Supermärkte in Bayern Einkaufen bis 22 Uhr wäre ein Traum! Wirklich?

In Bayern haben Läden nur bis 20 Uhr geöffnet - das ist nervig bis peinlich. Seit Jahren wird deshalb darüber diskutiert. Eine neue Initiative fordert wieder: 22 Uhr! Klingt geil - aber ist es das auch?

Von: Kevin Ebert

Stand: 08.11.2017

Einkaufen | Bild: BR

In Bayern geht’s uns gut: Unser Himmel ist weiß-blau, die Wirtschaft boomt, die Lebensqualität toppt jedes andere Bundesland, es gibt überall gutes Essen und noch besseres Bier. Trotzdem hat uns jeder Mensch in Bautzen, Cuxhaven, Bielefeld und Baden-Baden etwas wichtiges voraus: Flexibilität beim Einkaufen.

Die Angelegenheit ist nervig bis peinlich

Bayern hat einfach die übelsten Öffnungszeiten der ganzen Bundesrepublik und nicht mal 24-Stunden-Spätis. Von sechs bis 20 Uhr geht alles, danach nichts mehr. Das ist nicht nur nervig, sondern hin und wieder auch peinlich. Sobald sich der Besuch aus Hessen, NRW oder Bremen hoffnungsvoll erkundigt, wo man denn jetzt noch zwei Flaschen Weißwein kaufen könne, stößt man als Bayer mit einem kleinlauten "Sorry, nach 20 Uhr geht hier nix mehr" auf einen Mix aus Verständnislosigkeit und Mitleid. Dann bleiben nur noch überteuerte Tankstellen zum Alkoholnachkauf: bis maximal 22 Uhr. Danach ist Schluss. Ähnlich beschissen ist die Lage nur im Saarland, was an sich schon besorgniserregend ist.

Einkaufen bald bis 22 Uhr?

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Doch die restriktive Ladenpolitik in Bayern wankt: Ein Bündnis der Freien Wähler will das System zum Einsturz bringen und fordert, was viele träumen: geöffnete Geschäfte von 6 – 22 Uhr. Wenn die Landesregierung untätig bleibt, sei sogar eine Volksabstimmung kein Tabu, sagt Michael Piazolo, der Kopf des - nahezu aktivistischen – Bündnisses. Seine Aufgabe: die weiß-blauen Ladenöffnungszeiten revolutionieren. Piazolo geht es vor allem darum, "dass die Verbraucher die Möglichkeit haben, länger einzukaufen". Für alle, die einen normalen Job oder Abendvorlesungen haben, wäre das eine entscheidende Lebensverbesserung. Sie müssten sich nie wieder kurz vor 20 Uhr noch schnell durch die Schiebetür drücken. Längere Öffnungszeiten sind ein Muss! Oder?

Für Spätshopper hui, für Verkäufer pfui

Nach zwei Stunden mehr zu schreien ist einfach – was sie aber tatsächlich bedeuten würden, darüber machen sich die wenigsten Gedanken. Dabei würde die Änderung vor allem auf dem Rücken der Angestellten ausgetragen, meint Hubert Thiermeyer von Ver.di Bayern:

"Die Erfahrungen aus den anderen Bundesländern zeigen: Die Wirkung längerer Öffnungszeiten ist katastrophal. Das wirkt sich zum Beispiel negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten aus. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verschlechtert sich."

Hubert Thiermeyer, Ver.di Bayern

Rund 70 Prozent der Angestellten im Einzelhandel sind laut Thiermeyer weiblich, ein großer Teil davon alleinerziehend. Für Menschen, die sich vielleicht an die Kasse setzen, weil sie dort besonders planbare Arbeitszeiten haben, wären neue Öffnungszeiten zumindest eine Umstellung. Denn nicht überall werden für die späteren Schichten Studenten beschäftigt. Michael Piazolo von den Freien Wählern will die Arbeitnehmer vor allem durch Freiwilligkeit schützen: Kein Laden muss bis 22 Uhr geöffnet haben. Wenn also kleinere Familienbetriebe feststellen, dass die zwei Extrastunden am Abend zu viel werden, können sie weiterhin um 20 Uhr schließen. Und wer danach noch was braucht, der kann entspannt durch den großen Supermarkt schlendern.

"Ökonomischer und ökologischer Unsinn"

Für Hubert Thiermeyer stellt sich aber generell auch die Frage nach dem Sinn: Ist es wirklich unmöglich, bis 20 Uhr alles eingekauft zu haben? Die Shopping-Primetime ist, laut Thiermeyer, um etwa 18:30 Uhr. Zu dieser Zeit werden die Ladengänge zu verstopften Einkaufswagen-Highways. Nach 20 Uhr – das sieht man in anderen Bundesländern – streift man einsam und verlassen durch das geflieste Supermarkt-Labyrinth. Ökonomischer und ökologischer Unsinn sei das, urteilt Thiermeyer. Klar: Wenn der Laden länger geöffnet hat, verbraucht er mehr Energie.

Für uns würden längere Öffnungszeiten so vieles einfacher machen - seit man sogar Lebensmittel im Netz bestellen kann, lässt sich natürlich auch einfach für mehr Flexibilität beim Shoppen argumentieren. Und in anderen Bundesländern funktioniert das 22 Uhr System ja auch. Trotzdem sollte man bei der ganzen Diskussion nicht vergessen, dass längere Ladenöffnungszeiten für die Leute hinter der Kasse zum Problem werden können. Denn wer arbeitet schon gerne, während andere schon auf der Suche nach dem nächsten Bier sind.

Sendung: Filter vom 8. 11. 2017 - ab 15 Uhr

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