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Der Münchner Amoklauf in Social Media 4 Dinge, die wir nach der Amoknacht über Twitter gelernt haben

Um 17.52 Uhr geht ein Notruf bei der Münchner Polizei ein: Schüsse im OEZ. Wenig später gibt es die ersten Tweets, im Laufe der Nacht werden mehr als 200.000 Nachrichten auf Twitter abgesetzt. Wir haben sie ausgewertet.

Von: Pia Dyckmans

Stand: 26.08.2016

Amoknacht bei Twitter | Bild: BR

Twitter ist ein ernstzunehmender Infokanal. Über zwölf Millionen User kommen in Deutschland monatlich mit dem Nachrichtendienst in Kontakt, das sagt Twitter zumindest selbst. Allein während des Amoklaufs in München gab es zwischen 18 Uhr und 6 Uhr am nächsten Morgen mehr als 200.000 Tweets, teilweise mehr als 1.000 Tweets in der Minute. Aber was wurde eigentlich geschrieben? Wurden Informationen verbreitet oder verstärkt Twitter in Fällen wie beim Münchner Amoklauf doch eher die Panik?

Grundsätzlich gilt: Anschläge gehen immer mehr viral, immer schneller wollen wir informiert werden und am besten gleich selbst noch mitmischen. Doch bei mehr als 200.000 Tweets verliert man leicht den Überblick. Was können wir also von Twitter nach der Amoknacht lernen? Wir haben die Tweets ausgewertet.

1. Der Account der Polizei München ist ganz vorn

Bereits kurz nach dem Notruf um 17:52 Uhr lief die Twitter-Maschinerie an. Die ersten warnten, mutmaßten und auch das berühmte McDonalds-Video kam schnell in Umlauf. Einer der ersten Tweets war von @johndeconner. Mit mehr als 2.000 Retweets wurde er mit am häufigsten geteilt.

Doch neben zwei weiteren Tweets zum Video sind in den Top 20 der meist verbreiteten und gelikten Tweets ausschließlich verlässliche Informationsquellen wie die @PolizeiMuenchen.

Auch interessant: Kein Medienaccount wurde so oft geteilt wie die @PolizeiMuenchen. Lediglich der Hinweis einer ZDF-Journalistin auf die Hilfsaktion #opendoors erntet ebenfalls mehr als 2.000 Retweets und Likes.

2. Behörden müssen auf Twitter sein und informieren

Die Top 10 der Retweets zeigen: Die @PolizeiMuenchen dominiert Twitter in dieser Nacht. Sie setzt auf Deutsch, Englisch und Französisch Tweets ab, informiert jeweils über den Stand der Ermittlungen, warnt, beruhigt, ermahnt, dass Bilder und Videos auch dem Täter helfen könnten. Ihre Tweets wurden am häufigsten weiterverbreitet. Acht der Top 10-Retweets sind von der Polizei München abgesetzt. Die Nacht und auch die Analyse der Tweets hat gezeigt: Behörden müssen dort präsent sein, wo die Menschen sind. Sie sind während solchen Ereignissen diejenigen, die informieren können und müssen - und auch diejenigen, die glaubhaft warnen und beruhigen können.

3. #opendoors zeigt, dass Social Media auch sozial sein kann

Wer hätte es gedacht: Twitter-User beweisen an diesem Abend, dass man über Twitter nicht nur kritisieren kann, sondern auch helfen. Menschen öffneten ihre Türen, um Fremden einen sicheren Unterschlupf zu bieten. Von Privatwohnungen und Hotels bis hin zur Moschee in München war die Welle der Hilfe enorm. Unter den Hashtags #offenetür, #offenetuer, #offenetüren, #opendoor, #opendoors, #pourteouverte und #porteouverte wurden 30.958 Tweets abgesetzt.

4. Infos und Anteilnahme besiegen Hetze und Hass

Online lässt es sich einfacher hetzen und haten. Doch der Abend des Amoklaufes zeigt, dass Twitter auch anders kann. Die meistgenutzten Hashtags waren nicht Mutmaßungen wie #Terror oder #ISIS, sondern neben  - klar #München oder #OEZ – auch #prayforgermany #prayformunich.



Doch nicht nur die Hashtags zeigen, dass nicht Hetze sondern eher Antihetze erwünscht ist:

Fazit

Gerüchte entstehen überall, ob analog oder digital. Social-Media-Kanäle verstärken und beschleunigen sie aber noch – auch Twitter. Vor allem wenn man den Livemodus liest. Dann nämlich laufen ungefiltert tausende Tweets über die Timeline. Wenn dann noch WhatsApp-Nachrichten dazu kommen à la "Hast du schon gehört" oder "Mir wurde gerade erzählt, dass…" führt das oft zu Angst.

Doch die Analyse der Tweets aus der Amoknacht zeigt: Die lautesten waren auch die verlässlichsten Quellen. Würde man bei Twitter beim nächsten Mal im "Top-Modus" lesen, wo der Algorithmus schon vorselektiert, dann ist Twitter gar keine schlechte Informationsquelle.

Stand der Daten für die Auswertung: 10.08.2016

Sendung dazu am 29.08.2016:


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