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Wohnheim Kistlerhofstraße Wo Flüchtlinge und Studenten zusammenleben

Gemeinsam kickern und afghanisch kochen: In der Münchner Kistlerhofstraße sollen schon bald Studenten und Flüchtlinge zusammen leben. Frederik Kronthaler leitet das Projekt und erklärt, wie beide Seiten voneinander profitieren.

Von: Hardy Funk

Stand: 26.05.2015

Das Wohnheim für Studenten und Flüchtlinge in der Münchner Kistlerhofstraße | Bild: BR

Die einen freuen sich auf die Freiheit der ersten eigenen Bleibe und das Abenteuer einer neuen Stadt, die anderen wurden - oft gewaltsam - von ihren Familien getrennt und suchen jetzt in Bayern Zuflucht vor Krieg und Zerstörung: In einem Wohnheim der Hilfsorganisation Condrobs in der Münchner Kistlerhofstraße sollen schon bald Studenten und minderjährige unbegleitete Flüchtlinge zusammenleben.

Noch wird geflext, gebohrt und geschraubt: Nach dem Umbau des ehemaligen Bürogebäudes in ein Wohnheim sollen dort 44 Studenten und 66 Flüchtlinge gemeinsam essen, lernen und feiern. Frederik Kronthaler, bei Condrobs für die Jugendarbeit zuständig, leitet das Projekt und hat PULS erzählt, welche Chancen für beide Seiten in dem Projekt stecken.

PULS: In der Kistlerhofstraße entsteht gerade ein Wohnheim für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge und Studenten. Was ist die Idee hinter dem Projekt?

Frederik Kronthaler: Die Idee dahinter ist, dass beide vom Zusammenleben profitieren, sowohl die minderjährigen Flüchtlinge, wie auch die Studenten.

Inwiefern profitieren die Flüchtlinge?

Die Flüchtlinge sehen, wie junge Menschen in München leben und ihre Freizeit verbringen. Dass die auch Schwierigkeiten haben, den Abschluss zu schaffen, oder Probleme mit dem Lernen. Das kennen minderjährige Flüchtlinge ja auch, dass Deutschlernen nicht so einfach ist, dass eine Lehre mit Schwierigkeiten verbunden ist. Und umgekehrt sehen die Studenten, wie sich minderjährige Flüchtlinge engagiert an ihre Hausaufgaben setzen und Deutsch lernen wollen und Lust auf einen Lehrplatz haben.

Das Gleiche gilt für Beziehungsfragen: Indem man sieht, wie sich ein Afghane den Wunsch nach einer Beziehung erfüllt oder mit Beziehungsschmerz umgeht und wie sich auch mal ein Student trennt und verzweifelt ist, lernen beide, dass die Unterschiede nicht so groß sind, wie man immer denkt.

Passiert das generell zu selten, dass Menschen mit Flüchtlingen zusammenkommen?

Ja, wir bei Condrobs sind dieser Meinung. Bis auf die Fälle, wo sich Ehrenamtliche um die Flüchtlinge kümmern oder die Lehrerin oder der Lehrer deutsch ist. Ansonsten bleiben sie eher in ihrer Community, haben auch nicht wirklich Ahnung, wo man sich als Jugendlicher trifft. Das hoffen wir letztendlich durch dieses Projekt zu durchbrechen.

Allerdings werden die Flüchtlinge und Studenten in der Kistlerhofstraße auf getrennten Gängen wohnen – eine Auflage der Heimaufsicht, der Regierung von Oberbayern. Wie sieht das Miteinanderleben im Wohnheim dann letztendlich aus?

Bei der Trennung in einen Studenten- und einen Flüchtlingsflügel ging es hauptsächlich darum, die Kosten eindeutig zu trennen. Nicht, dass der Staat am Ende studentisches Wohnen subventioniert. Die Türen zwischen den Gängen sind aber offen.

Wir werden auch einen Gastraum im Erdgeschoss haben, der tagsüber als Mittagstisch für Büroangestellte und Rentner offen ist. Abends wird der zu einer selbstverwalteten Teestube, die immer ein Student und ein Flüchtling gemeinsam betreiben. Da können dann alle abends hin und Kicker spielen und ratschen und Backgammon spielen. Im gemeinsamen Waschraum und im Treppenhaus wird man sich treffen. Und es wird gegenseitige Einladungen für Kochabende geben – afghanisch, eritreisch, deutsch, bayerisch... An der Pforte werden Studenten und Studentinnen sitzen und dabei helfen, wie man zum Ausländeramt kommt oder in die Pinakothek. Da gibt es einen Anlaufpunkt rund um die Uhr und so wird sich das Leben mischen.

Zusätzlich sollen die Studenten auch die Rolle eines großen Bruders beziehungsweise einer großen Schwester übernehmen – mit dem Nebeneffekt, dass damit die Miete etwas günstiger wird. Welche Aufgaben können die Studenten denn übernehmen?

Sie können zum Beispiel im Freizeitbereich etwas unternehmen und sagen, ich begleite dich in den Volleyballclub oder sie machen die Pforte am Eingang oder geben Deutsch- oder Mathe-Nachhilfe für Berufsschüler. So wird sich das gestalten und ich hoffe, dass viele engagierte Studenten und Studentinnen, die das jetzt lesen, Lust auf das Wohnprojekt haben und sich bei Condrobs auf einen Platz bewerben.

In letzter Zeit kommen immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland und nach Bayern. Trotzdem sieht man sie kaum in der Stadt. Geht es bei dem Projekt auch darum, Flüchtlinge in der Stadt etwas sichtbarer zu machen?

Wir wollen, dass Flüchtlinge sichtbarer werden und vor allem, dass sie mitten im Leben stehen. Menschen mit Fluchthintergrund wollen in der Regel nicht auffallen. Sie wollen eigentlich in der Gesellschaft, in der sie aufgenommen werden, alles so erledigen, dass sie keine Probleme machen. Deswegen kann jeder minderjährige Flüchtling für uns auch eine Bereicherung sein. Wir arbeiten zum Beispiel mit verschiedenen Firmen zusammen, die mit Begeisterung unsere Jugendlichen ein Praktikum machen oder in die Lehre gehen lassen - weil die Flüchtlinge an allem, was sie lernen, sehr interessiert sind.

Die meisten hoffen auch, dass sie zurückgehen können, dass irgendwann der Krieg in ihrem Land aufhört und sie dann das, was sie in Deutschland gelernt haben, mitnehmen können. Ich habe mich erst vorgestern mit einem Flüchtling unterhalten, der gerade eine Bäckerlehre macht und der sagt, ich mache in Damaskus die erste deutsche Bäckerei auf, weil ich jetzt ein Mischbrot backen kann und weiß, welche Zutaten in eine Breze gehören. Und wenn er nicht zurück kann, weil dort Krieg herrscht, dann ist er hier ein Bäckergeselle, der um vier in der Backstube steht.

Trotzdem gibt es bei solchen Projekten oft auch ein paar nicht so begeisterte Reaktionen von Anwohnern, die keine Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft haben wollen. Gab es solche Reaktionen auf das geplante Wohnheim?

Nein. Wir waren letztes Jahr im Sommer im Bezirksausschuss und haben das Projekt vorgestellt. Die waren alle begeistert, vor allem davon, dass es keine reine Flüchtlingseinrichtung ist, sondern eine gemischte Einrichtung mit Studenten. Wir haben sogar Nachbarinnen, die fragen, wann geht’s denn jetzt endlich los, die können doch nicht so ewig brauchen mit dem Bauen. Also eine ganz positive Stimmung.

Im Wohnheim werden ausschließlich unbegleitete Flüchtlinge leben – also Flüchtlinge, die ohne Eltern hierher gekommen sind. Wie sieht deren Geschichte aus?

Das ist unterschiedlich: Es gibt Fluchtgeschichten, wo ein Dorf ausgelöscht wurde und Verwandte zusammengelegt haben, damit der einzig überlebende Sohn nach Europa kommt. Es gibt aber auch Geschichten, wo der Vater in der Armee ist oder nicht mehr aus einem Rebellenkrieg auftaucht, die Mutter überfordert ist und der Sohn nach Europa geht, um Geld zu verdienen und so das Überleben der Familie zu sichern. Allen Geschichten gemeinsam ist, dass der Fluchtweg grausam und brutal ist und dass wir uns da als Europäer etwas überlegen müssen.

Viele Flüchtlinge müssen ihre schrecklichen Erlebnisse auch erst noch verarbeiten. Das können Studenten wahrscheinlich nicht leisten...

Das Wohnheim ist nicht dafür gedacht, schwer traumatisierte Flüchtlinge aufzunehmen. Diese Einrichtung ist für minderjährige Flüchtlinge gedacht, die vorher in intensiv betreuten Einrichtungen waren und im Grunde genommen auf dem Weg zur Integration sind. Für die wird es pro Gruppe zweieinhalb Sozialpädagogen geben und rund um die Uhr einen Sozialpädagogen, der nachts schläft, plus den Bereitschaftsdienst der Studenten an der Pforte.

Das klingt alles, als bräuchte es mehr solche Projekte – müsste dafür noch mehr von der Stadt oder vom Freistaat kommen?

Die Stadt München ist hoch engagiert und unterstützt uns auch bei der Umsetzung des Projekts, von der Lokalbaukommission bis zum Sozialreferat. Was wir, denke ich, dringend brauchen, ist ein geregeltes System der bundesweiten Aufnahme von Flüchtlingen und insbesondere minderjährigen Flüchtlingen, weil eine Stadt allein den Ansturm sicher nicht bewältigen kann.

Nachdem das Wohnheim für Condrobs ein richtig großes Projekt ist, sind wir konkret aber auch auf Spenden angewiesen, um das alles umsetzen zu können. Ich würde mich freuen, wenn jeder, der das liest, auch nur fünf Euro in die Flüchtlingsarbeit investiert, damit es für die Träger, die das letztendlich wuppen, einfacher wird.

Im Moment werden noch Kabel verlegt, Türen und sanitäre Einrichtungen eingebaut. Wann können die Flüchtlinge und Studenten einziehen?

So, wie's jetzt aussieht, werden wir zum 15. Juli fertige Räume und schöne Apartments haben und dann können wir auch sicher sagen: Liebe Studenten, liebe Flüchtlinge, ihr könnt einziehen. Das kann sich allerdings noch einmal verzögern. Wir haben gerade mit einer sehr großen Flüchtlingswelle zu kämpfen, weshalb die Stadt ein Sommercamp mit Flüchtlingen plant. Wer dabei hilft, kann vorübergehend im Studentenflügel des Wohnheims wohnen.


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