Bye, bye Snapchat Bald ist Snapchat nur noch ein Friedhof für tote Accounts

Kaum noch jemand interessiert sich für Snapchat und auch finanziell schaut es schlecht aus. Deswegen will das Unternehmen jetzt unsere Eltern ködern - aber das macht es nur schlimmer.

Von: Julian Wenzel

Stand: 08.11.2017

Snapchat Grab | Bild: BR

Wahrscheinlich rennen die Snapchat-Mitarbeiter nach dieser Woche panisch durch die Firmengänge und weinen heimlich hinter ihren Spectacle-Brillen. Am Dienstag hat Snapchat neue Quartalszahlen vorgestellt, die gelinde gesagt eine Katastrophe sind: Die Nutzerzahlen wachsen weltweit kaum noch, in Europa stagnieren sie komplett. Zwar öffnen immer noch rund 178 Millionen User die App täglich - bei Instagram sind es aber zum Vergleich inzwischen mehr als 500 Millionen.

Die richtig deprimierenden Zahlen kommen aber aus der Finanzabteilung: Allein in den letzten drei Monaten hat Snapchat 179 Millionen US-Dollar Verlust gemacht, also rund 2 Millionen TÄGLICH. What?! Das ist für neue Netzwerke zwar nicht  außergewöhnlich – Twitter hat auch noch nie Gewinn erwirtschaftet – aber so langsam sind die Investoren und Anleger auch mit ihrer Geduld am Ende. Der Kurs von Snapchat ist seit Start der Aktie auf die Hälfte geschrumpft. Das Netzwerk könnte in einem Jahr also einfach pleite sein.

Snapchat will bald auch Eltern ködern

Die naheliegende Reaktion: Snapchat will unbedingt neue User gewinnen – und zwar unsere Eltern. Wie das Unternehmen diese Woche angekündigt hat, soll dafür das Design radikal geändert und die Bedienung verständlicher werden. Damit eben auch alle über 30 die App endlich verstehen. Das letzte bisschen Restcoolness von Snapchat könnte so endgültig begraben werden: die elternfreie Zone.

"Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Redesign der App uns kurzfristig schädigen wird und wir wissen noch nicht, wie sich unserer Community verhält, wenn sie die neu designte App ausprobiert."

Snapchat CEO Evan Spiegel

Spectacles waren ein Megaflop

Belastend für Snapchat sind auch Fehlentscheidungen aus der Vergangenheit. Die vor einem Jahr noch krass gehypte Kamerabrille "Spectacles" interessiert inzwischen niemanden mehr. Hunderttausende Brillen vergammeln jetzt in Lagerhallen in China. Teilweise sind sie noch nicht mal zusammen gebaut.
Außerdem wurde Android viel zu lange vernachlässigt, wie CEO Evan Spiegel auch selbst zugibt. Dort lief die App lange Zeit katastrophal langsam. Erst seit Anfang des Jahres kümmert sich ein Entwicklerteam um eine bessere Android-Version. Viele Android-Nutzer, sind aber wahrscheinlich eh schon auf einer anderen Plattform unterwegs.

Instagram kopiert dreist, aber alle feiern es

Das krasseste Problem von Snapchat ist nämlich, dass Instagram mittlerweile alle Funktionen von Snapchat eiskalt kopiert. Stories? Macht Insta auch. Face-Filter? Gibt’s eh. Memories-Funktion? Macht Insta jetzt auch. Und: Instagram hat bereits jetzt schon eine größere und aktivere Community. Ob Snapchat da auf Dauer dagegenhalten kann? Wahrscheinlich nicht. Denn vor allem Influencer und Agenturen finden Snapchat nicht mehr spannend. Sie feiern Instagram mehr, weil sich dort Beiträge besser finden lassen, sie mehr Leute erreichen und das Netzwerk viele Features für professionelle Content-Creator bietet. So bindet Instagram die Leute an sich, die für jedes Netzwerk wichtig sind: Kreative, die andere User den ganzen Tag mit Inhalten vollballern. Es könnte also passieren, dass Snapchat in den nächsten Monaten einfach die Inhalte ausgehen.

Wenn Snapchat nicht bald mit irgendeiner Hammer-Idee daherkommt, Werbetreibende in die App holt und an seinen Kosten arbeitet, sieht es richtig düster aus. Dann könnte es Snapchat in einem Jahr vielleicht noch geben - aber nur noch wie seiner Zeit StudiVZ oder Lokalisten: als Friedhof für viele tote Accounts. Und als Mahnmal für den Slogan: "don’t believe the hype".

Sendung: Filter: 09. November 2017 - ab 15 Uhr.

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