Klischee deluxe Warum das Jurastudium sexistisch ist

Gattin, Geliebte oder Tochter? Frauen sind mehr, nur nicht in Übungsfällen im Jurastudium. Eine Studie belegt, mit wie viel Klischees Staatsanwälte und Richter von morgen ausgebildet werden. Das hat Folgen!

Von: Christoph Fuchs

Stand: 30.11.2017

Warum das Jurastudium sexistisch ist | Bild: BR

Person A kauft etwas und tritt vom Kaufvertrag zurück, B begeht einen Mord, C will eine Baugenehmigung: Vom ersten Semester bis zum Ende des Referendariats lernen angehende Juristinnen und Juristen anhand von ausgedachten Fällen, wie Gesetze funktionieren. So ähnlich wie Textaufgaben im Matheunterricht. Um das anschaulicher zu machen, werden die Konstellationen in Geschichten verpackt. Aus den fiktiven Personen werden Männer und Frauen. Und wenn Frauen darin vorkommen, lesen sich die Fälle im schlimmsten Fall so:

"Der Beklagte befand sich zusammen mit seiner Bekannten, der attraktiven Friseurin Simone Mühlberger, im Schwimmbad an der Friedberger Straße. (…) Fräulein Mühlberger bekam vom Kläger zweimal eine größere Menge Wasser ins Gesicht, wodurch ihre frisch gelegte Frisur in Mitleidenschaft gezogen wurde und später neu hergerichtet werden musste."

Juristischer Übungsfall, der in Bayern gestellt wurde

Dass solche Geschlechter-Klischees kein Einzelfall sind, belegt eine Studie der Hamburger Juristin Dana-Sophia Valentiner. Sie hat Übungsfälle aus dem Jurastudium untersucht und herausgefunden: Frauen kommen vor allem als Ehefrauen, Töchter und Geliebte vor. Wenn überhaupt, denn zu 80 Prozent sind die Leute in diesen Fällen männlich. Wäre die Welt so wie in der Übungswelt des Jurastudiums, sie sähe laut Valentiner so aus: "Es gäbe ausschließlich weiße, mittelalte Männer in guten Positionen mit ihren Hausfrauen oder Töchtern, die shoppingsüchtig irgendwelche ungünstigen Verträge schließen.“

80 Prozent der Menschen in Übungsfällen sind Männer

Zwar beschäftigt sich die Studie nur mit Fällen von zwei Hamburger Fakultäten, das Ergebnis dürfte aber auch woanders ähnlich aussehen – zum Beispiel in Erlangen.  Hans Kudlich, Dekan der juristischen Fakultät dort, sagt: Insgesamt sind in den Übungsfällen Männer überrepräsentiert.

Zumindest für sein Rechtsgebiet, das Strafrecht, hat er eine mögliche Erklärung: Er meint, dass sich die Übungsfälle oft an tatsächlichen Gerichtsentscheidungen orientieren. "Und da ist es eben auch in den veröffentlichten Entscheidungen so, dass der weit überwiegende Anteil der Täter dort Männer sind und dann übernimmt man das einfach ganz gedankenverloren.“ Das erklärt die Sache vielleicht im Strafrecht, aber: Im Zivilrecht kommen laut der Studie sogar noch weniger Frauen vor. Und dort geht es nicht um Straftaten, wo die Verdächtigten in der Realität tatsächlich häufiger Männer sind, sondern etwa um Kaufverträge und Mietstreitigkeiten.

Die Verwendung dieser klischeelastigen Übungsfälle hat Folgen:

"Es ist ein ganz entscheidender Faktor, der dazu beiträgt, dass das Klima in den Fakultäten sexistisch ist. Die Ausbildung kann auf solche Weise ausschließend sein. Es ist für die Studierenden wichtig, ob sie sich repräsentiert fühlen in solchen Beispielen oder marginalisiert werden."

Studienautorin Dana-Sophia Valentiner

Dass Sexismus nicht bei den Übungsfällen aufhört, zeigt der tumblr "Üble Nachlese". Dort sammelt Valentiner mit weiteren Juristinnen seit einiger Zeit Beispiele von Sexismus in Übungsfällen und Alltagserlebnissen.

"Erstes Semester, Vorlesung Rechtsphilosophie. Prof: Was machen eigentlich die Damen hier im Saal? Oder haben Sie Ihren Herd mitgenommen?"

Post einer Studentin im tumblr Üble Nachlese

Die Rechtsanwältin Daniela Schweigler hat in München studiert und ihr Referendariat absolviert. Als sie in einem Aufsatz das Sexismusproblem in der bayerischen Justizausbildung aufwirft, führt das 2014 zu einer Anfrage aus dem Landtag an das bayerische Justizministerium. Ob da nicht Handlungsbedarf bestehe? Das Ministerium antwortet: Nein. Begründung: In den Examensfällen kämen gleich viele Männer und Frauen vor und bisher habe sich nur Schweigler über die Übungsfälle beschwert.

In Zukunft auch mal bewusst Klischees brechen

Der Tumblr und Dana-Sophia Valentiners Studie zeigen: Sie ist nicht die Einzige, die sich darüber aufregt. Schweigler sagt, sie habe im Anschluss an ihre Veröffentlichung viele Rückmeldungen von Frauen erhalten, die die Juristenausbildung ebenfalls wenig frauenfreundlich fanden.

Die aktuelle Studie, hofft Dana-Sophia Valentiner, könnte für mehr Bewusstsein bei den Mitarbeitern in den Jurafakultäten sorgen. Strafrechts-Professor Kudlich will seine Kollegen in Erlangen auf die Studie hinweisen. Als eine Lösungsmöglichkeit schlägt Valentiner vor, in den Übungsfällen künftig die Stereotype nicht andauernd zu bedienen, sondern auch mal bewusst zu brechen.

Es mag banal klingen, aber: Wer mal vor Gericht muss, der hofft, dass Richter und Staatsanwälte ohne Vorurteile an die Sache rangehen. Deshalb sollten Frauen in den Ausbildungsfällen nicht nur als Gattin, Tochter oder Geliebte abstempelt werden, die am liebsten shoppen.

Sendung: Filter, 30.11.2017 ab 15 Uhr