Kneipenkultur Die Boazn, das unbekannte Wesen

Am Tresen nur Trinker, die einen nicht wollen – oder Hipster, die voll ironisch Bier trinken? Von wegen. Filmemacher Johannes Boos hat einen Film über die Münchner Boazn gemacht – und sagt: Wir brauchen die Kneipe ums Eck.

Von: Matthias Hacker

Stand: 11.10.2017

Maibaumstüberl | Bild: BR

PULS: Die Boazn ist mittlerweile sowas wie ein Hipster-Refugium in den Städten geworden, trotzdem sagst du: Sie stirbt aus. Wie kommst du darauf – es ist doch eben eigentlich total hip geworden, in die Boazn zu gehen?

Johannes Boos: Teils, teils. In meinem Wohnblock gab es eine Kneipe. Und es war einfach laut. Die Nachbarn haben sich beschwert, teilweise neue, die den Lärm nicht gewohnt waren. Sie haben sich tierisch aufgeregt und gegen die Boazn geklagt. Das ist ein Problemfeld für viele Boazn, gerade in Wohngebieten. Letztendlich hat die Boazn bei mir vor der Türe zugemacht. Dabei ist sie für Teile der Bevölkerung, gerade ältere Leute bei mir im Haus, als leicht erreichbarer Treffpunkt einfach weggebrochen. Und dann kann nichts diese Lücke füllen.

Aber fehlt denn wirklich das Publikum?

Viele Boazngänger sterben tatsächlich weg. Das Stammpublikum ist eher älter. Und heute ist es nicht mehr angesagt, jeden Abend wegzugehen und jeden Abend zwei, drei Bier zu trinken. Und in einer Boazn wird man vielleicht vom Stammpublikum auch erst mal ein bisschen grober angefasst. Oder man bekommt als Neuling erst mal einen dummen Kommentar zu hören. Wir Jungen, die tatsächlich Nachwuchs sein könnten, sind da manchmal ein bisschen sensibel. Oder wir nehmen die Boazn direkt vor der Haustüre nicht so richtig wahr. Daher auch der Titel meines Films: "Hinter Milchglas und Gardinen" – viele Leute kennen die Boazn aus dem Stadtbild, aber relativ wenige haben hinter diese Gardinen oder dieses Milchglas geguckt. Es gibt ein paar Hotspots in jeder Stadt, die das Hipsterpublikum anziehen. Aber die Nachbarschaftskneipe direkt im Wohngebiet hat es sehr schwer.

Aber kannst du nicht auch verstehen, dass die Boazn vielleicht abschreckt, zum Beispiel mit der Schlagerplaylist?

Es mag zunächst vielleicht ein bisschen erschreckend wirken. Ich war überrascht, aber ich habe selber keine komische Situationen in den Boazn erlebt. Ganz im Gegenteil! Insbesondere die Wirte waren sehr aufgeschlossen dem Film gegenüber. Beim Publikum ist es ein bisschen anders, da muss man häufiger in die gleiche Kneipe gehen, bis man so einen Draht gefunden hat und die Leute dann auch vor die Kamera gehen. Aber meine Empfehlung ist: Geht einfach mal in die Boazn, trinkt ein, zwei Bier. Und wenn es euch nicht gefällt, wenn ihr blöd angemacht werdet oder die Bude nach Rauch stinkt und euch das nicht passt: Ihr müsst ja nicht mehr hingehen. Aber ausprobieren sollte man es.

Du hast in deinem Film mehrere Boazn portraitiert, wie bist du bei deiner Suche vorgegangen?

Ich war in Boazn bei mir in München-Giesing unterwegs. Ausschlaggebende Kriterien waren:  Es muss einen Holztresen geben. Es darf nicht so etwas wie Coffee to go geben – das disqualifiziert eine Boazn sofort! Und die Getränkekarte muss ganz grundsätzlich eher vom Alkohol geprägt sein als von Smoothies oder Schorlen.

In München gibt es mittlerweile auch Boaznführungen, mit Guides, die verschiedene alte Boazn zeigen. Verkommt die Boazn dadurch nicht ein bisschen zur Attraktion?

Das ist absolut richtig. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Auch die Wirte und die Stammgäste sind sich ein bisschen uneins, was diese Boaznführer bringen. Auf der einen Seite hilft es, neue Leute darauf aufmerksam zu machen. Auf der anderen Seite: Die Gefahr ist da, dass es tatsächlich zu diesem Hipsterding verkommt. Dass die Leute nur einmal kurz reingehen, weil sie ein Foto von sich machen, es auf Facebook posten und sagen: "Yeah ich war in der abgefuckten Boazn!" Letztendlich geht es dabei aber gar nicht darum, das System Boazn zu verstehen.

Was ist denn das System Boazn?

Es ist eigentlich kein Ort, an dem sich Trinker und komisches Publikum treffen. Es ist in erster Linie ein Kommunikationsort von Nachbarn. Ich habe das bei mir im Stüberl ums Eck festgestellt, da sind auch viele ältere Leute zu Gast. Die finden im Zweifelsfall dort jemanden, wenn die Glühbirne kaputt ist, der mit hochgeht in die Wohnung und schnell mal die neue Glühbirne reindreht. Deshalb ist die Boazn ein sehr wichtiger sozialer Ort. Und deshalb wird in der Boazn relativ wenig unkontrolliert getrunken. Die meisten können sich das schlicht nicht leisten, dass sie sich jeden Tag die Kante geben – und es steht auch nicht zwingend der Alkohol im Mittelpunkt, sondern eben die Kommunikation.

Auf seiner Website giesinggalore.de veröffentlicht Johannes Boos Vorführtermine seines Films "Hinter Milchglas und Gardinen".

Sendung: Filter, 11.10.2017 - ab 15 Uhr