B5 aktuell - Aus Landwirtschaft und Umwelt


8

Landwirtschaft Zukunft "Weiter wie bisher" wird nicht funktionieren

Es ist eine der großen Herausforderungen der Landwirtschaft, gesellschaftliche Anforderungen und ökonomische Notwendigkeiten in Einklang zu bringen. Landwirte, Wissenschaftler und Bauernfunktionäre haben deshalb auf der diesjährigen Wintertagung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) in Hannover über eine nachhaltigere Landwirtschaft diskutiert.

Von: Tobias Chmura, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 24.02.2017

Wird eine neue Form der Landwirtschaft geboren?

Zu viel Nitrat im Grundwasser, zu wenig Tierwohl in den Ställen und zu viele giftige Spritzmittel auf den Feldern: Die Kritik an der modernen Landwirtschaft ist groß, und Selbstkritik in der Landwirtschaft eher selten. Deshalb überrascht die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, DLG, mit ihren "10 Thesen" für eine nachhaltigere Landwirtschaft. Den Artenschwund bremsen, die Überdüngung der Äcker und den hohen Einsatz von Spritzmitteln mindern - die Thesen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft sind deutlich in der Sprache und selbstkritisch im Inhalt.

Hausgemachte Resistenzen durch übermäßigen Pestizid-Einsatz

Großes Thema auf der DLG-Wintertagung: Übermäßiger Einsatz von Pestiziden, der nicht nur der Umwelt schadet, sondern auch die Resistenzbildungen von Schädlingen beschleunigt. Udo Heimbach vom Julius-Kühn-Institut schätzt, dass jeder zweite Einsatz der Pestizide zu früh erfolgt und damit verzichtbar wäre. Dass die Landwirte oft zu viel spritzen, hängt nach Udo Heimbachs Meinung auch mit einer falschen Beratung der Landwirte zusammen.

Sich auf die Chemie zu verlassen, wird künftig wohl kaum mehr etwas nützen

Erstens nehmen Resistenzen zu. Zweitens gelten in der EU immer mehr Pflanzenschutzmittel als umweltschädlich. Von 289 Wirkstoffen, die es in der EU jemals gab, steht heute nur noch gut ein Drittel zur Verfügung.

Gefordert werden deshalb breitere Fruchtfolgen auf den Feldern, auch wenn sich damit kurzfristig weniger Geld verdienen lässt. So könnten Schädlinge besser in Schach gehalten werden, während gleichzeitig weniger Spritzmittel nötig sind und die Vielfalt auf dem Acker steigt, wovon die Umwelt profitiert. Auch bei der mechanischen Schädlingsbekämpfung gibt es es vielversprechende Forschungsprojekte, bei denen etwa Käfer vom Kartoffelacker einfach abgesaugt werden.

"Landwirtschaft 2030"

Klassische ackerbauliche Prinzipien in der Fruchtfolgegestaltung, der Bodenbearbeitung sowie der Aussaattechnik und den Aussaatzeiten müssen demnach wieder stärker gute landwirtschaftliche Praxis werden.

"Ich plädiere ganz stark für einen Systemansatz in der Landwirtschaft. Wir können nicht mit einer einfachen, simplen Monokultur-Landwirtschaft nachhaltig produzieren. Da hat es so viele Umwelteffekte. Wir müssen wirklich zuerst das Problem lösen. Dass wir wieder zu komplexen Anbausystemen kommen, heißt zum Beispiel, viele Kulturen anbauen, viele Sorten anbauen. Und wenn wir das alles schaffen, dann haben wir schon 80 Prozent Nachhaltigkeit. Die Züchtung ist dann wirklich nur noch da, das zu korrigieren, was der Systemansatz nicht leisten kann."

Urs Niggli, Direktor des Schweizer Forschungsinstituts für den ökologischen Landbau

Auch über den Einsatz von "Genome Editing", einer neuen Form der Gentechnik, wird offen nachgedacht. Dabei könnten Pflanzen zum Beispiel so gezüchtet werden, dass sie resistent sind gegen einen Schädling. Selbst Urs Niggli vom Schweizer Forschungsinstitut für den ökologischen Landbau befürwortet diese neue Technik.

Die 10 Thesen der DLG

  • Wissen, Können und Wollen in Übereinstimmung bringen
  • Nährstoffüberschüsse, Artenrückgang, Klimawandel und Tierwohl in den Griff bekommen
  • Innovationen ermöglichen
  • Tierhaltung zukunftsfähig machen
  • Pflanzenbau mit Umwelt- und Naturschutz in Einklang bringen
  • Die revolutionären Potenziale der Digitalisierung konstruktiv nutzen
  • "Faszination Landwirtschaft" erklären
  • EU-Agrarpolitik weiterentwickeln
  • Internationalen Agrarhandel mit Zielen der Entwicklungspolitik in Einklang bringen
  • Die Wertschöpfungskette Lebensmittel und den ländlichen Raum stärken

8