114

Trans-Begriffe Wie mensch über Transgender spricht

Die Transgender-Debatte tobt, nur die Begriffe geraten dabei oft durcheinander. Kein Wunder: Es ist schwierig, den Überblick zu behalten. Wir sagen: Schluss mit sprachlos! und haben versucht die wichtigsten Wörter zu erklären.

Von: Mara Wecker & Lisa Altmeier

Stand: 04.12.2015 | Archiv

Transgender Begriffe und Definitionen | Bild: BR

Über das Thema Trans* zu sprechen ist gar nicht so einfach. Es gibt nämlich extrem viele verwirrende Begriffe und Formulierungen - und auch jede Menge Fettnäpfchen. Aussagen wie "im falschen Körper geboren", "war früher ein Mädchen" oder "würde gerne eine Frau sein“ sind problematisch. Außerdem gibt es Streit über die richtige Wortwahl: Sagt man jetzt transsexuell oder transgender oder transident oder vielleicht doch lieber trans*? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Wir haben trotzdem versucht die wichtigsten Trans*-Begriffe zu definieren und zu erklären, warum bestimmte Formulierungen nicht unbedingt gut ankommen. Eure bisherigen Vorschläge zur Ergänzung sind in die unten stehende Liste eingeflossen. Wenn ihr weitere Anmerkungen oder Verbesserungsvorschläge habt, immer her damit!

Transgender

Als Transgender bezeichnet man Personen, die sich nicht - oder nicht nur - mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Transgender wird inzwischen auch teilweise als Oberbegriff verstanden, der zum Beispiel auch Menschen einschließt, die sich weder mit dem Geschlecht Mann noch mit dem Geschlecht Frau identifizieren. Das Wort "trans" kommt aus dem Lateinischen und heißt soviel wie "hinüber" oder "jenseitig", der Begriff "gender" bezieht sich auf das (soziale) Geschlecht. Einige transgeschlechtliche Personen lehnen das Wort wegen der Betonung der sozialen Komponente ab.

Transsexualität

Transsexualität ist der in Deutschland rechtlich korrekte Begriff für Transgeschlechtlichkeit. Eingeführt hat ihn der Sexualforscher Hirschfeld - und das schon 1923. Das Wort "Sexualität" bezieht sich in diesem Fall auf das körperliche Geschlecht (von lateinisch "sexus"). Der Begriff wird heute von einigen Menschen abgelehnt, weil die Endung "-sexualität" die körperliche Komponente im Gegensatz zur sozialen ("gender") betont und so klingt, als hätte Transsexualität etwas mit sexueller Orientierung zu tun, was nicht der Fall ist. Andere Leute bezeichnen sich bewusst als transsexuell, weil sie der Meinung sind, dass es sich bei Transsexualität um eine körperliche und nicht um eine soziale Angelegenheit handelt und grenzen sich demensprechend vom Begriff "Transgender" ab.

Transidentität

Transidentität betont, dass es bei der Sache um die Identifikation mit dem anderen Geschlecht - und nicht um die Sexualität geht. Das Adjektiv "transident" wird in Deutschland heute häufig als Synonym für "transsexuell" verwendet. Allerdings ist auch dieser Begriff umstritten. Erstens weil er suggeriert, dass der Körper komplett unwichtig wäre, zweitens weil Identität danach klingt, als ob man es sich ausgesucht hätte, transident zu sein.

Trans*

Da es um die oben genannten Begriffe diverse Diskussionen gibt, wird in Deutschland inzwischen immer häufiger der Begriff "Trans*" ("Trans-Sternchen") verwendet. Er ist der Versuch einen nicht wertenden und nicht kategorisierenden Oberbegriff für das gesamte Trans*-Spektrum zu finden.

Transvestit

"Transvestismus" ist ein sehr alter Begriff, den der Sexualforscher Magnus Hirschfeld schon 1910 eingeführt hat. Damals meinte er damit Menschen, die sich entgegen ihres bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts kleiden - "vestire" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "tragen". Heute sagt man dazu eher "Cross-dressing", denn im allgemeinen Wortgebrauch wird unter Transvestismus häufig eine sexuell motivierte Aktion verstanden - und Transgeschlechtlichkeit ist unabhängig von der Sexualität.

Transgeschlechtlichkeit

Andere Menschen verwenden den Begriff "Transgeschlechtlichkeit" als Oberbezeichnung. Er beinhaltet sowohl die körperliche Komponente (transsexuell) als auch die soziale (transgender).

Androgynie

Eine Person, die äußerlich sowohl weibliche als auch männliche Merkmale (können auch Kleidung oder Gestik sein) hat, sodass sie nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann. Dass eine Person androgyn ist, muss nichts über ihre Identifikation mit einem Geschlecht aussagen.

Transfrau

Eine Person, die sich als Frau identifiziert, obwohl ihr bei der Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet wurde.

Transmann

Eine Person, die sich als Mann identifiziert, obwohl ihr bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde.

Cisgender

Der Gegensatz zu "trans" (lateinisch: jenseitig) ist "cis", was auf deutsch "diesseitig" bedeutet. "Cisgender" ist die Bezeichnung für Menschen, die sich mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht identifizieren.

Cisfrau

Eine Person, der bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde und die sich damit identifiziert.

Cismann

Ein Cismann wurde bei der Geburt als Mann eingeordnet und identifiziert sich damit.

Geschlechtsangleichung

Bei einer Hormonbehandlung oder Operation werden körperliche Merkmale an die persönliche Geschlechtsidentität angeglichen. Das früher gängige Wort hierfür war "Geschlechtsumwandlung". Allerdings ist eine Trans-Frau, die ihre Geschlechtsorgane angleichen lässt, aus Sicht vieler Transgender vorher genauso eine Frau wie danach - sie wird nicht erst durch die OP zur Frau. Der Begriff "Geschlechtsangleichung" betont also, dass der Körper angepasst wird und nicht das Geschlecht umgewandelt wird.

Transphobie

Die Ablehnung von Trans-Menschen - oft verbunden mit Diskriminierung und Gewalt gegen Trans-Menschen.

Transsexuellengesetz (TSG)

Das deutsche Transsexuellengesetz trat 1980 in Kraft. Es ermöglicht Trans-Menschen zum Beispiel, ihren Vornamen zu ändern oder im Personenstandsregister ihren Status von "männlich" auf "weiblich" - oder umgekehrt - ändern zu lassen. Nicht möglich ist es, eine neutrale Formulierung zu wählen: Also laut Gesetz muss man sich zwischen zwei Geschlechtern entscheiden.

LGBT

LGBT ist die Abkürzung für "Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender" und steht für die Community von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern.

Problematische Formulierungen

  • "war früher ein Junge": Viele Trans-Männer würden wohl eher von sich sagen, dass sie früher auch schon Jungs waren - und Trans-Frauen eben Mädchen. Besser (falls es zutrifft): "Wurde als Junge großgezogen."
  • "wurde als Mädchen geboren": Das gleiche Spiel: Nur, weil eine Person bei der Geburt als Mädchen einkategorisiert wird, muss sie noch lange kein Mädchen SEIN.
  • "möchte gern eine Frau sein": Das deutet an, dass man sich ganz einfach für eine geschlechtliche Identität entscheiden kann. Transgender fühlen sich aber genauso als Mann oder eben Frau wie Cisgender.
  • "im falschen Körper geboren": Das ist die landläufige Phrase, um Transgender knackig zu beschreiben. Allerdings lehnen nicht alle Transgender ihre Körper ab und wenn dann häufig nur Teile davon, wie zum Beispiel die Geschlechtsmerkmale. Zu dem Thema gab es kürzlich auch eine Twitter-Debatte. Tenor: Die Vorstellungen der Gesellschaft sind falsch, nicht der Körper.
  • "er"/"sie": Eigentlich ganz einfach: Man wählt immer das Pronomen für eine Person, das sie auch selbst für sich nutzt. Auch wenn es früher vielleicht mal ein anderes war. Und ja, auch wenn man über die Vergangenheit spricht. Wenn auch der geringste Zweifel besteht, wie man eine Person ansprechen soll, am besten fragen. Die allermeisten Trans*-Menschen werden sehr viel lieber diese Frage beantworten, als ein weiteres Gespräch zu führen, in dem sie mit dem falschen Pronomen angesprochen werden.

Unsere Definitionen stützen sich auf die Publikation "Trans* in den Medien" von TransInterQueer e.V., das Portal gendertreff.de, die Trans*-Tagung München und die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität .

Schlagworte:
körper
psychologie
transgender

114

Kommentare

Inhalt kommentieren

Bitte geben Sie höchstens 1000 Zeichen ein.

Spamschutz * Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Aufgabe als Zahl ein:

Daniel-Yossi , Sonntag, 05.Juli, 18:28 Uhr

10. Herzlichen Dank!

Danke für die Offenheit und Sachlichkeit der Moderatoren und vor allem auch der beiden Interviewpartner auch der Mutter! Es ist ein Graus, Krankenkassen und Gutachtern beweisen zu müssen, was einem selbst selbstverständlich ist. Hat jemand schon mal gehört, dass eine Krankenkasse wissen wollte, ob man Cis-Frau oder Cis-Mann ist, wenn man Kinder zeugen oder bekommen möchte? Ich wurde früher oft gefragt: Bist Du Junge oder Mädchen? - Sogar heute noch - obwohl mein Brustumfang eine leider noch deutliche Sprache spricht (die Geschlechtsangleichung liegt noch vor mir!) So gibt es für mich wirklich dumme Situationen (Bsp: Autobahnraststätten, wo hilfreiches Personal den Bedürftigen die "richtige" Richtung weist^^).
Was die unterschiedlichen Begrifflichkeiten zu trans* angeht - sie mögen manchen Leuten hilfreich sein; ich kannte diese Begriffe mit 5, 15, ..40 Jahren noch nicht und ich weiß wer u. was ich bin auch wenn andere mich anders haben wollten. Ich brauche dazu echt kein Etikett.

Franzi, Sonntag, 05.Juli, 11:57 Uhr

9. Transgeschlechtlich entspricht Transgender

Sehr gute Zusammenfassung, die vorbildlich in Zusammenarbeit mit Trans*Institutionen entstanden ist! Es kommt gut heraus, dass fast jeder Begriff auch immer umstritten ist und nicht von allen akzeptiert wird.

Wichtiger als diese Regel-Listen auswendig zu lernen, ist zu verstehen, warum manche Formulierungen oder Worte verletzen sein können: Warum zB Worte wie "Bio-Mann" oder "Geschlechtsumwandlung" Vorurteile gegenüber Trans*Menschen transportieren und verletzend sein können.

Nur die Definition von Transgeschlechtlich ist falsch, es ist eine Eindeutschung des amerikanischen Transgender und ebenfalls ein Oberbegriff für Transfrauen, Transmänner und weitere nicht-binäre Identitäten wie Genderqueer, Bi-Gender, Androgyn, etc. - Aber gibt es einen Begriff, der als Oberbegriff für alle Identitäten stehen soll, bildet sich gleich eine Gruppe, die diesen Begriff ablehnt. Gerade politisch konservative Transsexuelle lehnen jeden Begriff, der das Wort "Gender" enthält, für sich vehement ab.

  • Antwort von Kim Schicklang, Montag, 06.Juli, 16:53 Uhr

    Richtig ist, dass "Transmensch" für "Transgender" steht. Aber: Die Vorstellung, dass eine körperliche Variation (Transsexualität) zu einer Identifizierung mit Gender-Stereotypen umgedeutet wird, lehnen auch politisch emanzipierte Menschen ab, die wissen, dass Gender eine soziale Konstruktion ist. "Transmensch" ist so etwas wie selbstgemachtes Othering, die dazu führt, dass Frauen, die wissen, dass sie Frauen sind, zu "biologischen Männern" erklärt werden, weil ihr Körper nicht der stereotypen Körpernorm entsprechen. "Transmensch" ist für diese Frauen eine rückständige, erzkonservative und ziemlich stereotype Idee, Menschen bereits per Definition zu othern, in dem sie mit "Trans" nach gegenüber gesetzt werden, anstatt sie als Teil der geschlechtlichen Vielfalt anzuerkennen.

Dorothea Zwölfer, Samstag, 04.Juli, 12:48 Uhr

8. Danke

Danke für Ihren Versuch, ein wenig Ordnung in die Begrifflichkeiten zu bringen. Was noch fehlt ist der Hinweis darauf, dass aus neurowissenschaftlicher Sicht es keine klare und eindeutige Grenze zwischen "gender" und "sex" im Bereich TS/ Transgender gibt. Mehr dazu im 2014 publizierten Aufsatz von Dr. Dr. H. Haupt (Neuropsychologe und Psychiater): 3 Jahre Altdorfer Empfehlungen. Dort gibt es eine eigene Überschrift: "Hirngeschlechtsvarianten – Abschied von „Trans“ und „Gender"".
(Alle Links werden redaktionell entfernt. Anm. d. Red.)
Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

Lala, Freitag, 03.Juli, 17:16 Uhr

7.

Eine kleine Korrektur zum Punkt TSG. Seit der Revision des Personenstandsgesetzes vom 01.11.13 gilt: „Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche Angabe in das Geburtenregister einzutragen.“ (§22).
Diese Neuregelung öffnet neue Möglichkeiten wirft jedoch neue Probleme auf. Zum einen kann dadurch eine Form von Zwangsouting entstehen zum anderen der Eindruck erweckt werden eine Person, die nicht einer der dichotomen Geschlechterdefinitionen zuzuordnen ist, habe “kein” Geschlecht oder ein “drittes” Geschlecht, was dem komplexen Identitätsempfinden der Betroffenen nicht gerecht wird bzw. widerspricht.

  • Antwort von Anne-Mette , Samstag, 04.Juli, 08:49 Uhr

    Moin,
    bitte keine "Verschlimmbesserungen". Bei der angesprochenen Verfahrensweise geht es um INTERSEXUELLE Kinder.
    Mit dem TSG hat das nichts zu tun.
    Gruß
    Anne-Mette
    (Alle Links werden redaktionell entfernt. Anm. d. Red.) Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
    Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

Lisa Altmeier, Freitag, 03.Juli, 16:43 Uhr

6. Danke für die bisherigen Diskussionsbeiträge

Hallo und danke für eure Rückmeldungen,

wir haben einige eurer Hinweise in die oben stehende Übersicht aufgenommen und die Beschreibungen von Transgender und Transsexualität stärker differenziert.

Schöne Grüße
Lisa Altmeier

  • Antwort von Kim Schicklang, Freitag, 03.Juli, 21:34 Uhr

    "Transsexualität ist der in Deutschland rechtlich korrekte Begriff für Transgeschlechtlichkeit."

    Nein. Transsexualität ist in Deutschland der Begriff für Transsexualität. Wenn ein Mensch zu seinem Geschlecht abweichende Körpermerkmale hat, sind diese "transsexuell": Ist diese Transsexualität stark ausgeprägt, handelt es sich um transsexuelle Menschen. "Transgeschlechtlichkeit" ist eine Wortschöpfung von Menschen, die sich selbst nicht als transsexuell sehen und wahrscheinlich daher, - respektiert man, wie menschen sich selbst sehen - nicht transsexuell sind, sondern irgend ein anderes Lebensthema haben. Die Lobbygruppen, auf die ihr referenziert, sind keine Gruppen transsexueller Menschen - sie nennen sich auch nicht so, schon mal aufgefallen?

  • Antwort von Kim Schicklang, Freitag, 03.Juli, 21:38 Uhr

    Nein. Transsexualität ist in Deutschland der Begriff für Transsexualität. Wenn ein Mensch zu seinem Geschlecht abweichende Körpermerkmale hat, sind diese "transsexuell". Ist diese Transsexualität stark ausgeprägt, handelt es sich um einen transsexuellen Menschen. "Transgeschlechtlichkeit" ist, wie "Trans*", eine Wortschöpfung von Menschen, die sich nicht als transsexuell sehen und wahrscheinlich daher - es ist immer gut, Menschen ernst zu nehmen - nicht transsexuell sind, sondern ein anderes Lebensthema haben. Die Lobbygruppen, auf die ihr referenziert, sind keine Gruppen transsexueller Menschen und sind daher auch keine gute Quelle (wer einen Apfehl kaufen will, geht auch nicht in einen Birnenladen) - übrigens haben diese Gruppen auch kein "transsexuell" im Namen. Schon mal aufgefallen?