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Neues vom Buchmarkt Zwei Vater-Sohn-Geschichten

Roana Brogsitter empfiehlt heute zwei Bücher: Zum einen "Die Hummerschwestern" von Beverly Jensen, ein Werk in bester amerikanischer Erzähltradition; zum anderen "Die Unermesslichkeit" von David Vann, eine fesselnde Tragödie in Romanform. Neues vom Buchmarkt - immer mittwochs um 6.25 Uhr und 18.25 Uhr auf B5 aktuell.

Stand: 16.05.2012
Aufgeschlagenes Buch | Bild: picture-alliance/dpa

Joe ist ein einsamer Junge. Seinen Vater kennt er nicht, seine Mutter hat ihn aus dem Haus geworfen. Alles, was Joe kann, sind Kartentricks. In einer Bar, wo er seine Tricks vorführt, rät ihm jemand, sich einen Lehrmeister zu suchen. Nicht irgendeinen, sondern den größten: den Magier Norman Terence.

Zitat: „Was ist denn das Ziel der Magie?“ fragte Norman und beantwortete die Frage schließlich selbst: „Das Ziel der Magie ist es, den anderen dazu zu bringen, an der Wirklichkeit zu zweifeln.“

Die Wirklichkeit aber heißt Christina und ist die überaus attraktive junge Ehefrau des Magiers Norman. Joe, inzwischen der Ziehsohn von Norman und Christina, verliebt sich in die Frau des Magiers.

Zitat: Weise behaupten, alles sei sinnlos. Doch Verliebte verfügen über eine tiefere Weisheit: wer liebt, zweifelt keinen Augenblick am Sinn der Dinge. Sicher, Christina war unsterblich in Norman verliebt, der ein wunderbarer Mann war und der größte Magier der Welt. Und Joe war bloß ein Junge, der in jeder Hinsicht viel zu lernen hatte. Er hatte nichts zu bieten außer der Unermesslichkeit seines Begehrens. Doch das reichte ihm, um daran zu glauben.

"Den Vater töten", heißt der neue, jetzt bei Diogenes erschienene Roman der belgischen Erzählerin Amélie Nothomb. Es ist eine Vater-Sohn-Geschichte mit einem klassischen Konflikt: der Sohn verliebt sich in die Mutter und will in dem Vater den Nebenbuhler töten. Nothomb verlegt den klassischen Stoff in die Wüste von Nevada. Ebenso karg wie eine Wüstenlandschaft ist ihre Sprache, entschlackt und auf das Wesentliche reduziert. Doch genau darin besteht ihre Magie, die der des Künstlers Norman und seines hochbegabten Schülers und Ziehsohnes Joe nicht unähnlich ist. Der beeindruckendste Trick ist übrigens die Rahmenhandlung, die ein weltweites Magierfestival in Paris zum Ort der Handlung macht.

Zitat: „Nicht schlecht, Ihre Amélie-Nothomb-Verkleidung“, sagte jemand zu mir. Ich nickte lächelnd, um nicht an meiner Stimme erkannt zu werden. Mit einem großen Hut bleibt man unter Magiern nicht unbedingt inkognito.

Die Ich-Erzählerin beobachtet einen Pokerspieler, der stets gewinnt. Hinter ihm steht ein anderer, rund zwanzig Jahre älterer. Von der Erzählerin befragt, um wen es sich bei diesen beiden handele, erfährt sie, dass es beide große amerikanische Zauberkünstler seien, Joe Whip und Norman Terence.

Zitat: „Haben sie ein Problem miteinander?“ – „Das ist eine lange Geschichte.“

Eine lange Geschichte, brillant erzählt in einem 120 Seiten kurzen Roman: "Den Vater töten" von Amélie Nothomb ist bei Diogenes erschienen.

Eine Vater-Sohn-Geschichte erzählt auch der junge Münchner Autor Elias Wagner in seinem Romandebut "Vom Liebesleben der Mondvögel", erschienen bei Hoffmann und Campe. Darin geht es um den 15-jährigen Max, der seit dem Verschwinden seiner Mutter allein mit dem Vater lebt. Max ist ein Eigenbrötler, der sich am liebsten mit dem Buch "Wunderbare Insekten" beschäftigt. Als die Sommerferien beginnen, halten ihn ein paar merkwürdige Geschehnisse von der gewohnten Lektüre ab: sein bester Freund hat sich verliebt und braucht Max, um das Mädchen mit einem ausgetüftelten Plan zu gewinnen. Und Maxens Vater verhält sich ebenfalls merkwürdig. Max muss etwas tun, und vor allem: er muss aus sich heraus. "Vom Liebesleben der Mondvögel" - das poetisch skurrile Romandebut des jungen Autors Elias Wagner, ist bei Hoffmann und Campe erschienen.