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Transgender und Transsexualität Wie funktioniert eine Geschlechtsangleichung?

Der Arzt Dr. Liedl führt 300 Geschlechtsangleichungen im Jahr durch. Für ihn sind die OPs Routine, für seine Patienten sind sie lebensverändert. Aber wie läuft so eine Operation eigentlich ab?

Von: Lisa Altmeier

Stand: 04.12.2015

Felicitas ist eine große, blonde, schlanke Frau. Mit einem Penis. Noch. Denn heute hat die 18-Jährige ihre geschlechtsangleichende Operation in einer Münchner Spezialklinik. Feli ist eine Transfrau, das heißt, sie kam mit männlichen Geschlechtsorganen auf die Welt. Und die sollen heute weg. Statt Penis und Hoden wird Feli dann eine sogenannte Neovagina haben, eine neue Vagina also.

Das hinzukriegen ist der Job von Dr. Bernhard Liedl. Für Patientinnen wie Feli sind diese Operationen lebensverändernd. Für ihn sind sie Routine. Er führt 300 Geschlechtsangleichungen im Jahr durch. Aber wie läuft so eine OP überhaupt ab?

Die Operationsmethode von Dr. Liedl bezeichnet man als Invaginationsmethode. Bei ihr wird die Penisschafthaut nach innen umgestülpt, aus ihr entsteht die Neovagina. "Der schwierigste und längste Teil der Operation ist allerdings die Bildung der neuen Klitoris aus der Eichel" erklärt Dr. Liedl. Dabei wird die Eichel komplett an ihrem Gefäß-Nerven-Bündel erhalten, um daraus die Neoklitoris zu formen. Sie wird so präpariert, dass nur der obere Teil sichtbar aus der Haut herausschaut. "Hierbei besteht das Risiko, dass ein Gefäßnervenbündel verletzt wird und die Klitoris abstirbt", so Dr. Liedl.

Die offizielle Bezeichnung dieser OP ist "Mann-zu-Frau-OP." Nach der Operation verbleiben die Patientinnen etwa eine Woche im Krankenhaus. Danach müssen sie ihre neue Scheide regelmäßig mit Hilfe eines Vibrator-ähnlichen Sets offen halten, damit die Neovagina sich nicht wieder zusammenzieht.

Bei der zweiten Operation, die üblicherweise ein paar Monate später erfolgt, wird die überschüssige Haut entfernt, die nach der ersten OP noch vor dem Scheideneingang verbleibt. Der Scheideneingang wird begradigt und erweitert. Außerdem wird der Schamhügel aufgebaut.

Die "Frau-zu-Mann-OP"

Das Gegenstück zur "Mann-zu-Frau-OP" ist die "Frau-zu-Mann-OP", bei der Patienten, die mit einer Vagina auf die Welt kamen, einen Penis erhalten. Diese OP ist um einiges aufwändiger. In der chirurgischen Klinik München-Bogenhausen, in der Dr. Liedl tätig ist, erkennt man diese Patienten daran, dass sie mit einem dicken Verband um den Unterarm durch die Gänge laufen. Der Verband kommt daher, dass aus ihrem Arm ein Hautlappen entnommen wird, aus dem die Ärzte dann einen Penis formen.

Das funktioniert so:

Die sogenannte Frau-zu-Mann-OP ist durch die vielen Einzelschritte und OP-Termine sehr zeitaufwändig. Im ersten Schritt werden Gebärmutter, Eierstöcke und Scheidenhaut entfernt und die Scheide wird verschlossen. Außerdem wird aus der Klitoris der sogenannte Klitpen, also ein Klitorispenoid geformt. Erst im nächsten Schritt erfolgt die Penoidbildung, später die Eichelnachbildung, das Einsetzen der Silikon-Hodenprothesen und die Bildung des Hodensacks aus den großen Schamlippen. Etwa sieben Wochen muss der Patient zusammengerechnet im Krankenhaus verbringen. Da die OP so wahnsinnig aufwändig ist, entscheiden sich einige Patienten auch dafür, nicht alle Einzelschritte durchführen.

Umstritten - und risikoreich

Sowieso sind Geschlechtsangleichungen umstritten, nicht nur, weil sie risikoreich sind. Es gibt sehr viele Leute, die trans sind und sich gegen körperliche Eingriffe aussprechen. Einige ordnen sich nicht in das binäre Geschlechtssystem ein, sie sind weder Mann noch Frau. Andere sagen: "Ich bin auch mit Penis eine Frau" oder "Ich brauche keinen Penis, um ein Mann zu sein" und empfinden Geschlechtsangleichungen als etwas, das einem von der Gesellschaft aufgezwungen wird, damit man als "richtiger Mann" oder "richtige Frau" akzeptiert wird. Außerdem verliert man durch den Eingriff die Fruchtbarkeit.

Wer sich dennoch für eine OP entscheidet, muss diverse Hürden bewältigen:

Mindestens eineinhalb Jahre Psychotherapie sowie zwei unabhängige Fachgutachten fordert beispielsweise die Klinik, in der Dr. Liedl arbeitet, von den Patienten, außerdem muss die Diagnose "Transsexualität" von einem Arzt getroffen werden. Auch das empfinden einige Betroffene als Problem, sie müssen sich eine Störung bescheinigen lassen, auch wenn sie ja eigentlich keine Krankheit haben. "Aber," so Dr. Liedl, "wenn man sie als gesund begreifen würde, würden die Krankenkassen nichts bezahlen." Und dazu sind die Kassen seit den 80er-Jahren verpflichtet, das entschied damals das Oberste Sozialgericht.

Angleichung - nicht Umwandlung

Früher bezeichnete man solche OPs als "Geschlechtsumwandlung." Der neuere Begriff "Geschlechtsangleichung" betont, dass der Körper angepasst wird und nicht das Geschlecht umgewandelt wird. Dr. Liedl begann 1991 damit, geschlechtsangleichende OPs durchzuführen. "In den 70ern und 80ern wurden nur gelegentlich solche Operationen durchgeführt, und die Ergebnisse waren teilweise sehr schlecht. Deshalb dachte ich mir: Das könnte ich besser machen." Mittlerweile gibt es laut Dr. Liedl mehrere gute Operateure in Deutschland, die teils unterschiedliche Methoden nutzen.

Wer unterstützt mich?

Du bist trans* und auf der Suche nach Ansprechpartnern, die dich unterstützen oder beraten? Das ist manchmal gar nicht so einfach. In Jims Heimat im Allgäu gibt es Seniorentreffen, Anonyme Alkoholiker und einen Trachtenverein - aber lange gab es keine Anlaufstelle für junge Menschen, die trans sind. Mittlerweile hat sich auch dort eine Selbsthilfegruppe gegründet: Sie heißt "Kempten Trans-Ident". Bei Feli in Bamberg gibt es zwar eine Selbsthilfegruppe, aber die ist eher auf die Bedürfnisse von Älteren zugeschnitten. Zumindest in München gibt es aber zwei Anlaufstellen, an die du dich wenden kannst:

  • Das Lambda Bayern, der Dachverband der LesBiSchwulen- und Trans-Jugendgruppen in Bayern ein Trans-Referat, an das man sich bei Fragen und Problemen wenden kann. Der Referent des Projekts ist selbst auch ein Transmann.
  • Im Diversity München gibt es die Jugendgruppe frienTS für Leute bis 27, die sich jeden zweiten Samstag im Monat trifft und auch Freizeitfahrten anbietet.

Aufgrund der vielen Diskussionen um korrekte Begriffe haben wir uns dazu entschieden, Beiträge zum Thema mit den Begriffen "Transgender und Transsexualität" zu kennzeichnen.


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