Tabuthema Abtreibung "Ich habe mit fast niemandem darüber gesprochen"

Als Ronja ungeplant schwanger wurde, entschied sie sich für eine Abtreibung. Heute ärgert sie sich darüber, dass das Thema immer noch so moralisch aufgeladen ist. Denn sie weiß: Das macht es für Frauen noch schwerer.

Von: Theresa Authaler

Stand: 12.06.2017

Abtreibung 2 | Bild: BR

Als die Ärztin ihr sagte, dass sie schwanger ist, hat Ronja sich nicht gefreut. Mutter werden mit 19? Windeln wechseln, Kinderwagen schieben und nebenbei das eigene Leben auf die Reihe kriegen?

Ronja hatte zu dem Zeitpunkt noch keine abgeschlossene Ausbildung. Sie hatte Angst, durch ein Kind auf die Unterstützung eines Mannes angewiesen zu sein oder als Alleinerziehende von Sozialleistungen leben zu müssen. "Davon wollte ich mich nicht abhängig machen", sagt sie.

Von der Schwangerschaft erzählte Ronja niemandem außer ihrem damaligen Freund, der der Vater des Kindes geworden wäre. Die Entscheidung, ob sie das Kind bekommen oder nicht, überließ er aber Ronja. Und  sie war sich da schon sicher, dass sie abtreiben will.

Viele Frauen sprechen nicht über ihre Abtreibung

Ronja heißt eigentlich anders. Aber das Thema Abtreibung ist so umstritten, dass sie ihren echten Namen nicht nennen will – obwohl alles schon ein paar Jahre her ist. Damals hat sie sich zurückgezogen und alles allein gemacht. Sie ging allein zum Arzt, allein zur Beratungsstelle. Sie war unsicher, mit wem sie über die geplante Abtreibung offen reden konnte. "Man weiß ja nicht, wer tatsächlich vorher schon mal einen Schwangerschaftsabbruch gehabt hat", sagt sie. "Es gibt bestimmt viele, viele Frauen, die da nicht drüber sprechen. Und es gibt bestimmt auch viele Frauen darunter, die es bereuen und die anderen davon abraten." All diese Möglichkeiten in ihrem Umkreis wollte Ronja für sich ausschließen und sprach deswegen mit niemandem darüber.

Zwischen ihrem Beratungsgespräch bei Pro Familia und dem tatsächlichen Abbruch vergingen fünf Tage. Das Warten hielt Ronja kaum aus. "Das Schwerste war, zu wissen, was da grade in meinem Bauch ist", sagt sie rückblickend. "Ich musste einfach allem und jedem aus dem Weg gehen, damit ich ja nicht von meiner Entscheidung abkomme und damit die klar bleibt."

Auch zum Operationstermin ging Ronja deshalb ohne Begleitung, sie blieb bei ihrer Entscheidung. Nach dem Eingriff war sie einfach nur froh, dass sie alles hinter sich hatte.

Ronja erzählt es Freunden

In ihrer Beziehung war nach dem Schwangerschaftsabbruch allerdings einiges anders. Ronja hatte den Eindruck, dass ihr Freund mit der Situation nicht umgehen konnte. Sie fühlte sich von ihm behandelt wie eine Frau mit einem Makel. Die Beziehung zerbrach letztendlich auch deswegen.

Ihr Schweigen über die Abtreibung hat Ronja inzwischen gebrochen und engen Freunden davon erzählt. "Meine beste Freundin konnte verstehen, dass ich es für mich behalten habe. Aber ich weiß auch, dass es in Ordnung gewesen wäre, wenn ich ihr das sofort erzählt hätte." Heute ist Ronja immer noch überzeugt, dass der Schwangerschaftsabbruch die richtige Entscheidung war. Mutter werden mit 19, das hätte sie einfach nicht gepackt.

Das Thema ist emotional stark aufgeladen

Trotzdem denkt sie ab und zu noch über das Thema Abtreibung nach und liest dazu im Netz. "Das Thema ist hochemotionalisiert", sagt sie. Immer wieder hört und liest sie das Argument, dass eine Frau durch einen Schwangerschaftsabbruch Schuld auf sich lade. Ronja befürchtet, dass das gerade junge Frauen belastet und vielleicht die ein oder andere davon abhält, wirklich die Entscheidung zu treffen, mit der sie sich wohlfühlt.

Wenn sie in einer Kneipe ist und zufällig das Thema Abtreibung aufkommt, mischt Ronja sich deshalb ein und plädiert für die freie Entscheidung der Frau. Manchmal, wenn auch nur sehr selten, erzählt sie dann auch von ihrem eigenen Schwangerschaftsabbruch. Sie hofft, dass sie dadurch das Tabuthema Abtreibung ein klein bisschen aufbricht.

Sendung: Filter, 13. Juni 2017 - ab 15 Uhr.

Schlagworte:
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