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Initiative Flüchtlinge Willkommen Viel Aufmerksamkeit = viel Arbeit

Bei Facebook hat die Initiative eine Like-Welle ausgelöst: Über 420 WGs haben sich gemeldet und wollen einen Flüchtling aufnehmen. Eine der Initiatoren erzählt, woran es gerade hakt und wie man am besten helfen kann.

Von: Teresa Fries

Stand: 13.02.2015

Letztes Jahr im November haben Mareike Geiling, Jonas Kakoschke und Golde Ebding “Flüchtlinge Willkommen” gegründet, eine Initiative, die Flüchtlinge an WGs vermittelt und es ihnen so erleichtert, aus den überfüllten und oft miesen Aufnahmeeinrichtungen rauszukommen. Der Zuspruch war riesig und unsere Facebook-Timelines voll davon. Heute haben sie über 9.400 Likes, 420 WGs aus ganz Deutschland haben sich angemeldet. Klingt nach einem großen Erfolg - und trotzdem sind bis jetzt erst zehn Flüchtlinge wirklich in eine WG gezogen. Wir haben mit Mareike gesprochen und gefragt, woran es hakt.

PULS: Die WG von dir und Jonas war ja die erste, in die ein Flüchtling einzogen ist. Wie läuft’s denn so?

Mareike Geiling: Es läuft super! Ich arbeite ja bis Juni die meiste Zeit in Kairo und Bakary ist in mein Zimmer gezogen. Mittlerweile ist auch eine Freundschaft zwischen uns entstanden.

Das Prinzip funktioniert also, das Interesse wächst immer noch. Schon über 420 WGs haben sich gemeldet um einen Flüchtling aufzunehmen – und trotzdem hat es erst bei zehn wirklich geklappt. Woran hapert es?

Mareike Geiling

Der Vermittlungsprozess dauert einfach sehr, sehr lange. Wenn sich jemand bei uns auf der Seite anmeldet, dann müssen wir, wenn wir das bearbeiten, erst einmal fragen, ob das Angebot noch steht. Natürlich antworten nicht alle sofort und nicht alle antworten überhaupt. Dann muss man abklären, wer das ist, wie die Gegebenheiten sind, wie das mit der Miete geregelt wird. Außerdem sind wir ständig auf der Suche nach Organisationen mit denen wir kooperieren können. Dazu kommt die ganze Pressearbeit und die Arbeit an der Seite, die Übersetzungen und noch tausend andere Dinge. Es ist schon sehr viel Arbeit.

Das klingt echt anstrengend. Macht ihr denn überhaupt noch etwas anderes?

Naja, zumindest behaupten wir alle, dass wir nebenbei noch arbeiten. Aber es ist schon viel und ewig kann das nicht mehr so weiter gehen. Wir haben jetzt vor kurzem zehn freiwillige Supporter in unser Team aufgenommen, die die Kontaktaufnahme mit den WGs übernehmen werden. Aber wir wollen nicht, dass jemand mehr als fünf Stunden in der Woche ohne Bezahlung für uns arbeitet. Das nächste Ziel, das wir haben ist, Fördermittel zu bekommen, damit es für uns möglich ist, weiterzuarbeiten und dafür auch etwas Geld zu bekommen.

Habt ihr manchmal das Gefühl, das Ganze wird zu groß für euch? Dass die Initiative effizienter sein könnte, wenn sie etwas weniger Aufmerksamkeit bekommen hätte?

Manchmal fragen wir uns schon, wie wir das alles schaffen sollen, aber dieses Gefühl der Ohnmacht hält nicht lange an. Wir haben die Aufgaben jetzt so verteilt, dass jeder das macht, was er am besten kann. Und es macht einfach auch sehr viel Spaß. Die Prozesse dauern eben so lange, wie sie dauern. Ich glaube nicht, dass wir mehr Geflüchtete vermittelt hätten, wenn es weniger Aufmerksamkeit gegeben hätte. Wir sind auf die Kooperationspartner angewiesen und die müssen auch von uns hören und uns kennenlernen, dafür ist die Aufmerksamkeit gut.

Wofür braucht ihr die Kooperationspartner?

Golde kennt sich zwar gut aus, auch was das rechtliche betrifft, aber jedes Bundesland und jede Stadt und Kommune regelt das anders. Da ist es wichtig, dass Leute vor Ort helfen und vermitteln. In München ist mittlerweile auch ein Flüchtling in eine WG gezogen, erst vor kurzem. Da ist es ja zum Beispiel mit den staatlichen Regelungen komplizierter.

Wie entscheidet ihr denn, wer in eine WG kommt und wer nicht?

Das hängt von ganz vielen Faktoren ab. Zum Beispiel wie lange das Zimmer frei ist, ob die WG nur anerkannte Flüchtlinge möchte, bei denen das Amt die Miete übernimmt, ob die Wohnung mietfrei ist und so weiter. Und am Ende muss beim ersten Treffen auch die Chemie zwischen allen stimmen. Wir zwingen niemanden wo einzuziehen, wo er nicht möchte, oder jemanden aufzunehmen, mit dem er sich nicht versteht.

Gab es in den zehn WGs schon einmal Probleme?

Bis jetzt haben wir noch nichts gehört, die meisten wohnen aber jetzt auch erst ein paar Wochen zusammen. Nur eine Geschichte ist etwas traurig: Ein Flüchtling, den wir schon vermittelt hatten und der sich auch schon eingewöhnt hatte, musste vor kurzem das Land wieder verlassen und zurück nach Italien, weil er dort nach Europa kam und deshalb den Asylantrag in Italien stellen muss.

Gibt es eine Möglichkeit, wie man euch noch unterstützen kann?

Klar, wir freuen uns über jeden, der uns schreibt, dass er mitmachen möchte - auch wenn er selbst niemanden aufnehmen kann. Aber eine Riesenhilfe wäre es, wenn jeder gleich ein bisschen was zu sich schreiben würde. Wir bekommen viele “Ich will helfen”-Mails. Für uns bedeutet es erst einmal wieder Arbeit herauszufinden, von wem die Mail ist und wie wir ihn einsetzen könnten. Wir wollen natürlich keinen ganzen Lebenslauf, aber wenn jemand dazuschreibt: “Ich spreche fünf Sprachen” oder “ich studiere Jura”, dann können wir damit gleich mehr anfangen.

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