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Interview // Extremismusforscher Alexander Häusler "Diese Gruppen machen den Rassismus hip"

Coole Kleidung, design-starke Seiten: so zeigen sich neue rechte Gruppen im Web. Extremismusforscher Alexander Häusler verrät, ob der moderne Anstrich auch rechte Denke verändert hat und ob lässiges Äußeres die Szene zahmer macht.

Von: Christoph Gurk

Stand: 17.04.2013

Der Extremismusforscher Alexander Häusler | Bild: privat

Bomberjacke und Springerstiefel waren gestern. Rechte sehen heute hip aus, mit coolen Klamotten und gut designten Seiten im Internet. Hat sich mit dem neuen Aussehen auch deren Ideologie verändert?

Alexander Häusler: Nicht wirklich. Nimmt man beispielsweise die sogenannten Autonomen Nationalisten, sehen die heute nur anders aus. An den Inhalten, an der Weltanschauung und dem Bezug zum Nationalsozialismus hat sich nichts geändert. Auf deren Internetseiten findet man jede Menge nationalsozialistische Phrasen.

Wie gefährlich sind denn die Autonomen Nationalisten?

Alexander Häusler: Ihr Hang zur Gewalt macht sie auf jeden Fall gefährlich. Außerdem sind sie ein verlockender Anlaufpunkt für Jugendliche und damit der Einstieg in eine rechte Abenteuerwelt. Nach dem Motto: "Hier kriegst du Kameradschaft, du kannst cool aussehen, mit zu Konzerten gehen". Das macht diese Gruppen gefährlich.

Wer ist wer am rechten Rand

Autonome Nationalisten

Um die Jahrtausendwende entstandene rechte Jugendbewegung, die das Auftreten und die Aktionsformen linker und alternativer Gruppen kopiert. Autonome Nationalisten tragen Sneakers statt Springerstiefel und Baseball-Caps statt Glatzen.

Identitäre Bewegung

Bislang vor allem im Netz präsent. Dort macht sie mit hippen Designs, Youtube-Clips und Pop-Parolen Stimmung gegen „MultiKulti“ und eine angebliche Islamisierung Europas. Noch ist unklar, wer hinter den Identitären steckt.

Die Unsterblichen

Bekannt geworden durch Video-Clips von Flashmobs, in denen sie maskiert und mit Fackeln durch Städte ziehen. Die ersten Aktionen gehen auf Neonazis in Brandenburg zurück, mittlerweile gibt es Nachahmer in ganz Deutschland.

Rechte Kameradschaften

Rechtsextreme Gruppen, die außerhalb von Vereinen und Parteien organisiert sind. Einige Experten stufen sie als extrem gefährlich ein. Weil sie keine festen Strukturen haben, sind sie für das Gesetz nur schwer zu fassen.

Eine andere Gruppierung ist die Identitäre Bewegung. Deren Homepage sieht eher nach Klamottenmarke aus als nach einer politischen Gruppe. Im Netz verbreiten sie Youtube-Videos, in denen sie gegen Toleranz antanzen und versuchen Multikulti "wegzubassen". Gibt es denn einen Zusammenhang zwischen Gruppen wie den Autonomen Nationalisten und der Identitären Bewegung?

Alexander Häusler: Die Inszenierungsformen der Identitären Bewegung sind angelehnt an die Volkstodsinitiativen aus der Neonazi-Szene, den sogenannten Unsterblichen. Allerdings hat die Identitäre Bewegung einen anderen politischen Ursprung. Sie stammt aus Frankreich, wo der rechtsextreme Bloc Identiaire wirkt. Dessen Jugendorganisation ist schon vor Jahren mit Video-Aktionen in Erscheinung getreten: Ihre Inszenierungsform mit Guy Fawkes-Masken, das Abfilmen und ins Netz stellen und die Bezugnahme auf historische Vorfahren, um Rassismus geschichtlich herleiten zu können - letztes Jahr ist das alles nach Deutschland geschwappt.

Stecken hinter den Identitären denn Nazis?

Alexander Häusler: Durchaus. Ihren Ursprung hat die Bewegung wie gesagt im rechtsextremen Bloc Identitaire, der wiederum eine Nachfolgebewegung der 2002 verbotenen rechtextremen Vereinigung Union Radical aus Frankreich ist. Und diese Génération Identitaire setzt stark auf Muslimfeindlichkeit, auf Halt des Volkes und hat eine Art Kriegserklärung ins Netz gesetzt. Die ist auch von deutschen Anhängern der Bewegung aufgegriffen worden. Und diese Kriegserklärung steht für klaren Rassismus.

Ist die identitäre Bewegung in Deutschland dann auch gefährlich?

Alexander Häusler: Das kommt darauf an, was man unter gefährlich versteht. Die Neonazi-Szene, die Kameradschaftsszene und die Autonomen Nationalisten, die sind hauptsächlich gefährlich durch ihre körperliche Gewaltanwendung. Das kann man von den Identitären nicht sagen. Die versuchen mehr, Rassismus popkulturell aufzupeppen. Sie verbreiten ihre Videoclips im Netz und regen zur Nachahmung an. Diese Bewegung ist dadurch gefährlich, dass sie den Rassismus modern und hip machen könnte.

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