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Risikobeurteilung in der Lawinenkunde Lawinengefahr erkennen und richtig einschätzen

Hält der Hang oder nicht? Das ist die wichtigste Frage beim Wintersport abseits der Piste. Seit Jahrzehnten hirnen Experten, wie man Lawinen am besten vermeidet und die Gefahr richtig einschätzt. Mit unterschiedlichen Ansätzen.

Von: Sebastian Nachbar & Katharina Kestler

Stand: 02.01.2016 | Archiv

Schild weist auf Lawinengefahr hin (Symbolbild). | Bild: picture-alliance/dpa

Auf den Knien sucht Ralf Körner den Schnee ab. Sein Atem keucht, sein Puls rast, das Lawinenverschüttetensuchgerät in seiner Hand piepst hektisch. Irgendwo hier muss er sein, verschüttet unter einer dicken Schneeschicht. Ralf muss ihn finden, jede Sekunde zählt. Plötzlich springt er auf und stochert mit der Sonde im Schnee herum. Als er auf etwas Blechernes stößt, ruft er: „Ha, da isser!“ Mit „er“ ist der Lawinenpiepser gemeint, der hier beim Lawinenkurs der Bergsteigerschule Zugspitze zu Übungszwecken mitsamt einem Schaufelblatt im Schnee vergraben liegt. Ralf hat ihn gefunden, in weniger als zwei Minuten. Nicht schlecht.

Denn um im Ernstfall jemanden aus einer Lawine zu retten muss es schnell gehen: Vom Erstempfang mit dem LVS-Gerät bis zum Ausschaufeln und Freilegen der Atemwege bleiben nur wenige Minuten, sonst droht der Erstickungstod. Besser also erst gar keine Lawine auslösen. Doch wie man das am besten anstellt, wie man den Lawinenlagebericht aufs Gelände überträgt, wie man Risiko einschätzt und zu dem Ergebnis kommt „Stop, bis hierher und nicht weiter!“, das zählt zu den schwierigsten Lektionen im Gebirge.

Schneeprofil: Graben und dem Insinkt vertrauen

Wer früher auf Skitour wissen wollte, was in der Schneedecke los ist, musste graben. Schließlich zeigt sich im Schneedeckenaufbau, ob sich darin gefährliche Gleitschichten wie Schwimmschnee oder Graupel verstecken. Die Erkenntnisse des Schneeprofils übertrug man dann meist auf die Hänge ringsum. Erfahrene Skibergsteiger wussten viel über den Schnee, ob sie jedoch einen Hang befahren können oder ob er zu gefährlich ist, dabei kam es letztlich immer auf den Instinkt an.

1991 grub in der Schweiz eine Gruppe Soldaten im Schnee einen sogenannten Rutschblock um die Lawinengefahr vor Ort einzuschätzen. Als sich der Block aus Schnee als stabil erwies und im nächsten Moment eine große Lawine die Gruppe verschüttete, wurde klar: Was auf einem Quadratmeter Schneeoberfläche im Hang gilt, kann ein paar Meter weiter ganz anders aussehen. Wer also die Schneedecke an jeder Stelle der Tour zuverlässig einschätzen will, braucht unendlich viele Daten - so viele, dass sie im schnellen Vorbeifahren nicht zu erfassen sind. Der analytische Ansatz, der die Antwort auf das Lawinenrisiko direkt vor Ort in der Schneedecke sucht, war an seine Grenzen gestoßen.

3x3: Rechnen und Risiko minimieren

Das erkannte damals Werner Munter, Lawinenforscher und Bergführer aus der Schweiz. Er hat einen neuen Weg gesucht, das Lawinenrisiko richtig einzuschätzen und Unfälle so zu vermeiden. Anstatt mit Lupe und Pinsel die Kristalle in der Schneedecke zu untersuchen, setzte sich Munter an den Schreibtisch und rechnete. Er verglich Statistiken über Lawinenunfälle mit Daten aus dem Lawinenlagebericht. So fand er heraus, wie Gefahrenstufe, Steilheit und Hangexposition in der Häufigkeit von Lawinenunfällen zusammenhängen Zum Beispiel: 60 Prozent der Skifahrerlawinen werden in den Hangexpositionen Nordwest, Nord und Nordost ausgelöst, wie Werner Munter in seinem Buch „3x3 Lawinen“ beschreibt.

Daraus leitete er statistische Wahrscheinlichkeiten ab, etwa die Aussage „Wer auf Sektor Nord verzichtet, halbiert das Risiko“. Einzelfaktoren wie Lawinen-Gefahrenstufe, Hangsteilheit oder Exposition packte er in eine simple Rechengleichung. Als Ergebnis spuckt diese eine einzige Zahl aus – das Restrisiko, in eine Lawine zu geraten. Name des Modells von Werner Munter: Formel 3 x 3 – in Anlehnung an drei unterschiedliche örtlichen Ebenen (regional, zonal, lokal) sowie drei Hauptfaktoren (Verhältnisse, Gelände, Mensch). Später entwickelte Munter die Formel weiter zur sogenannten Reduktionsmethode. Einer der wichtigsten Grundsätze darin lautet: Bei mäßiger Lawinengefahr unter einer Hangneigung von 40 Grad bleiben, bei erheblicher Lawinengefahr unter 35 Grad, bei großer Lawinengefahr unter 30 Grad. Nach Angaben des Fachmagazins „Bergundsteigen“ ließen sich allein mit diesem Grundsatz zwei Drittel der Lawinenunfälle verhindern.


Anfangs stieß Munter in Expertenkreisen auf Ablehnung. Als jedoch klar wurde, dass mit dieser sturen Rechnerei die meisten Lawinenunfälle vermeidbar wären, griffen sie immer mehr Sportler auf. Heute fußt auf dieser praktischen Lawinenkunde so ziemlich die gesamte Lawinenausbildung der Alpenvereine. „Munters Lehre ist ideal für Anfänger“, sagt Rudi Mair vom Lawinenwarndienst Tirol. „Man kann sich mit relativ einfachen Mitteln im Gelände sicher bewegen.“


Mair und Nairz: Wiederkehrende Gefahrenmuster erkennen

Mair ist, wie viele andere Mitarbeiter des Lawinenwarndienstes, im Winter dauernd unterwegs und veröffentlicht jeden Morgen um 7.30 Uhr den Lawinenlagebericht. Vor einigen Jahren hat er aus seinen Erfahrungen einen anderen Ansatz zur Beurteilung von Lawinengefahr entwickelt. Über die Zeit bemerkte er, dass bestimmte Gefahrensituationen im Winter immer wieder auftauchen, etwa wenn es nach langer Kälte schneit und gleichzeitig windig ist. Aus diesen Situationen hat er gemeinsam mit Patrick Nairz fünf Lawinenprobleme (Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee, Gleitschnee) und zehn sogenannte Gefahrenmuster benannt. Gerade haben die beiden ihr Buch namens „Lawine“ in der fünften aktualisierten Auflage veröffentlicht. Mittlerweile gelten die beiden als "Popstars der Lawinenkunde" udn auch andere Lawinenwarndienste außerhalb Tirols übernehmen das Prinzip der Gefahrenmuster.

Rudi Mair und Patrick Nairz vom Lawinenwarndienst Tirol

Im ersten Moment kommt der Muster-Ansatz zwar daher wie eine Rückkehr zur analytischen Lawinenkunde mit Schneekristallen und Schichtaufbau, tatsächlich bietet der Ansatz jedoch eine Weiterentwicklung. „Unsere Gefahrenmuster sind eine gute Ergänzung für Leute, die sich intensiver mit Lawinengefahr beschäftigen wollen“, sagt Mair. Einen Streit in der Lawinenkunde zwischen Analytikern und Wahrscheinlichkeitsrechnern sieht Mair nicht: „Beide Ansätze greifen gut ineinander und am Ende geht es doch darum, Unfälle zu vermeiden.“ Das gelingt auch: Die Zahl der Lawinenopfer ist in den vergangenen Jahren einigermaßen stabil geblieben. Und das, obwohl sich die Zahl der Skitourengeher und Freerider vervielfacht hat.

Ob Reduktionsmethode oder Gefahrenmuster – die Werkzeuge zur Vermeidung von Lawinen sind besser als je zuvor. Entscheidend ist allerdings, ob und wie Wintersportler sie anwenden. Genau dieser „Faktor Mensch“ stellt im großen Variablensystem der praktischen Lawinenkunde die größte Unsicherheit dar.

Der unsichere "Faktor Mensch"

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Ein Grund für den unsicheren "Faktor Mensch" ist, dass unsere Wahrnehmung extrem selektiv ist - betonte Psychologe und Risikoexperte Bernhard Streicher auf der diesjährigen Snow and Safety Conference unter dem Motto "Wissen vs. Bewusstsein" in Zürs am Arlberg. "Unser Bild im Kopf bestimmt, was wir wahrnehmen. Wenn ich im Gelände unterwegs bin und das Bild im Kopf habe, dass es heute sicher ist, wird es schwierig davon abweichende Informationen überhaupt wahrzunehmen, weil ich selektiv nach Informationen suche, die für mein Bild sprechen." Auch beurteilen wir unsere Umwelt gerne so, dass es von Vorteil für uns persönlich ist. So glauben zum Beispiel zwei Drittel aller Autofahrer, dass sie besser Autofahren als der Durchschnitt. Zwar gibt es dazu im Wintersport-Bereich keine Studien, doch ist davon auszugehen, dass es sich hier ähnlich verhält, meint Streicher. Hinzu kommt, dass Wintersportler, die sich bereits viel Wissen angeeignet haben, im Gelände sehr viel risikofreudiger unterwegs sind als Freerider und Tourengeher mit weniger Wissen.

„Das Blöde bei Lawinen ist, dass ich nicht üben kann“, sagt Rudi Mair. „Mit dem Auto kann ich mich an eine Kurve herantasten und schauen, wann es rutscht. So eine Rückmeldung gibt’s bei Lawinen nicht.“ Handelt man falsch, löst man vielleicht eine Lawine aus. Doch wenn man keine Lawine ausgelöst, heißt es nicht zwangsläufig, dass man sich richtig entschieden hat - vielleicht hatte man einfach nur Glück. Trotzdem führt so eine Situation laut Bernhard Streicher sogenannte "erlernte Sorglosigkeit": Wenn man einen ähnlichen Hang bei ähnlichen Verhältnissen mehrmals sicher gefahren ist, glaubt man jedesmal richtig entschieden zu haben und unterschätzt das Risiko.

Doch sich selbst und dem eigenen Wissen im Gelände gar nicht mehr zu trauen, ist sicher die schlechteste Lösung. Bernhard Streicher empfiehlt sich neben dem theoretischen Wissen auch viel praktisches Handwerkszeug drauf zu schaffen - praktisch üben und Erfahrung sammeln. Denn wer Erfahrung hat, kann Entscheidungen intuitiv treffen. Und Studien zeigen, dass Menschen mit einer trainierten Intuition, in Risikosituationen häufig besser und häufiger richtig entscheiden.

Zu guter letzt sollte man nicht vergessen: Statistisch betrachtet, passiert wahrscheinlicher ein Autounfall auf dem Weg zum Berg als ein Lawinenunglück. Also, habt einen sicheren Winter!

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