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Interview mit der Regisseurin von "Schau mich nicht so an" "Man muss sich einfach mal locker machen"

Regie, Hauptrolle, Drehbuch: Die Münchner Filmemacherin Uisenma Borchu hat bei ihrem Spielfilmdebüt nichts dem Zufall überlassen und alles selbst gemacht. Dass sie dafür sämtliche Hüllen fallen lassen musste, gehört nun mal dazu.

Von: Matthias Hacker

Stand: 15.06.2016 | Archiv

Regisseurin Uisenma Borchu | Bild: BR

Uisenma, du hast in "Schau mich nicht so an" nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben und die Hauptrolle übernommen. Bist du ein Mensch, der ungern die Zügel aus der Hand gibt?

Nein, das hat sich bei dem Abschlussfilm einfach so ergeben. Ich habe mir nur gedacht, ich schreibe das Ganze. Man kann das ja nicht lenken, das ist etwas Intuitives. Auch das Spielen war dann eine Sekundenentscheidung. Ich glaube, das spiegelt auch meine Attitüde des Filmemachens wider - dass man eigentlich alles machen kann. Als Schauspieler bist du genauso wie der Regisseur ein FilmemacherIch bin natürlich total neugierig darauf, in einem größeren Team zu arbeiten und die Aufgaben mal ordentlich zu verteilen.

"Schau mich nicht so an" ist dein Abschlussfilm von der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Du hast das Drehbuch sehr improvisatorisch geschrieben – wie muss man sich das vorstellen? 

Die Geschichte und die Szenenabfolge standen fest. Was die Protagonisten genau sagen werden, habe ich angedeutet, aber nicht perfekt ausformuliert. Ich wusste, dass wir mit Laien – ich bin selbst eine Laiendarstellerin –  die Freiheit brauchen, um mehr aus uns herauszukommen. Wir haben ja keine Instrumente wie sie ein klassischer Schauspieler hat und daher habe ich das im Drehbuch etwas freier gestaltet. Es ist kein klassisches Drehbuch gewesen, aber es war ein Buch.

Dadurch hat der Film tatsächlich eine sehr alltägliche und lebensnahe Sprache bekommen. Es ist wirklich so, wie man sich selbst ausdrücken würde. Deshalb findet man sich wohl auch besonders gut in die Personen ein.

Catrina Stemmer und Uisenma Borchu in "Schau mich nicht so an"

Es war ja auch eine jahrelange Vorbereitung. Bei Improvisation meint man immer, man stellt sich hin und macht dann einfach mal, aber Catrina und ich haben uns über Jahre auf diese weiblichen Charaktere vorbereitet. Aber wenn die Vorbereitung und dieses Gefühl für die Figuren nicht da gewesen wären, dann hätte das auch nicht mit der Improvisation geklappt. Ich finde das sehr subtil und fein und ich bin froh, dass es so einigermaßen hinhaut.

Der Film ist ja sehr intim. Man sieht dich sehr oft nackt, auch in verschiedenen Sexszenen. Wie leicht oder schwer ist es dir gefallen, dich so offen preiszugeben?

Das war ja von Anfang an nicht wirklich so geplant. Es entstand aus der Improvisation heraus, weil die Hedi ja eine Figur des Aufbruchs und der Rebellion darstellt. Die Nacktheit an sich ist für mich überhaupt kein Ding. Ich meine, wir sind alle nackt drunter, wir sehen uns jeden Tag nackt, es ist nur die Oberfläche, die Haut. Der nackte Körper an sich hat etwas sehr Pures, Verletzliches, aber Intimität bedeuten für mich andere Sachen, wie zum Beispiel die Gedanken, die uns teilweise aus ganz anderen Perspektiven darstellen.

Aber findest du, dass der Film dadurch nicht auch eine ganz besondere Intimität bekommt? Also war das auch ein bewusst eingesetztes Stilmittel?

Ja. Ich habe in meinen Dokumentarfilmen vorher auch sehr viel mit der Nacktheit und mit Frauen gespielt. Die Nacktheit ist für mich ein ganz traditionelles ästhetisches Mittel, egal in welcher Kunst. Also wenn du in den Uffizien oder im Louvre bist, dann bist du dauernd mit Nacktheit konfrontiert. Mich stört das natürlich, dass heute eine nackte Frauenfigur sofort mit etwas Sexuellem oder Pornografischem verbunden wird. Und ich wollte eher die Selbstbestimmtheit und trotzdem die Verletzlichkeit einer Frauenfigur zum Ausdruck bringen.

Zum Cast von "Schau mich nicht so an" gehört ja auch Josef Bierbichler. Er spielt eine sehr wichtige Nebenrolle, er ist der Vater deiner zweiten Protagonistin. Wie schwer war es, ihn für den Film zu gewinnen?  Er ist ja schon eine große Nummer, er hat mit Tom Tykwer gedreht, mit Michael Haneke und so weiter. Wie kam der Kontakt zustande?

Josef Bierbichler und Uisenma Borchu in "Schau mich nicht so an"

Ich bin zu seiner Lesung "Mittelreich" gefahren und habe ihm mein Drehbuch und meine Dokumentarfilme gegeben. Nach ein oder zwei Wochen hat er mich dann angerufen und gesagt: "Okay, das musst du mir jetzt nochmal erklären, wie du dir das vorstellst." Es ist für ihn nichts Alltägliches gewesen, so ein Buch zu bekommen und ich denke, dass er dann Interesse bekommen hat. Weil ich gesagt habe, wir wollen nicht das typische Filmgetue, sondern ich will radikales Filmemachen, das heißt kein Licht, keinen Schnickschnack, kein großes Team, kein Warten, nur wir und lass es uns dann einfach mal probieren. Er hat mir in dem Moment auch die Sicherheit gegeben. Er ist kein Schauspieler, der auf einen herabsieht. Er ist ein sehr starker Typ und einfach ein interessanter Mensch. Es war ein großes Glück, ich habe sehr viel von ihm gelernt und tue das immer noch.

Du verzichtest auf das Filmgetue, du verzichtest auf ein großes vorgeschriebenes Drehbuch, das sprudelt so aus dir heraus – also eher eine unkonventionelle Herangehensweise. Findest du, der deutsche Film könnte mehr Mut vertragen?

Ich habe in letzter Zeit sehr viele mutige deutsche Filme gesehen und war auch immer geprägt von starken deutschen Filmen. Es ist leider so, dass die Konvention da stärker ist und Filme an die Oberfläche bringt, die uns nichts weiter mitteilen als Konsum, Konsum, Konsum. Aber es gibt sie und man muss da weiter hinlenken. Ich hoffe, dass Institutionen wie die Hochschule für Fernsehen und Film oder der Bayerische Rundfunk einen Schritt auf das Moderne und Frische, auf das Emotionale zugehen und nicht nur darauf Wert legen, Kohle zu machen oder zu gucken: "Womit bleiben wir auf der sicheren Seite?" Denn das Leben ist überhaupt nicht sicher und deswegen muss man sich, auch was die Kultur angeht, einfach mal locker machen.

Infos zum Film

"Schau mich nicht so an" ist das Spielfilmdebüt der Münchner Regisseurin Uisenma Borchu. Der Film, in dem es um die nicht immer einfache Liebesbeziehung von zwei jungen Frauen geht, war ihr Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen (HFF). Das Ergebnis ist ebenso unkonventionell wie sehenswert und hat bereits mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Bayerischen Filmpreis für die beste Nachwuchsregie 2015 und den Most Promising Talent Award beim Asian Film Festival in Osaka. Offizieller Kinostart für "Schau mich nicht so an" ist der 16. Juni.

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