4

Lesen // The Smart View Kunst aus der Hosentasche

Klick. Klick. Jeden Tag werden Milliarden Fotos mit Handys geschossen. Längst sind das nicht nur Selfies und Urlaubsbildchen - Fotografen und Künstler haben das Handy als Kamera entdeckt. Ein neues Magazin zeigt sie auf Papier: "The Smart View".

Von: Christoph Gurk

Stand: 22.06.2015 | Archiv

Melfies von Jackson Lawlor Eaton im Magazin The Smart View | Bild: Jackson Lawlor Eaton

Jedesmal, wenn die USA einen Drohnenangriff fliegen, bekommt Khesrau Behroz eine Nachricht auf sein Handy: "Zwei Raketen schlagen in Haus ein. Die Körper der fünf Opfer sind bis zur Unkenntlichkeit verkohlt".

Und genau dann macht Behroz ein Foto mit seinem Handy. Nicht von den verkohlten Leichen, sondern von dem Ort, an dem der junge afghanische Künstler gerade ist: Im Zug, auf der Fahrt durch seine neue Heimat Deutschland. In seinem Zimmer, auf dem ungemachten Bett. An der Bushaltestelle. Bei einer Freundin. "AF" nennt sich die Serie mit Collagen, die Behrouz aus den Screenshots der Drohnen-Nachrichten und seinen Handyfotos macht. Es ist ein gruseliges Werk. Und es ist ein Beweis dafür, dass Smartphone-Fotos heute viel mehr können als nur Selfies und Urlaubsschnappschüsse.

Genau das will "The Smart View" zeigen, ein Magazin, in dem unter anderem auch Behroz' Arbeiten abgedruckt sind. Gemacht wird es von Rosa Roth. Im Editorial schreibt die junge Fotografin:

"Was ich bei meiner Arbeit an dem Magazin gelernt habe, ist: Obwohl die Grenzen zwischen Amateur und Profi verschwimmen und Handy-Fotografie immer noch als technisch schlecht dargestellt wird, ist es dennoch nicht die Technik, die ein gutes Bild ausmacht. Das wichtigste ist und bleibt die Nachricht, die ein Bild sendet, ganz egal, mit was es aufgenommen wurde."

The Smart View

Rosa Roth hat gerade ihr Foto-Studium in Hamburg abgeschlossen. Sie selbst fotografiert am liebsten mit einer alten Analogkamera, aber bei einem Projekt über Smartphone-Fotografie merkte sie, dass mehr dahinter steckt. Dass es wissenschaftliche Theorie gibt und vor allem auch Künstler und Fotografen, die das Genre auf ein neues Level heben. So kam die Idee zu einem Magazin. Per Crowdfunding sammelte Rosa 5.000 Euro ein, für ein gedrucktes Magazin über digitale Smartphone-Bilder. Ein Fotograf schreibt darin:

"Die einfache Tatsache, dass mein Kamera-Handy immer mit dabei ist und ich im Prinzip immer den Finger auf dem Auslöser habe, hat mich dazu gezwungen, die Augen immer offen zu halten und die Welt um mich herum aufmerksamer wahrzunehmen."

The Smart View

Knapp neun Monate lang haben Rosa und ihr kleines Team an "The Smart View" gearbeitet. Es ist ein Magazin für Foto-Fans geworden, für alle, die nicht nur Partybildchen klicken wollen, sondern auch mal in eine Ausstellung gehen. 15 Euro kostet das Magazin, dafür gibt es auf 130 Seiten englische Interviews und wissenschaftliche Texte über Selfies. Vor allem aber natürlich: Fotos. Da wären die beeindruckenden Collagen von Khesrau Behroz, dazu gibt es pastellige Landschaftsaufnahmen eines Neuseeländers, stille Porträts oder Schnappschüsse einer österreichischen Künstlerin. Abseits vom Bildschirm, hochwertig gedruckt auf glänzendem oder mattem Papier wirken sie so schön und ästhetisch, dass man kaum glauben kann, dass sie nicht inszeniert sind, sondern echt. Im richtigen Leben geschossen. Einfach mit dem Handy.

The Smart View - 130 Seiten - 15 Euro - zu kaufen bei www.thesmartview.de

Schlagworte:
lesen

4