21

Spielwiese // Videospiel-Verfilmungen Spiel mir den Film vom Game

Von Super Mario bis Tomb Raider - was uns als Game tagelang an die Konsole fesselt, wird als Film unglaublich whack. Wir decken auf, was schief läuft. Und haben Verbesserungsvorschläge.

Von: Ralph Glander

Stand: 21.12.2016

Gleich die erste Videospiel-Verfilmung aller Zeiten war als Spielfilm-Adaption eine inkompetent-wahnwitzige Trash-Granate: Super Mario Bros. Aus Nintendos Hüpf-Gaudi wurde eine verstörend-hässlich designte Sci-Fi-Dystopie. Ein bizarrer Unsinn, der die bunte Mario-Welt zu einer Fetischparade aus Lack, Leder, Fungus und Krokohaut gemacht hat:

1. Fallbeispiel – Super Mario Bros.

Dass das nicht funktionieren kann, hätte man aber eigentlich schon vorher wissen können. Denn um was geht es denn bei Tageslicht betrachtet in den Mario-Games eigentlich? Zwei knuffige Handwerker mit Porno-Schnörres hüpfen durch eine trippige Fantasywelt, um die entführte Prinzessin Daisy aus den Klauen einer mutierten Schildkröte zu befreien. Dabei werfen sie sich haufenweise Pilze ein. Logo: das geht auch als Blockbuster-Film, oder? Oh nein, geht es nicht.

Die frühen Videospielverfilmungen aus den 90er Jahren haben ein großes Problem, die Zielgruppe, sagt Filmwissenschaftler Andreas Rauscher: "Die ersten Videospielverfilmungen zielten schon darauf ab, dass man vor allem auch die Spieler der Games ins Kino holen wollte. Aber da hat man auch irgendwie versucht so einen Crossover-Erfolg zu erreichen."

Extra für Fans besonders nah am Game bleiben und dann noch erwarten, dass das Nicht-Gamer interessiert? Äh, nein, eher nicht.

Erste Erkenntnis: Es gibt Games, die einfach komplett ungeeignet für eine Verfilmung sind.

2. Fallbeispiel – Tetris

Dass Games, die so gut wie oder gar komplett ohne jegliche Handlung auskommen, verfilmt werden, ist übrigens kein Fehler der Vergangenheit. Aktuell ist eine Filmtrilogie(!), basierend auf dem Puzzle-Game "Tetris" in Arbeit.

Aber auch Dialoge zur Handlung sind noch lange kein guter Grund ein Spiel unbedingt verfilmen zu müssen. Wenn man bei vielen Games die Ohren mal ein bisschen aufsperrt, stolpert man gerne mal über gar schauderhafte Dialoge.

Zweite Erkenntnis: Die Dialoge aus vielen Games sollte man im Film lieber nicht eins zu eins übernehmen.

3. Fallbeispiel – The Last Of Us

Natürlich hat sich das Niveau von Storytelling und Autorenhandwerk bei Games in den letzten Jahren stark gesteigert. Die vielen hochgelobten Adventures wie Alan Wake, Heavy Rain, Amnesia, Uncharted und natürlich The Last of Us - alles Games, die vollgepackt sind mit durchdachten Geschichten, Emotionen, Empathie, schweißtreibenden Plot-Twists und coolen Bildern. All die Games, die plötzlich auch in den Redaktionen der Feuilletons zu der Einsicht geführt haben, dass Videospiele ein Kulturgut sind. Da muss ich gar nicht mehr viel machen. Da ist schon alles da! Da kann man alles einfach übernehmen! Plot, Dialoge, das überraschende Ende. Das ist fast wie im Film! Das ist ein interaktiver Film! Das ist - als Film natürlich völlig sinnlos:

"The Last of Us zum Beispiel, da ist man als Spieler in einem verlassenen Zoo, der sich inmitten der Ruinen einer zerstörten Stadt auftut. Das ist innerhalb des Spiels eine Art von meditativer Ruhepause im Spielgeschehen. Wie lange man da nun stehen bleibt und auf die Tiere blickt, das hängt dann aber vom Spieler oder der Spielerin ab. Im Film würde man hier automatisch das Tempo vorgegeben bekommen. So etwas sind filmische Momente, die in einem Spiel gut funktionieren, aber in einer Verfilmung zunichte gemacht werden würden."

- Andreas Rauscher

Wer aber dennoch mal überprüfen möchte, ob eines der storymäßig so hochgelobten Games wie "Heavy Rain" zum rein passiven Konsum taugen, kann das zum Beispiel hier tun:

Oder im Falle von "The Last of Us" auch äußerst gelungen hier:

Natürlich hält es die Filmindustrie trotzdem nicht davon ab, auch diese beiden - ohnehin schon immens cinematischen Games - zu verfilmen. Dass das eine überschaubar gute Idee ist, hat auch andere Gründe. Jan Müller-Michaelis ist Spieleentwickler und Mitgründer der Hamburger Games-Schmiede Daedalic. Er selbst sucht für seine Games Tag und Nacht nach der geeigneten Formel zwischen gutem Storytelling und interessanter Spielmechanik. Er glaubt, ein storylastiges Spiel wie Heavy Rain wäre im Kino so etwas wie ein Thriller mit Denzel Washington – und gerade wegen seiner Story keine gute Filmadaption.

"Die große Leistung von Heavy Rain ist eben einen andere: Das Spiel hat neue Mechaniken etabliert und so gezeigt, wie man unterschiedliche Aspekte einer Geschichte mit ein und demselben Controller erlebbar macht"

- Jan Müller-Michaelis

Dritte Erkenntnis: Games die sich spielen wie ein interaktiver Film, machen noch lange keinen guten Film.

4. Fallbeispiel – Alle Gamesverfilmungen jemals

Sollte man also generell lieber darauf verzichten, Videogames ins Medium Film zu transferieren? Schaut man sich die Ergebnisse an (oder man tut es eben besser nicht), ist man definitiv versucht ganz laut "Ja, bitte nicht mehr!" zu rufen. Filmwissenschaftler Andreas Rauscher versucht optimistisch zu bleiben, denn Vorbilder für ein gelungenes Zusammenspiel von Game und Film gibt es ja:

"Videospiel und Film, oder Serie und Comic oder Roman - das sind alles einzelne Bausteine für ein größer gefasstes Story-Universum. Ein Universum also, in dem es verschiedene Abenteuerspielplätze gibt: zum einen solche, die rein ludisch sind -  also nach Gamesmechaniken funktionieren. Und in denen gibt es dann wiederum Elemente, die quasi eine Backgroundstory andeuten, die dann in Filmen oder Serien ausgebaut werden. Ich finde, dass wäre eine sehr interessante Sache."

- Andreas Rauscher

Vierte Erkenntnis: Gamesverfilmungen können ein Story-Universum erweitern. Aber nicht ersetzen oder ganz genau abbilden.


So oder so: die Filmundustrie wird sich auch in Zukunft gierig auf erfolgreiche Games stürzen. Es sei denn, die Damen und Herren haben diese Tipps hier gelesen.
Hoffen wir einfach mal das Beste. Zum Beispiel, dass man sich bei der nächsten Game-Verfilmung nicht wünschen würde, sich gerade lieber den Controller zwei Stunden lang an den Kopf zu schlagen, als in der selben Zeit den Film zu sehen. Das wäre doch schon mal ein echter Anfang.

Schlagworte:
film
games
gesellschaft
spielwiese

21