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Alternativer Hüttenführer Plumpsklo statt Wlan

Wlan, Mehrgang Menü und eine warme Dusche - mittlerweile Standard auf Berghütten. Hütten werden zu Hotels. Dabei sucht man in den Bergen doch das Ursprüngliche, die Einsamkeit. Wo es das noch gibt, verrät ein neuer Hütten-Führer.

Von: Jonathan Schulenburg & Ulrich Knapp

Stand: 06.06.2016 | Archiv

Wilde Hütten  | Bild: Mountain Wilderness

Unberührte Berglandschaften, dafür setzt sich der Verein Mountain Wilderness ein. Ihr Motto: Die Berge schützen, damit man sie wild erleben kann. Jetzt hat der Verein den Führer: „Wilde Hütten – 20 einzigartige Bergrefugien ohne Dusche und Wlan“ herausgebracht. Warum Hütten ohne Komfort und gegen Trend der hotelartigen Hütte einen eigenen Führer verdient haben, erzählt uns Gotlind Blechschmidt von Mountain Wilderness.

PULS Playground: Um welche Hütten geht es genau in eurem Hütten-Guide?

Gotlind Blechschmidt: Diese Hütten, die wir da rausgesucht haben, haben entweder überhaupt keinen Wirt und man muss alles, was man an Essen braucht, mithochschleppen. Oder sie sind zwar bewirtschaftet, haben aber noch diesen alten Stil, diese alte Atmosphäre: holzgetäfelte Bänke, keine großen Aufenthaltsräume mit Glasfenstern, keine Duschen, aber dafür vielleicht das Klohäusel noch vor der Tür.

Was ist denn toll daran, wenn das Klo draußen steht?

Ich hab da schon Klohäusel erlebt, da hat man einen ganz tollen Blick. Das glaubt man nicht, aber so ist es in den Westalpen am Obergabelhorn. Das ist der schönste Blick.

Wie kamt ihr auf die Idee zu dem alternativen Hütten-Führer?

Die heutigen Hütten haben überhaupt nichts mit den ursprünglichen Hütten mit ihrer urigen Atmosphäre und ihrem Ambiente zu tun, wie wir sie über Jahrzehnte kennengelernt haben. Das sind jetzt ganz andere Hütten und ehrlich gesagt, gefällt uns das nicht. Statt dass wir die Zeit in den Bergen als Auszeit ansehen, in der wir Abstand vom Alltagsleben gewinnen können, nehmen wir mit Wlan und Co. den Alltag mit. Die Leute schauen wieder in kurzen Abständen auf ihr Smartphone und welche Nachrichten von wem jetzt eingetroffen sind, auf die man dann ja auch reagieren muss. Besser wäre es, die Aussicht zu genießen. Und wenn der Besucher duschen möchte, sagen wir: Das ist einfach nicht notwendig auf einer Hütte. Und so kamen wir auf die Idee einfach mal 20 Hütten exemplarisch vorzustellen, wo es noch anders ist.

Was macht es für dich aus "back to the roots" zu gehen?

Wir wollen in den Bergen abseits leben vom Normalen. Das Normale haben wir ja zu Hause. Wir haben Duschen, wir haben alles. Aber die Entspannung und wirklichen Urlaub, das empfindet man nur, wenn man anders lebt. Das andere ist das Unnormale und daran erinnert man sich auch länger. Da sagt man dann später: Das war diese coole Hütte, die hatte das Klo draußen und wir haben uns am Brunnen gewaschen. Das ist einfach ein ganz anderer Erlebniswert, den man umsonst bekommt. Bergsteigen soll ein Erlebnis bleiben, dass sich an der Freiheit und den eigenen Fähigkeiten orientiert, und nicht zu einem Konsumgut verkommen.

Ihr seid völlig gegen den Trend – Alpenvereinshütten werden im Moment ja eher „luxuriöser“.

Ja schon. Aber es sind auch in unserem Führer einige Hütten vom DAV oder vom Österreichischen Alpenverein dabei. Wir wollen nicht pauschalisieren. Es geht mehr darum, dieses Denken zu hinterfragen. Dass Leute, die in die Berge gehen einfach immer von vornherein annehmen, dass es einen gewissen Komfort geben wird. Das muss einfach nicht sein. Es ist ja zum Beispiel auch gar nicht immer Wasser zur Verfügung.

Habt ihr nicht Bedenken, dass die Hütten jetzt überrannt werden?

Das glaube ich nicht. Einerseits sind die so abseits gelegen wie zum Beispiel die Müllerhütte im Hochstubai, so schnell kommt man da nicht hin. Es kann schon sein, dass sie am Wochenende mal überlaufen sind. Aber wer unter der Woche Zeit hat, der wird da immer einen Platz finden und der wird auch in unseren 20 Hütten Platz finden.

Den Bergführer Wilde Hütten gibt es hier.

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