Fentanyl in Bayern Die Droge, über die keiner spricht

Über Marihuana und Crystal wird viel geredet. Aber es gibt eine Substanz, die bei jedem fünften Drogentoten in Bayern gefunden wird: Fentanyl. Sie wird aus Schmerzpflastern ausgekocht. Und ist bis zu hundertmal stärker als Heroin.

Von: Simon Emmerlich

Stand: 21.10.2016

Fentanyl | Bild: BR

Es ist extrem gefährlich, macht sehr schnell abhängig und ist relativ einfach zu bekommen: Fentanyl. Schmerzpflaster mit diesem Wirkstoff sind für viele Krebspatienten ein Segen, aber vor einigen Jahren ist Fentanyl in der Drogenszene angekommen. Als Super-Heroin. Und drei Viertel der Drogentoten, die das im Blut hatten, kommen aus Bayern.

Was ist Fentanyl eigentlich?

Fentanyl ist ein ultrastarkes, künstlich hergestelltes Opiat, das aus Schmerzpflastern ausgekocht und mit Spritzen injiziert werden kann. Es wirkt ähnlich beruhigend wie Heroin. Fentanyl wird in der Medizin als Pflaster vor allem für Krebspatienten und Menschen mit chronischen Schmerzen verwendet. Vor ein paar Jahren ist es in der Drogenszene aufgetaucht. Inzwischen wird bei jedem fünften Drogentoten in Bayern Fentanyl im Blut gefunden.

Wie kommen die Konsumenten an Fentanyl?

Eine Möglichkeit für Abhängige ist es, die Pflaster – auch benutzt – von Schmerzpatienten zu kaufen, die sie legal von ihrem Arzt verschrieben bekommen haben. Oder sie versuchen mit vorgetäuschten Schmerzen selbst Rezepte zu bekommen. Ärztehopping nennt man das. Auch im Müll von Krankenhäusern und Altenheimen suchen Abhängige nach benutzen Pflastern, sofern sie rankommen.

In den letzten Jahren wurde von Ärzten und medizinischen Einrichtungen viel für die Aufklärung über Fentanyl getan. Deshalb werden die Pflaster in der Regel nun sicherer entsorgt und bei den meisten Ärzten schrillen die Alarmglocken, wenn jemand nach Fentanylpflastern fragt. Deshalb hat PULS-Moderator Sebastian Meinberg den Selbsttest gemacht und geschaut, ob er irgendwie an die Droge rankommen kann. Und es war leider einfacher als erwartet.

Warum ist Fentanyl so gefährlich?

Fentanyl ist sehr stark. Ein Gramm Fentanyl wirkt hundertmal stärker als ein Gramm Heroin. Bei einer Überdosis wird man schnell bewusstlos und dann kann eine tödliche Atemlähmung folgen. Dass die Droge für so viele Todesfälle verantwortlich ist, liegt vor allem daran wie die Abhängigen versuchen, das Fentanyl zu dosieren, erklärt Olaf Ostermann von der Münchner Drogenhilfe "Condrobs e.V.":

"Auf den Pflastern sind die Wirkstoffe nicht gleichmäßig verteilt. Eine Konsumform ist die Pflaster zu zerschneiden und sich eben dann nur ein Viertel auszukochen. Aber es kann sein, dass auf diesem Viertel nicht ein Viertel Wirkstoff drauf ist, sondern vielleicht die Hälfte oder drei Viertel. Und dann hat man relativ schnell eine Überdosis, weil man das nicht erwartet hat."

Olaf Ostermann

Warum ist das Zeug denn gerade in Bayern verbreitet?

Von offiziellen Stellen bekommt man keine konkreten Antworten. Das Problem sei bekannt, die Ursache nicht. Anna (Name von der Redaktion geändert) ist 33 und selbst Fentanyl-abhängig. Sie kann sich das schon erklären:

"In Bayern ist es generell relativ schwer, die illegalen Drogen reinzubringen. Und die sind eine Zeit lang auch superschlecht von der Qualität gewesen. Da ist es eben einfacher, an diese Medikamente ranzukommen."

Anna

Heroin also. In Bayern ist es vergleichbar schwer zu bekommen. Deswegen vermutet Anna, dass sich Fentanyl gerade hier so stark als Alternativdroge etabliert hat. Und auch insgesamt ist Bayern, wenn es um Drogen geht, nicht so sauber, wie man vielleicht glaubt. Mit 314 Drogentoten im letzten Jahr ist das Bundesland negativer Spitzenreiter in Deutschland. Olaf Ostermann sieht auch da zumindest eine Teilschuld bei der strengen bayerischen Drogenpolitik.

"Auf den ersten Blick ist München eine sehr saubere Stadt, und man könnte meinen in München und Bayern gäbe es kein großes Drogenproblem. Ist aber nicht so! München hat nach Nürnberg mit Berlin die meisten Drogentoten auf die Einwohnerzahl gerechnet. Unserer Meinung nach liegt das daran, dass sich aufgrund von Verfolgung und Repression viele Leute ins Private zurückziehen, alleine konsumieren und dann auch alleine sterben, weil niemand da ist, der Hilfe leisten kann."

Olaf Ostermann

Wären Drogenkonsumräume wie in Frankfurt oder Köln ein Lösung?

Olaf Ostermann sagt: Ja. Denn dort könnten Drogenabhängige hygienisch und unter Aufsicht ihre Drogen konsumieren, ohne Angst vor der Polizei haben zu müssen. Bei Notfällen ist sofort Hilfe da. Die Drogentotenzahlen würden zwar nicht auf Null zurückgehen. Aber sie würden sinken, glaubt Ostermann. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Konsumräume gibt es schon seit den 90ern. In Bayern ist die CSU-Regierung gegen solche Räume. Dort hält man sie unter anderem für ein falsches Signal, weil man Drogenkonsum damit verharmlosen würde. Dr. Georg Walzel, Leiter des Referats Sucht und Drogen im Bayerischen Gesundheitsministerium, erklärt seine Haltung gegenüber Konsumräumen so:

"Man muss eine Entscheidung treffen in dem Konflikt. Und wir in Bayern haben uns wie neun andere Länder entschieden, dass wir das nicht wollen. Wenn man ein gefährliches Medikament verwendet, muss man entscheiden: Nehmen wir die Nebenwirkungen in Kauf oder nicht? Es ist nicht schwarz-weiß gedacht."

Dr. Georg Walzel

Natürlich kann man nicht mit Sicherheit sagen, dass eine lockerere Drogenpolitik oder Konsumräume die Zahl der Drogentoten verringern könnte. Sicher ist aber: Die Politik, die gerade in Bayern verfolgt wird, scheint das Problem zumindest auch nicht zu lösen.

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