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Die Frage War Opa ein Nazi?

Über die Nazi-Zeit wurde in der Familie unserer Autorin kaum gesprochen. Bei einem Familienessen kommt raus: Ihre Großeltern waren befreundet mit der Familie von KZ-Arzt Josef Mengele. Dann beginnt sie nachzufragen.

Von: Elisabeth Veh

Stand: 20.05.2015

Ich komme aus Höchstadt, eine kleine Stadt im bayerischen Schwaben. Seit fast zweihundert Jahren produziert, verkauft und repariert meine Familie väterlicherseits Landmaschinen: Traktoren, Pfluggeräte, Schäferwägen, Rechen. Auch im Dritten Reich war der Betrieb meiner Familie ein fester Player in der Szene. Ebenso wie der Betrieb der Familie Mengele aus Günzburg – unsere Lieferanten. Die Mengeles waren in den 30er Jahren einer der größten Dreschmaschinenhersteller in Deutschland. Der Kontakt war gut, und er ging über das Geschäftliche hinaus. Als meine Oma geheiratet hat, waren die Mengeles auch eingeladen.

Die Hochzeit

Berta und Johann Veh mit der Familie Mengele.

Meine Großeltern Berta und Johann Veh (vorne mitte) im Jahr 1949 bei der Gartenparty ihres Lebens – umringt von der Familie Mengele.

Übrigens: Als Karl Mengele (hinten links) stirbt, heiratet seine Frau (im Bild rechts neben ihm) seinen Bruder. Die Frau heißt Martha Mengele und ihr Ex-Schwager und neuer Ehemann ist niemand anderes als Josef Mengele, der KZ-Arzt von Auschwitz.

Josef Mengele hat an der Rampe von Auschwitz die Menschen, die in Güterzügen ankamen, "selektiert". Er war derjenige, der entschied, wer in die Gaskammer musste, wer sich im Konzentrationslager zu Tode schuften und wer an seinen Menschenversuchen teilnehmen musste.

Als das Foto 1949 entsteht, ist Josef Mengele schon lange untergetaucht. Die Öffentlichkeit hat keine Ahnung, wo er ist - angeblich auch die Familie Mengele nicht. Trotzdem weiß Martha nach dem Tod ihres Mannes ganz genau, wo sein Bruder sich versteckt: Sie geht nach Argentinien und heiratet Josef Mengele dort heimlich.

Schulterzucken als Antwort

Die Autorin und ihre Großmutter Berta

Ich erfahre von der Geschichte bei einem Abendessen mit meiner Familie, zwischen Schweinebraten und Bayrisch Creme. Aber als ich nachfrage, ob Josef Mengele Thema war bei der Hochzeit 1949, ob damals darüber geredet wurde, was er in Auschwitz gemacht hat, und wo er denn jetzt steckt, da habe ich nur Schulterzucken geerntet. Davon wusste man nämlich ganz lange nichts. Von Auschwitz. Und davon, dass die Freunde aus der Landmaschinen-Branche mit DEM KZ-Arzt Josef Mengele verwandt waren. Wie sagt man so schön? Keiner wollte etwas gewusst haben. Da habe ich beschlossen zu recherchieren. Und die Nazi-Zeit, die vorher in meinem Kopf eine Mischung aus kollektiver Schuld und Geschichts-Unterrichts-Overkill war, war plötzlich viel näher an mir dran, als ich je gedacht hätte.

Wie kann ich meine eigene Familiengeschichte herausfinden?

Am besten sind Infos direkt aus der Familie. Natürlich sollet ihr zuerst eure Großeltern selbst befragen. Wenn die aber nicht mehr leben, könnt ihr euch an Leute aus dem Umfeld wenden: Verwandte, Freunde, örtliche Geschichtsvereine. Auch alle Gegenstände, die ihr findet - Bilder, Uniformen oder Briefe - könnten euch Aufschluss geben.

Wenn ihr herausfinden wollt, ob euer Großvater in der Partei war, oder wo er bei der Wehrmacht eingesetzt war, gibt es zwei große Archive: das Bundesarchiv und die Wehrmachtsauskunftstelle. Informationen dazu findet ihr auch bei Bayern 2.

Tatsächlich bin ich kein Einzelfall: Nur 6 Prozent aller Deutschen glauben, ihre Familie hätte etwas mit der NS-Diktatur zu tun gehabt (Quelle: "Opa war kein Nazi" von Harald Welzer). Klingt nach ganz schön wenig. Wenn ich an die Felder von zum Hitlergruß gereckten Armen auf den Reichsparteitagen denke, dann kann das nicht stimmen. Die meisten Familien haben ihre eigenen Geschichte offenbar nie aufgearbeitet.

Viele Fragen sind offen

Deshalb will ich wissen: Was hat meine Familie in der NS-Zeit gemacht? Waren wir eine Truppe von Widerstandskämpfern? Oder gab es Parteimitglieder, Hitler-Jungen und Jungmädel? War jemand sogar bei der SS oder noch schlimmer? Und: Wie würde ich reagieren, wenn ich etwas rausfinde, was ich gar nicht wissen will? Weil es um die Menschen geht, die ich liebe.

Josef Dietrich, der Uropa der Autorin

Das geht mir durch den Kopf, als ich die bisher schwierigsten Interviewpartner meiner Journalistenlaufbahn treffe: meine Oma (90 Jahre alt), ihre Schwester Barbara (94 Jahre alt) und meinen Vater. Aber wie so oft gibt es kein schwarz und kein weiß. Sondern es ist komplizierter.

Vor allem ein Mensch steht im Mittelpunkt bei den Gesprächen mit meiner Familie: Josef Dietrich, mein Uropa und sozusagen der Don in unserer Familie. Leidenschaftlicher Feuerwehrmann, begnadeter Mechanikermeister, talentierter Männerturner, Typ: Nicht reden, handeln. Geboren 1884, bei Hitlers Machtergreifung war er also knackige 49. Bestes Alter für politische Aktivitäten. Und tatsächlich stoße ich ziemlich bald auf einen weiteren großen Namen aus dem NS-Geschichtsbuch – diesmal allerdings aus dem anderen politischen Lager: Stauffenberg. Nachdem das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gescheitert war, wurde mein Uropa festgenommen. Der Vorwurf: er hätte etwas mit Stauffenberg zu tun gehabt.

Diese Erklärung musste Josef Dietrich nach dem Attentat auf Hitler unterschreiben

"Er war dann kurz in Schutzhaft, kam aber wieder frei als er eine Erklärung unterschrieben hat. In der musste er versichern, dass er nichts mit dem Attentat zu tun hatte. Das ging aber nur, weil die ihn bei der Feuerwehr gebraucht haben. Sonst hätten sie ihn sicher drinbehalten."

Berta Veh, Großmutter

User fragen, die Oma antwortet

Einer, der gerade ein ähnliches Projekt macht, ist Daniel aus Stuttgart. Eigentlich studiert er Business Administration. Zur Zeit verbringt er aber viel Zeit mit seiner Oma Annemarie, 92 Jahre alt. Daniel hat auf reddit.com ein AMA erstellt – "ask me anything" über die NS-Zeit. Seine Oma hatte ihm das selbst angeboten.

Daniel hat mir gegenüber einen entscheidenden Vorteil: Nicht er stellt die Fragen, sondern die User auf reddit.com. Er sagt, darüber ist er froh. Denn auch wenn er das nicht möchte, ein bisschen Vorwurf und Schuldfrage schwingt immer mit bei diesen Gesprächen. Auch bei mir.

Schwierige Trennung von Schuld und Unschuld

Zurück zu meiner Familie. Bald ist klar: Mein Uropa war kein Revolutionsführer. Aber er war auch kein Nazi. Zwar hat er die NSDAP ein bisschen geärgert - bei einem Umzug hat er statt eines Hakenkreuzes die Bayernfahne aus dem Fenster gehängt. Aber er konnte es sich leisten. Als Kreisbrandinspektor, also als oberster Feuerwehrmann im Landkreis, wurde er im Krieg gebraucht.

Das Ehepaar Dietrich, die Urgroßeltern der Autorin

Interessant ist jetzt, was seine ablehnende Haltung der NSDAP gegenüber bei seinen Töchtern ausgelöst hat: Sie fühlten sich ausgeschlossen. Meine Oma ist irgendwann sogar heimlich in den Bund Deutscher Mädel (BDM) eingetreten, weil sie deren blauen Röcke so schick fand.

"Wir waren Außenseiter, durften in keinen Verein, waren nie dabei. Irgendwann war nachmittags ein Treffen vom BDM. Dann bin ich heimlich mit dazu. Meinem Vater habe ich das nie erzählt."

Berta Veh, Großmutter

Obwohl in kaum einer Phase der deutschen Geschichte so klar zwischen Schuld und Unschuld unterschieden werden kann, gelingt mir das bei meiner Familiengeschichte nicht. Es gibt Dinge, die mich stolz machen, wie mein resoluter Uropa. Und es gibt Dinge, die mich irritieren, wie die Geschichte meiner Oma und ihre Begeisterung für den BDM. Zum Glück sagt mir Moritz Pfeiffer, dass es darum auch gar nicht geht. Er ist Historiker und hat selbst die Geschichte seines Großvaters untersucht. Auch er kennt diese Grautöne. Aber er sagt: Am wichtigsten ist, dass wir uns mit dem Dritten Reich auseinandersetzen.

Zurück zu meiner Recherche: Eine Nachfrage im Bundesarchiv hat ergeben, dass keine NSDAP-Unterlagen zu meiner Familie existieren. Obwohl mir das genau so erzählt wurde, bin ich trotzdem erleichtert. Die Firma Mengele gibt es übrigens nicht mehr, und auch unser Familienbetrieb setzt inzwischen auf Photovoltaik statt auf Schäferwägen. Aber wenigstens hat auch diese Zeit jetzt ihren Platz gefunden in unserem Familiengedächtnis.

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