Wahlkampf im Netz Die geheimen Werbeposts der Parteien

Im Wahlkampf ist Facebook genau so wichtig wie das klassische Straßenplakat. Ein Tool sind Dark Posts: Also Werbebeiträge, mit denen Parteien bestimmte User ansprechen, ohne dass andere es mitbekommen. Eine effiziente, aber auch ziemlich fragwürdige Methode.

Von: Kevin Ebert

Stand: 11.09.2017

Dark Posts | Bild: BR

Die Zeiten, in denen sich der Wahlkampf auf Werbestände, Hausbesuche und Wahlplakate beschränkt, sind längst vorbei. 2017 ist die richtige Social-Media-Strategie für die Bundestagswahl vielleicht sogar wichtiger als knackige Sprüche bei Maybritt Illner. Der Wahlkampf verlagert sich – aus dem TV-Studio in die Facebook-Timeline.

Als Partei sollte man heute wissen, welche Botschaft bei welcher Zielgruppe besonders gut zieht und dementsprechend spezifisch Werbung schalten. Eine Methode eignet sich dafür besonders gut: Dark Posts. Geheime Werbung, die nur ausgewählte User in ihrer Timeline finden. Die Inhalte tarnen sich als ganz normale Posts, sind aber weder öffentlich, noch tauchen sie auf der Seite des Absenders auf. Und sie werden auf bestimmte User zugeschnitten - Stichwort Microtargetting: Anhand von Daten werden dabei Persönlichkeitsprofile von Facebook-Usern ermittelt. Das ermöglicht es, Werbung zu schalten, die sich nahtlos in die Filterblase bestimmter User einfügt.

So weit, so gut. Tatsächlich ist zielgruppenspezifischer Wahlkampf jetzt nichts Neues. Jeder Politiker würde vor Studenten eine andere Rede halten als vor Vertretern der IG Metall, richtig?

Dark Posts im deutschen Wahlkampf

Das Problem ist, dass Dark Posts maximal intransparent sind. Sie tauchen nur in der Timeline von ausgewählten Nutzern auf und niemand kann wirklich nachvollziehen, was da so propagiert wird. Man kann sich das so vorstellen: Was die Parteien auf ihrer eigenen Seite posten oder auf die Wahlplakate schreiben, das rufen sie durch ein Megafon und jeder kriegt’s mit. Das, was sie in den Dark Posts sagen, flüstern sie bestimmten Menschen hinter der Bühne heimlich ins Ohr.

Auch im deutschen Bundestags-Wahlkampf spielen Dark Posts gerade eine große Rolle. Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied hat vor kurzem eine Werbung geschaltet, die sich an ganz bestimmte User gerichtet hat – an AfD-Fans. "Sichere Außengrenzen für ein sicheres Europa. Seht ihr das genauso?" stand da. Auf seiner Facebookseite war von dem Post keine Spur.

Daten sind Gold

Klar ist: Damit Dark Posts Sinn machen und Wählerstimmen bringen, braucht man eine Menge Daten. Wie die Parteien da ran kommen, sagen sie nur ungern. Netzpolitik.org hat die großen Parteien mit Fragen zum Thema Dark Posts und Microtargetting konfrontiert – die Antworten sind wenig aussagekräftig. Inzwischen weiß man, dass die CDU dafür die eigene App "Connect-17" entwickelt hat, bei der die Daten durch den Häuserwahlkampf gesammelt werden. Außerdem arbeitet sie mit einer externen Analysefirma zusammen, genau wie die FDP. Die SPD hat ähnlich wie die CDU ein eigenes System ins Leben gerufen und sagt ansonsten nichts dazu. Die AfD schweigt ganz. Einzig die Linke und die Grünen geben wirklich Auskunft: Beide benutzen laut eigenen Angaben nur die Targetting-Tools von Facebook – die an sich aber auch schon ziemlich ausgefeilt sind.

Gemeinsam kann man Dark Posts enttarnen

Das Ganze riecht für viele eindeutig nach Missbrauchspotenzial: Nutzerdatenbasiert und dazu sehr undurchsichtig. Die amerikanische Rechercheorganisation "pro publica" will Dark Posts deshalb entschärfen und hat dafür ein spezielles Browser Add On entwickelt. Das können sich Facebook-User installieren und so alle Dark Posts, die in ihre Timeline gespült werden, öffentlich zur Verfügung stellen. Das Ganze ist eine Art Transparenz-Crowdsourcing. Anonym versteht sich.

Bei uns haben der Blogger Martin Fuchs und die schweizer Journalistin Adrienne Fichter #PolitikAds ins Leben gerufen. User können so auf Twitter und Facebook Screenshots von den Wahlwerbungen in ihrer Timeline veröffentlichen. Das Ziel: Kampagnen aufdecken, die in der offiziellen Parteienwerbung nicht vorkommen. Damit endlich alle wissen, was die Parteien im Netz verbreiten. Denn schließlich betrifft so eine Bundestagswahl ja auch alle.

Sendung: Freundeskreis, 13. September 2017 - ab 10 Uhr

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