Instagram < Pietät Die Diskussion um die Vulkan-Selfies ist so alt wie die Menschheit

Auf Bali bricht ein Vulkan aus - und im Netz eine Diskussion. Nicht über den Vulkan, sondern darüber, ob es legitim ist, vor dem ausbrechenden Vulkan Bilder für Instagram zu machen. Unser Autor findet: Es kommt drauf an.

Von: Niklas Fazler

Stand: 06.12.2017

Selfie vor dem Mount Agung  | Bild: Instagram: @maribuhma

Auf der Insel Bali spuckt derzeit der Vulkan Mount Agung kilometerhohe Aschewolken und droht auszubrechen. Rund 100.000 Menschen mussten sich bereits in Sicherheit bringen, die Existenz vieler von ihnen ist in Gefahr. Urlauber sind auch noch jede Menge auf der Ferieninsel. Unter ihnen natürlich auch welche mit einer Affinität für Instagram. Manche davon räkeln sich in bester Influencer-Manier vor der spektakulären Kulisse, meditieren dort und posen anderweitig rum. Darüber regt man sich jetzt auf, aber so einfach ist das meiner Meinung nach nicht.

Die Sache mit der Pietät

Diese Bilder sind pietätlos, dem stimme ich zu. Es ist unsensibel, sich in eine Time-Of-My-Life-Pose zu schmeißen, während die Existenz vieler Einwohner bedroht ist. Bildtexte mit dem Hashtag #sohappy #magicmoments #timeofmylife“ sind in diesem Zusammenhang sehr respektlos den Einwohnern Balis gegenüber. Sie reihen sich damit in eine Serie unsensibler Fotos ein, die unreflektiert auf Instagram gepostet werden. Wenn Menschen sich in ihre Time-Of-My-Life-Pose vor dem Holocaust-Mahnmal in Berlin schmeißen, würde ich ihnen gerne bei einer Tasse Tee mal Fotos von meiner Familie und ihrer Time-Of-My-Life zeigen… aus dem Konzentrationslager. Aber das mit der Pietät ist eben eine sehr persönliche Angelegenheit und jeder muss am Ende selbst entscheiden, wo seine Schmerzgrenzen liegen. Wenn mit diesen Bildern Werbung gemacht wird, geht das meiner Meinung nach aber zu weit.

Die Sache mit der Werbung

Doch das tun diejenigen, die vor zwei Jahren noch durch die Decke gefeiert wurden und jetzt so ein bisschen die Helene Fischer des Internets geworden sind: Influencer. Manche verlinken in ihren Vulkan-Selfies Marken und es ist in meinen Augen wirklich nicht in Ordnung, einen Vulkanausbruch zum Anlass zu nehmen, um Werbung für eine fancy Pumphose, einen heißen Bikini oder irgendwelche anderen Lifestyle-Produkte zu machen.

Die Sache mit der Ästhetik

So ein Vulkanausbruch ist natürlich ein bildgewaltiges Spektakel, besonders bei Nacht. Es ist nicht verwerflich, Fotos davon zu machen. Selfies haben die Bildästhetik der letzten Jahre maßgeblich geprägt und verändert. Mittlerweile gehören sie einfach dazu, ob man diesen Selbstinszenierungstrend jetzt feiert oder nicht. Insofern verstehe ich die Verwunderung über die Selfies vor dem Vulkanausbruch nicht ganz. Mich hätte es ehrlich gesagt gewundert, wenn es keine gegeben hätte. Das macht sie nicht besser. Aber sie zeigen meiner Meinung nach auch nicht, dass – wie in vielen Artikeln geschrieben wird – wir ein Haufen selbstverliebter Arschlöcher und Schuld am Untergang der Welt sind. Sie zeigen einfach, dass es pietätlose Menschen gibt. So wirklich neu ist das ja nicht. Diese pietätlosen Menschen haben nur eine neue Möglichkeit, ihre Pietätlosigkeit in die Welt zu tragen.

Mein Instagram-Profil besteht zu 90 Prozent aus Selfies. Aber wenn ich auf Bali gewesen wäre, hätte ich keins gemacht. Ich finde, das gehört sich nicht.