B5 aktuell - Für Bergsteiger


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Der Großglockner-Ultra-Trail Alpiner Wahnsinn eines 28-Stunden-Marathons

Da wandert man gemütlich am Berg vor sich hin und plötzlich gibt es ein gewaltiges Schnaufen und Hecheln hinter einem: Im Sturmschritt sausen sie dann vorbei, buntbestrumpfte, meist poppig bekleidete Läufer, die dem Gipfel im Express-Tempo zustreben, mit leichten Sprint-Schuhen statt schwerer Lederstiefel, und mit einem Rucksack, gerade mal ein Hauch von einem Nichts, während der eigene Ranzen schwer an den Schultergurten zieht. Trailrunner oder Mountainrunner heißt diese neue Spezies von Alpinisten, die zum Beispiel letztes Wochenende beim Großglockner-Ultra-Trail unterwegs war.

Von: Folkert Lenz

Stand: 31.07.2016

Der Großglockner-Ultra-Trail  | Bild: BR; Folkert Lenz

Erste-Hilfe-Set, Rettungsdecke, Regenjacke, Mütze, Handschuhe, lange Hose, langes Shirt -.bevor er auf den Trail geht, erfolgt aus Sicherheitsgründen die Rucksackkontrolle, ob auch alles dabei ist.

BR-Autor Folkert Lenz vor dem Start

Kurz vor Mitternacht drängeln sich in Kaprun auf dem kleinen Dorfplatz rund 200 Männer und zwei Dutzend Frauen, alle mit Stirnlampen am Kopf. Strümpfe werden zurechtgezupft, Startnummern festgeklammert, Klapp-Carbonstöcke ausgefahren. Trotz der nächtlichen Kühle beschränkt sich die Tourenbekleidung auf Turnhose, Leibchen und Laufschuhe. Gleich werden die „Turnschuh-Touristen“, wie man früher vielleicht gesagt hätte, ins Hochgebirge lossprinten: 110 Kilometer und 6500 Höhenmeter in 28 Stunden, einmal rund um den Großglockner, den höchsten Berg Österreichs mit seinen 14 Gletschern.

Morgendlicher Auftakt an der Rudolfshütte

Wanderer benötigen für die so genannte Glockner-Runde sechs bis sieben Tage, sagt Streckenchef Hubert Resch. Die schnellsten Trailrunner dagegen werden die Distanz in 15 Stunden absolvieren. Die Stimmung ist wie bei einem Marathonlauf, auch wenn das Ringen um Resultate und der Kampf gegen die Uhr nicht das Wichtigste zu sein scheint. Die meisten Trailrunner laufen für sich selber, bleiben auch mal stehen und fotografieren und nehmen sich an den Verpflegungsstellen auch die Zeit für ein warmes Essen.

Hüpfen und Rutschen von Stein zu Stein nach dem Kapruner Törl

Der moderne Berglauf ähnelt einem alpinen Hindernislauf, denn die Strecke rund um den Großglockner bietet reichlich Abwechslung am Tag wie in der Nacht. Es gilt über schulterhohe Felsen zu krabbeln, im hüfthohen Kraut unterwegs zu sein, auf kniehohen Blöcken zu balancieren, über knöcheltiefe Pfützen zu springen und auf Schneefeldern abzurutschen – und das Ganze im hochalpinen Ambiente auf knapp 3000 Metern Höhe. Genau das lockt diese Express-Bergsteiger, das Naturerlebnis inklusive Sonnenaufgang.

Schneefelder erleichtern den Express-Abstieg

Wie eine Schnecke fühlt sich bisweilen, wer noch in betulicher Art dem Gipfel entgegenstrebt. Doch die Aussicht genießen, die frische Bergluft spüren, das können die Mountainrunner offenbar auch noch, wenn sie die steilen Pfade emporgejagt sind. Wer nach vielen Stunden oder nach einem Tag ins Ziel kommt, der erzählt nicht nur vom legendären Hungerast und der Schinderei, sondern auch von dem, was am Wegesrand zu sehen war, von den Gletschern, Wasserfällen und Bergblumen.


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