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Sexismus im Film Die feministische Faustregel

Drei simple Fragen sollen klären, ob ein Film Frauen ernst nimmt. Der Bechdel-Test hat eine steile Karriere hingelegt - vom Joke zum feministischen Gütesiegel. Doch die Bechdel-Formel ist alles andere als perfekt.

Von: Juliane Frisse

Stand: 19.12.2014

Große Hollywood-Stars, atemberaubende Kulissen, Special-Effects vom Allerfeinsten. Es sind Filme, die Millionen Menschen in die Kinos locken und die mit Oscars überhäuft werden. Beim Bechdel-Test, einer Art feministischer Faustregel, ob Frauen in einem Film mehr als reine Statisten sind, fallen sie oft trotzdem durch.

Zum Beispiel "Der Herr der Ringe". In insgesamt fast 10 Stunden Laufzeit schafft es kein einziger Film der Trilogie, alle drei Bedingungen des Bechdel-Tests zu erfüllen:

1. Spielen mindestens zwei Frauen mit einem eigenen Namen mit?

2. Sprechen die Frauen miteinander?

3. Und sprechen sie über etwas anderes als einen Mann?

Zwei Frauen, die einen Namen haben, und die über etwas anderes als einen Mann reden - es klingt nach so lächerlich wenig. Doch tatsächlich scheitern an diesen minimalen Anforderungen etwa die Hälfte aller Kinofilme.

Ein Joke macht Karriere

Den Bechdel-Test hat sich kein Filmwissenschaftler oder Genderforscher ausgedacht. Er stammt aus den Lesben-Comics "Dykes To Watch Out For" von der Amerikanerin Alison Bechdel. 1983 zeichnet sie den Comicstrip "The Rule".

Bild aus Alison Bechsels "The Rule" von 1983

Darin erklärt eine Frau ihrer Freundin, welche Voraussetzungen ein Film erfüllen muss, damit sie ihn sich ansieht. Es sind - genau - die drei Kriterien des Bechdel-Tests. Der Test wird fairerweise manchmal auch Bechdel-Wallace-Test genannt. Denn ursprünglich waren die drei Regeln ein Witz von Liz Wallace - Bechdels Trainingspartnerin beim Karate.

Der Joke hat eine steile Karriere gemacht. Dem Bechdel-Test werden längst nicht mehr nur Filme, sondern auch Comics und Videospiele unterzogen. Eine schwedische Arthouse-Kinokette informiert die Zuschauer darüber, wie die gezeigten Filme beim Bechdel-Test abschneiden. Sogar einen queeren Bechdel-Tests gibt es jetzt: den Vito-Russo-Test, der Filme auf die Darstellung von Schwulen, Lesben und Transgendern checkt.  

Test mit Fehlerquote

Die Bechdel-Formel ist allerdings alles andere als perfekt, gerade wenn sie einen individuellen Film beurteilt. Ein positives Testergebnis bedeutet nicht, dass ein Film feministisch ist oder frei von Sexismus. Es sagt nichts darüber aus, wie Frauen in einem Film dargestellt werden. "American Hustle" etwa besteht den Test, weil zwei Frauen zwar miteinander plaudern, und zwar - Gratulation! - NICHT über Männer, dafür aber über… nunja - über Nagellack.

Starke Frauenfigur - und trotzdem fällt "Lola rennt" durch den Bechdel-Test

Gleichzeitig fallen immer wieder Filme mit starken weiblichen Hauptfiguren durch: In "Gravity“ bleibt Sandra Bullock als einsame Astronautin die einzige Frau. Und als Franka Potente in "Lola rennt" ihren Freund rettet, führt sie dabei nicht ein Bechdel-Test-konformes Gespräch.

Wegen dieser Makel haben Filmfans inzwischen noch einen Test entwickelt: den Mako-Mori-Test, benannt nach einer Figur aus "Pacific Rim". Er prüft, ob eine Frau eine echte eigene Geschichte spendiert bekommt - unabhängig von einem Mann. Der Bechdel-Test dagegen ist eher gut fürs große Ganze, fürs Aufmerksamkeit schaffen dafür, wie unterrepräsentiert Frauen in Filmen auch heute noch sind. Gerade in Blockbustern.

Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson hat sich übrigens die feministische Kritik zu Herzen genommen: Für den zweiten Teil der Hobbit-Trilogie hat er Tolkiens männerlastigem Universum eine Frauenfigur hinzugefügt - und damit den Bechdel-Test bestanden.

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Martine Herpers, Montag, 02.März, 09:43 Uhr

1. Sexismus in der Filmindustrie

Hallo Frau Frisse,
herzlichen Dank für diese Recherchen.
Ich habe sie gleich auf der Seite für Unternehmen verlinkt, damit in den Unternehmen verstehen, warum es mit den Rollenstereotypen immer noch nicht erledigt ist.
http://collab.so-fort.de/index.php?title=Abbau_von_Rollenstereotypen_vorantreiben#Beispiele
Herzliche Grüße
Martine Herpers,

erfolgsfaktor FRAU
Projektleiterin GeDiCap-Kriterien