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Making of Meme // WG-Gesucht Die Heimat des Kühlschrank-Kommunismus

Wohngemeinschaften haben es schwer. Auf Anzeigen melden sich meist hunderte Interessierte, zur WG passen nur eine Hand voll. WG-Anzeigen im Netz haben daher skurrile Züge angenommen.

Von: Anna Bühler

Stand: 27.02.2015

WG Gesucht Memkolumne | Bild: BR

512 Euro zahlt man in München durchschnittlich für ein WG-Zimmer. In Frankfurt sind es 418, in Konstanz immer noch stolze 410 Euro Miete - Zahlen, die Statista auf Basis unterschiedlicher Quellen errechnet hat. Für München, Frankfurt und Konstanz heißt das: Gold, Silber und Bronze auf dem Treppchen der teuersten Unistädte Deutschlands.

Die hohen Mieten sind mit ein Grund dafür, dass Wohnungsanzeigen auf Börsen wie "WG-Gesucht" absurde Züge annehmen. Erst letztes Jahr wurde die Annonce einer gewissen Mona, 31, aus Berlin, durch die Blogs gereicht. Mona war auf der Suche nach einem 20 Quadratmeter großen Zimmer – für maximal fünf Euro. Denn "Geld ist ein Hebel des Stärkeren", womit sie sich nicht identifizieren könne. Und auch sonst wusste die „grundsätzlich pflegeleichte“ Mona sehr genau, wonach sie sucht:

"Ich hatte in der Vergangenheit leider des Öfteren Erfahrung mit Menschen machen müssen, die geblieben sind, wenn ich sie darum bat, die Wohnung (temporär) zu verlassen."
(Quelle: WG-Gesucht)

Im Netz wurde Mona zur wohl intolerantesten Mitbewohnerin der Welt gekrönt. Doch sie ist nicht die einzige "WG-Gesucht"-Userin, die genau weiß, was sie will – und was nicht. Immer wieder schaffen es Gesuche in unsere Timelines, die penibel genau nach passenden Mitbewohnern fahnden.

Der intime Lebensraum der Linken

Die Anzeigen gewähren einen intimen Einblick in den Lebensraum der Bewohner, vor allem dann, wenn es sich um WGs in der linken Szene handelt. Da dürfen präzise Angaben zur Sexualität und zu Essgewohnheiten nicht fehlen und natürlich werden auch die politischen Überzeugungen detailliert offengelegt.

"Du solltet sein eher über 30, irgendwie links, weder homophob noch rassistisch, keine überideologisierten Ansichten zum Nahen Osten und nicht den Traum von Schöner-Wohnen-Ambiente haben."
(Quelle: Jungle World)

"Hier wohnen sowohl weiblich als auch männlich erstsozialisierte Personen, einige haben einen Mittelklassebackground und andere haben Klassenwechsel erlebt."
(Quelle: Jungle World)

Auszüge, die Ivo Bozic, Redakteur der linken Wochenzeitung "Jungle World", aus 1800 Online- und Print-Anzeigen herausgesiebt hat. Auch er hat beobachtet, dass die Leute mit ihren Vorliebe nicht gerade hinterm Berg halten. Und wer nicht alle "Antis" aufzählen möchte, verklausuliere einfach, meint Bozic: "Indem man sagt, bei uns wird die "Jungle World" gelesen, oder bei uns wird diese oder jene Zeitung gelesen, die für bestimmte Inhalte steht."

Der Kommunismus wird im eigenen Kühlschrank erkämpft

Und man schafft klare Verhältnisse. Zweifelhafte Kandidaten hält man sich so von vornherein fern und vermeidet lästige Massen-Castings oder Wetter-Smalltalk. Trotzdem – gerade in der linken Community erscheinen WG-Gesuche erschreckend autoritär. Vermutlich, weil sich in der linken Politik derzeit auch etwas verschiebe, glaubt Ivo Bozic: "Dass sich die politische Sphäre von der Straße in die eigenen vier Wände verlagert.  Dass so Fragen nach Identität, Geschlecht und Essgewohnheiten immer wichtiger werden und der Kommunismus nicht mehr auf der Barrikade erkämpft wird, sondern im eigenen Kühlschrank."

Wenn dieser Kühlschrank-Kommunismus dann auch noch auf Plattformen wie "WG-Gesucht" getragen wird, hinterlässt das natürlich einen skurrilen Eindruck. Doch wenigstens ist es fair - so wie das Kuhmilchfach in der veganen Küche.


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