bairisch konnte ich ja gar nicht! Und das war für mich eine neue Sprache, ganz andere Sprache als Deutsch."

Zahra, Afghanistan

Auch die Lehrerin verstand Zahra schlecht. Sie musste den Stoff zuhause nacharbeiten. Täglich lernte sie fünf bis sechs Stunden. Das war vor fast vier Jahren. Heute besucht die inzwischen 20jährige die Fachoberschule in Freising und bereitet sich auf das Abitur vor. Flüchtlingskindern sollte die Chance gegeben werden, zu zeigen, was in ihnen steckt, sagt Zahra heute. 

Ohne ehrenamtliche Hilfe geht gar nichts

Symbolbild

Hamed und Hedayat stehen noch ganz am Anfang. Der achtjährige Hamed geht in die erste Klasse der Grundschule in Moosburg. Der neunjährige Hedayat besucht die zweite Klasse. Die Schule nahm die Brüder - die mit ihren Eltern letztes Jahr aus Afghanistan und dem Iran geflohen sind - auf, obwohl sie nur sehr wenig Deutsch sprechen.

"Ganz schwierig. Ich geh zur Schule und Lehrerin so: Bla Bla Bla und ich verstehen nicht!“"

Hamed, Afghanistan

"Ich liebe Schule!"

Hedayat, Afghanistan

Nur mit einem Deutschkurs, den ehrenamtliche Helfer organisieren, schaffen es die Brüder, einigermaßen Schritt zu halten. Es fehlt nach Ansicht der Helfer an professionellen Angeboten für Flüchtlingskinder.

"Also die Kinder müssten mehr Förderunterricht parallel zur Grundschule erhalten, da gibt es keinen Förderunterricht am Nachmittag, keine Hausaufgabenbetreuung, oder sonst etwas, das muss alles ehrenamtlich geleistet werden."

Erwin Girbinger, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer

Mehr Übergangsklassen

Das bayerische Kultusministerium hat auf die steigende Zahl von Flüchtlingen reagiert und mehr Übergangsklassen eingerichtet. Zum Schuljahresbeginn 2015/2016 gab es 470 sogenannte Ü-Klassen, deutlich mehr als im Vorjahr. Zusätzlich gibt es mehr Deutschförderklassen und Sprachförderkurse. Doch in einer Kleinstadt wie Moosburg gibt es keine Ü-Klasse für die Flüchtlingskinder. Und es rächt sich gerade bei Flüchtlingskindern,  dass es insgesamt zu wenig Ganztages-Angebote an bayerischen Schulen gibt. Denn für Kinder von Asylbewerbern ist es sehr schwierig zuhause zu lernen und zur Ruhe zu kommen.

Auszeit in der Malwerkstatt

Flüchtlingskinder leiden oft an der Enge und Unruhe in den Asylunterkünften.

Flüchtlingskinder gestalten eine Friedenstaube - jede ist anders

Der Verein Refugio, der sich in München um traumatisierte Flüchtlinge kümmert, bietet deshalb in mehreren Unterkünften eine Malwerkstatt für Kinder an. Die Kinder sitzen gemeinsam um einen Tisch und zeichnen und malen konzentriert eine Stunde lang – malen zum Beispiel eine Friedenstaube aus.

 

"Hier geht’s eigentlich wirklich in erster Linie darum dass man Spaß und Freude vermittelt, denn oft haben sie die Kindheit unterwegs verloren, und da ist es ganz wichtig, dass die mal wieder Kind sein dürfen, spielen dürfen, kreativ sein dürfen, was ausprobieren dürfen und das können sie glaub ich in diesen Gruppen ganz gut."

Bella Pavel, Refugio-Kunsttherapeutin

In der Refugio-Malwerkstatt kommen die Kinder zur Ruhe - Auszeit von der Unruhe in den Flüchtlingsunterkünften

Kindgerechte Räume sind in Flüchtlingsunterkünften Mangelware. Im Dezember 2015 ging die Bundesfamilienministerin in Berlin an die Öffentlichkeit. Manuela Schwesig präsentierte gemeinsam mit UNICEF ein Programm. Die internationale Kinderschutzorganisation soll Deutschland helfen, sogenannte „childfriendly spaces“ in deutschen Asylheimen einzurichten, kindgerechte Räume. Ein Armutszeugnis für Deutschland, findet Niels Espenhorst, Experte für Kinderrechte beim Bundesfachverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Berlin.

"An vielen Stellen unterschreiten wir Standards die in jeder Krisenregion der Welt einzuhalten sind. Und das kriegen wir im Augenblick in Deutschland nicht hin und das ist ein massives Behördenversagen was in vielen Punkten auftaucht und nicht nur einzelne Kommunen betrifft."

Niels Espenhorst, Kinderrechtsexperte

So sind Kinder etwa in Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylsuchende vom Schulbesuch ausgeschlossen. Bis zu sechs Monate können sie neuerdings dort untergebracht werden. In Bayern gibt es immerhin Deutschunterricht für Kinder in diesen Unterkünften. Aber auch in den beiden Ankunfts- und Rückführungseinrichtungen für Balkanflüchtlinge bleiben Kinder vom Schulbesuch ausgeschlossen. Kinder wurden sogar aus ihren Klassen gerissen, als sie in die sogenannte ARE in Bamberg verlegt wurden.

"Wenn die Kinder ein weiteres Jahr in der Schule wären, dann läuft der Integrationsprozess ja noch weiter. Ich weiß es ist unfair, eine Frage zurückzugeben aber denken sie nicht, dass das nicht noch unmenschlicher wäre? Wenn man die Zeit verlängern würde und den Menschen nicht reinen Wein einschenkt?"

Stefan Krug, Regierung von Oberfranken

Symbolbild

Die Kinder in der ARE II in Bamberg wissen sehr wohl, dass sie wahrscheinlich bald mit ihren Eltern zurück in die Heimat müssen. Sie erhalten inzwischen wenigstens stundenweise Unterricht, ausdrücklich aber keinen Deutschunterricht. Riad aus dem Kosovo vermisst die Schule:

"Du, kannst mich helfen für die Schule? Für alle Kinder? Zum Gehen in die Schule in Bamberg?"

Riad, Kosovo

  • Ina Krauß | Bild: BR/Julia Müller Ina Krauß

    Autorin, Moderatorin und Redakteurin in der Politikredaktion.


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