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Essstörung Orthorexie Wenn gesundes Essen zum Zwang wird

Biokarotten, Vollkornbrot, viel Eiweiß. Nur immer alles richtig machen. Auch beim Essen. Das Leistungsprinzip bahnt sich seinen Weg in den heimischen Kühlschrank. Doch aus gesunder Ernährung kann auch eine Sucht werden.

Stand: 28.10.2009 | Archiv

Healthy Food / Thema Orthorexie | Bild: dpa / picture-alliance

Zum Frühstück Obst vom Biobauern, mittags Salat mit Sojasprossen und abends Vollkornnudeln aus dem Reformhaus. Gesunde Ernährung gehört heute fast schon zum guten Ton. Wer aber über das stundenlange Studieren von Packungsangaben und Nährwerttabellen im Biomarkt komplett den Genuss am Essen verliert, der hat es vielleicht schon mit einer handfesten Essstörung zu tun. "Je zwanghafter das Essverhalten wird, je mehr ich meine Spielräume einschränke, umso mehr ist die Gefahr gegeben, dass eine Essstörung draus wird", erklärt Dr. Karin Lachenmeir. Sie ist Leiterin des Therapie-Centrums für Essstörungen (TCE) in München und weiß: Von einer übertrieben gesunden Ernährung zu einem gestörten Essverhalten es nicht weit.

Von der Vollwert- zur Mangelernährung

Der Zwang zum gesunden Essen – Orthorexie nennt man dieses Phänomen auch im Fachjargon, vom griechischen Ausdruck für "richtig Essen". Streng genommen handelt es sich dabei aber um kein eigenes Krankheitsbild. Auch Lachenmeir spricht hier lieber von einer Varationsform der Magersucht, bei dem die Betroffenen in ihrem Essverhalten komplett auf eine gesunde Ernährung fixiert sind.

Aber wo endet gesunde Ernährung und wo beginnt die Essstörung? "Wenn vor dem Hintergrund der gesunden Ernährung das Gewicht dann immer weiter nach unten geht und schließlich deutlich im Untergewichtsbereich landet, ist das ein Alarmsignal", sagt die Therapeutin. Hinzu komme, dass die Betroffenen Ängste entwickelten. Zum einen davor, wieder zuzunehmen. Zum anderen davor, etwas vermeintlich Ungesundes essen zu müssen.

Orthorexie – eine Essstörung wie alle anderen?

Klar ist, nicht jeder, der auf seine Ernährung achtet, ist gleich ein Orthorektiker. Eng festgelegte Ernährungsweisen einzuhalten, ist zwar ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Essstörung, aber nicht allein ausreichend. Die Betroffenen haben oft schon eine Neigung zu zwanghaftem Verhalten. Auch Leistungsdruck, familiäre Probleme oder Minderwertigkeitskomplexe erhöhen die Gefahr, in eine Essstörung abzurutschen.

Orthorektiker können ihre Sucht meist lange verheimlichen. Sie erscheinen wählerisch, nicht süchtig. Und genau das macht die Krankheit auch oft so schwer erkennbar. Für die Therapie macht es jedoch letztlich keinen großen Unterschied, ob jemand Kalorien meidet oder sich über vermeintlich gesunde Ernährung einschränkt.

Auch Karin Lachenmeir macht in ihrem Therapiezentrum keinen Unterschied zwischen Magersüchtigen, Bulimie- oder Orthorexie-Patienten. "Wir haben ein Ernährungskonzept, bei dem sieben Mahlzeiten am Tag eingenommen werden, immer in der Gruppe. Da ist von Anfang an eine gemischte Nahrungsauswahl vorhanden. Das heißt, es gibt alles mögliche, vielleicht auch mal einen Joghurt, wo irgendein Aromastoff drin ist."

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