Nationalstaat Bayern Ein Horrorszenario in weiß-blau

Regierungschef Puigdemont will nun endgültig die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien ausrufen. Doch was würde eigentlich passieren, wenn Bayern sich von Deutschland abspaltet? Ein düsteres Szenario...

Von: Kevin Ebert

Stand: 18.07.2017

Bayern als Nation | Bild: BR

Der jüngste Staat der Welt grenzt an Österreich, Tschechien, die Schweiz und Deutschland. Weiß-Blau ist die Nationalflagge, das Wappen zeigt einen Löwen. Bayern. Mit knapper Mehrheit haben sich die meisten Einwohner im ehemaligen Freistaat tatsächlich dafür entschieden, sich von der Bundesrepublik Deutschland abzuspalten. Nach der Abstimmung wird man wieder sagen, dass die Alten das Referendum entschieden haben, die Jungen sind sauer. Kennt man ja.

Wie auch immer, der vom Volk direkt gewählte Ministerpräsident gibt seine erste Regierungserklärung. Er spricht davon, dass Bayern jetzt keine astronomischen Summen mehr in den Länderfinanzausgleich einzahlen müsse. Endlich müsse man die Schulden des Multi-Kulti-Berlins nicht mehr tragen und der Osten könne auch schauen, wo er bleibt. Alles werde jetzt besser, jetzt, wo man sich von den zentralistischen Fesseln der Republik endgültig gelöst hat. Bavaria first. Ein stolzes Bundesland soll sich zu einer noch stolzeren Nation mausern. Mit knapp 12,5 Millionen Menschen wäre man in punkto Einwohnerzahlen europaweit immer noch auf Platz 9. Im Münchner Regierungsviertel sprießen die Botschaften jetzt aus dem Boden - die deutsche immerhin zuerst. Danach kommen Ungarn, die Türkei, Russland und die USA.

In der Theorie so einfach, in der Realität problematisch

Rein wirtschaftlich betrachtet, hätte der neue Staat durchaus Power. Mit einer ähnlichen Wirtschaftskraft wie G20-Mitglied Argentinien und mit Unternehmen wie Adidas, BMW, Audi und der Allianz ist Bayern auf dem besten Weg, ein Global Player zu werden. Offene Grenzen und das Schengenabkommen sollen den Export von Autos, Turnschuhen und Versicherungsdienstleistungen problemlos ermöglichen - im Gegenzug ist es wichtig, Rohstoffe zu importieren, denn die gibt es in Bayern eher weniger. In der Theorie klingt alles so wunderbar einfach und unbürokratisch. Zack und weg. Als die Separatisten Wahlkampf für die Abspaltung gemacht haben, ging es eben häufig um (falsche) Versprechungen. Der Slogan "Mia san mia" wurde zweckentfremdet und sollte die Bayern nicht nur untereinander zusammenschweißen, sondern vor allem vom restlichen Deutschland abgrenzen. "Mia san mia" und zwar am besten ohne euch!

Aber kein Populist hat je erwähnt, dass es Jahre dauern wird, den Ausstieg jedes einzelnen Vertrags zwischen Bayern und Deutschland zu verhandeln. Oder dass auch die Menschen in Bayern einiges an Wohlstand einbüßen müssen, weil Deutschland nur als Ganzes Exportweltmeister werden konnte - Bayern allein ist weit davon entfernt. Oder dass Bayern als eigenständiger Staat militärisch vollkommen isoliert dasteht, weil die Bundeswehr selbstverständlich nichts mehr mit dem Nachbarland im Süden zu tun hat. Alles, was Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg als gebrochene Nation erreicht hat, haben die Bayern in nur einem Referendum über den Haufen geworfen. Jahrzehntelange Bemühungen für eine geeinte Bundesrepublik und am Ende die mühevolle Integration der neuen Bundesländer erscheinen jetzt wertlos. Denn ein wichtiges Stück Deutschland fehlt wieder.

Deutschland nein, Europa ja

Immerhin: Die Bayern wollen der EU beitreten. Denn Europa wird keineswegs abgelehnt – ganz im Gegenteil. Die Bayern wollen, dass bestimmte Politikfelder in erster Linie auf europäischer Ebene abgewickelt werden, zum Beispiel die Außen- und Verteidigungspolitik (zur Erinnerung: Bayern hat kein wirkliches Militär). Bayerische Interessen vertritt zuverlässig der Außenminister. Gezahlt wird in Bayern übrigens weiterhin mit dem Euro. Das gefällt den konservativen Motzbacken natürlich nicht im Geringsten, aber jetzt auch noch eine Währungsänderung auf die Beine zu stellen, würde den Rahmen dann doch sprengen.

Alles verändert sich. Sogar die ewige Konstante im Leben der Deutschen und der Bayern: der Fußball. Lange haben die bayerischen Vereine dafür gekämpft, in der deutschen Fußball-Bundesliga mitspielen zu dürfen. Aber in Dortmund, Hoffenheim und Leipzig war man froh, dass die Großkotze aus München endlich weg vom Fenster sind. Selbst schuld. Immerhin spielen Nürnberg, Fürth und Regensburg jetzt dauerhaft in der ersten Liga - der ersten bayerischen Fußball-Liga. Vom Wir-Gefühl, das in regelmäßigen Abständen bei Fußball-Weltmeisterschaften durchs deutsche Bewusstsein jagte, ist nichts mehr zu spüren. Für Bayern sieht es in der Qualifikation für die nächste Weltmeisterschaft übrigens nicht gerade gut aus. Kein einziger bayerischer Topspieler hat sich dafür entschieden, für die bayerische Nationalmannschaft zu spielen. Nicht mal Thomas Müller. Der einzige Bereich, in dem es wirklich keine Veränderung gibt, ist der Wintersport.

Zukunft nur gemeinsam

Das bayerische Utopia verwandelt sich zunehmend in eine einzige große Enttäuschung. Das internationale Ansehen hat enorm gelitten, die Bayern gelten als Verräter, die Deutschen als Schwächlinge. Partnerschaften mit anderen Nationen gestalten sich schwierig, die globalisierte Welt zeigt wenig Verständnis für den Alleingang Bayerns.

Und während die erzkonservativen Bayern-Populisten schmatzend ihr Hendl auf dem einst größten Volksfest Deutschlands, dem Oktoberfest, wegputzen, bahnt sich ein weiteres Zerwürfnis an. Die Franken fühlen sich von der bayerischen Staatsregierung in München nicht ausreichend repräsentiert. Mittlerweile gibt es eine Seperatistenbewegung von respektabler Größe. In den Medien liest man von der "Bavaria-Ception". Die jungen und weltoffenen Bayern sind sowieso schon ausgewandert, die bayerische Gesellschaft überaltert noch schneller als die deutsche. Und langsam aber sicher macht sich von Hof bis Passau, im Bayerischen Wald und auf der Zugspitze die Erkenntnis breit, dass man Zukunft gemeinsam vielleicht doch besser gestalten kann. Hach ja.

Sendung: Filter, 19. Juli 2015 - ab 15 Uhr