Kommentar zur Debatte um Kevin Spacey Die Moral der Scheinheiligen

Wegen den Vorwürfen sexueller Belästigung will Regisseur Ridley Scott Kevin Spacey jetzt aus seinem Film schneiden. Unser Autor findet das in Ordnung - wenn dafür endlich mal in ganz Hollywood aufgeräumt werden würde.

Von: Kevin Ebert

Stand: 10.11.2017

Grafik von Kevin Spacey | Bild: BR/Max Fesl

Präsident Underwood ist ein Arsch. Das weiß jeder, der zwei Folgen House of Cards gesehen hat. Er ist ein Drecksack, ein intreganter, machtbesessener Politiker. Ein böser Mensch. Seit zwei Wochen wankt auch das Bild von seinem Schauspieler, Kevin Spacey. Mehr noch, es explodiert gerade. Mehrere Männer beschuldigen Kevin Spacey, dass er sie sexuell belästigt hat. Auch am Set von "House of Cards" soll es laut Medienberichten zu Vorfällen gekommen sein. Sein Versuch im selben Atemzug durch ein plötzliches Coming Out von den Vorwürfen der sexuellen Belästigung abzulenken, hat die Sache nur noch schlimmer gemacht.

Vor kurzem hat der Skandal dann vorerst seinen Höhepunkt erreicht: Regisseur Ridley Scott schneidet Spacey fünf Wochen vor Kinostart aus seinem neuen Film "Alles Geld der Welt" und ersetzt die Nebenrolle mit einem anderen Schauspieler.

Scheinheiliges Hollywood

Die Spacey-Debatte zieht mich in ein moralisches Dilemma. Während Netflix mich immer noch dazu überreden will, "House of Cards" nochmal zu schauen, bin ich einfach nur enttäuscht: von der Art und Weise, wie unvollständig wir diese ganze Debatte führen. Von der Scheinheiligkeit Hollywoods und Ridley Scott. Und natürlich auch von Kevin Spacey.

Ich frage mich zum Beispiel, welche Motive Ridley Scott genau verfolgt. Will er wirklich nur ein deutliches Zeichen gegen sexuelle Gewalt setzen? Oder geht es ihm um etwas anderes – um den Erfolg seines Films zum Beispiel? Denn fest steht: auf einem Film mit Kevin Spacey, seinem Freund, aber eben auch einem Mann, der jemanden sexuell  belästigt haben soll, liegt ein Schatten. Und der würde sich wohl auch auf die Kinokassen der Welt ausdehnen.

Für mich sieht es so aus, als ob Scott mit seiner Hauruckaktion vor allem eins erreichen will: den Zuschauern das Gefühl geben, sie rennen in den Film eines Regisseurs, der endlich mal handelt und nicht nur schweigt. Sauberes Hollywood.

Andere bleiben auf der Strecke

Um eines klar zu stellen: Es geht mir nicht im Ansatz darum infrage zu stellen, ob mit Kevin Spacey zu hart umgegangen wird. Sexuelle Belästigung kleinzureden oder gar abzuwinken, ist der größte Fehler, den wir als Publikum überhaupt machen können. Auch bei Präsident Underwood.

Die Anschuldigungen gegen Spacey – der sich laut seinem Management inzwischen in Behandlung befindet – müssen geprüft werden, ein Staatsanwalt muss ermitteln und am Ende wird ein Richter über Spaceys Strafmaß entscheiden. Doch ich habe das Gefühl, dass bei dieser ganzen Debatte, die - wie gesagt - geführt werden muss, andere auf der Strecke bleiben.

Was ist denn zum Beispiel mit den vermeintlichen Opfern von Starregisseur Roman Polanski? Er soll 1977 eine 13-Jährige betäubt und missbraucht haben, außerdem wirft ihm eine Ex-Schauspielerin vor, sie mit 15 vergewaltigt zu haben. Hat man schon mal gelesen, weiß man, irgendwie. Stört auch, irgendwie. Nur: Während Spacey fünf Wochen vor Kinostart aus einem Film herausgeschnitten wird, dreht Polanski weiter Werke, für die er am Ende mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet wird. Das ist nicht konsequent und eine Ohrfeige für Polanskis vermeintliche Opfer.

Es liegt daran, was Kevin Spacey für uns ist

Bei Roman Polanski, einem Mann, der niemals vor die Kamera tritt, lässt sich leichter wegschauen als bei Kevin Spacey. Mit ihm gehen wir als Zuschauer auf eine intime Reise. Alles an Spacey, sein Gesicht, seine Hände, sein Gang und seine Stimme ziehen uns in seine Nähe. Mir fällt kein Schauspieler ein, der es auf diese Weise schafft, Dominanz und Gebrechlichkeit gleichzeitig zu verkörpern. Die Momente, in denen Spacey mit dem eindringlichsten Blick der Welt in die Kamera spricht, sind die Highlights bei "House of Cards". Und dieser Mann soll andere Menschen sexuell bedrängt haben... Was für eine Enttäuschung.

Genau deswegen ist Kevin Spaceys Karriere wahrscheinlich dahin. Das liegt nicht an der sexuellen Belästigung an sich, denn dann dürfte auch Roman Polanski nie mehr einen Film drehen. Es liegt vor allem daran, was Spacey als Schauspieler für uns ist.

Bitte konsequent!

Bei all der Enttäuschung ist es aber trotzdem in Ordnung, Kevin Spacey für das, was er getan hat, an den Pranger zu stellen. Es ist auch okay, dass ihm Produzenten die Zusammenarbeit verweigern. Aber dann muss richtig aufgeräumt werden. Dann muss Hollywood endlich seinen scheinheiligen Schleier ablegen und konsequent sein. Es muss alle gleichermaßen treffen: Roman Polanski, Woody Allen, Louis C.K, Ed Westwick, Harry Weinstein, Steven Segal. Vorausgesetzt natürlich, die Vorwürfe stimmen.

Das wird nun ein Ermittlerkommitee aus erfahrenen Staatsanwälten klären, die sich ausschließlich auf die zahlreichen Anschuldigungen sexueller Belästigung in Hollywood konzentrieren. Ein erster Schritt, um eine enorm wichtige Angelegenheit sauber zu klären. Und dann bitte auch in aller Konsequenz.

Sendung: Filter vom 10. 11. 2017 - ab 15 Uhr

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