Couchsurfing-Trip Wie tickt Deutschland vor der Wahl?

Sechs Wochen, 16 Bundesländer, eine Wahl: PULS-Reporter Julian Ignatowitsch reist über die Sofas der Republik und will wissen: Was bewegt Deutschland, was macht Euch glücklich, nachdenklich, wütend? Ein Reiseblog.

Von: Julian Ignatowitsch

Stand: 26.07.2017

Julian reist für PULS über die Sofas der Republik um herauszufinden: Wie tickt Deutschland vor der Wahl? | Bild: BR

Irgendwas hat sich verändert. Ein Freund sagt: "Wir leben in einer ganz neuen Zeit." Mein Vater meint: "Ich würde heute nicht mehr jung sein wollen." Und die Kanzlerin glaubt: "Wir schaffen das!" Schaffen wir das? Wer ist wir? Und was wollen wir schaffen?

Weißt du, Deutschland, wir müssen reden! Wir? Ja, du und ich. Wann? Jetzt. Diesen Sommer. 2017. Wo? Auf der Couch. Bei dir zu Hause. Du lädst mich ein und ich komme dich besuchen. Wir legen die Füße hoch, wir reden, wir kochen, wir hören uns zu, wir unternehmen was - und vielleicht machen wir eine Kissenschlacht. Mit Selfie.

Ich durchquere die Bundesrepublik, um herauszufinden, was Euch beschäftigt, antreibt, aufstehen und verzweifeln lässt. Ein Smartphone und ein Mikrofon - viel mehr brauche ich dafür nicht. Ach ja, doch, Eure Couch natürlich! Danke für die Gastfreundschaft!

1. Stop - Passau:
Eine bunte Truppe. Sanne ist 27, Ärztin und wohnt mit Khalil, Amjad und Maher zusammen - drei Geflüchtete aus dem Irak und Syrien. Arabische Musik zum Frühstück? Muss nicht sein, meint sie und verschreibt bei Krankheit lieber Ingwer-Zitronen-Tee als Antibiotikum. 2015 lernte sie die Drei kennen und half bei der medizinischen Erstversorgung. Die Tür steht in ihrer Sechser-WG immer offen (wirklich!), auch wenn der Nachbar manchmal schimpft. Sanne, du hast mir gezeigt, dass Integration auf Augenhöhe funktioniert. 

Deutschland, Du bist… herzlicher und bunter, als ich gedacht habe.

2. Stop - Nürnberg:
Freier Oberkörper, lauter Elektro und eine Bong. "Nenn mich Fritz", sagt er, obwohl das nicht sein richtiger Name ist. Musik, Kunst, Fotografie - er hat viele Talente, aber vielleicht zu wenig Durchhaltevermögen. Zehn Leute in einer WG? Schwierig und ganz sicher nicht sauber. Klappt aber irgendwie. "Wählen gehe ich nicht, keine Zeit", sagt er. Fritz, schick mir doch mal deine Fotos! Die waren wirklich gut…

Deutschland, Du bist… auch verplant und chaotisch.

3. Stop - Steinfeld:
Der Bus fährt dreimal am Tag und hält gleich gegenüber. Anke wohnt mit ihrer Mutter und Pflegeschwester in einem großen Haus mit Garten. "Ich will hier weg", sagt die 18-Jährige. Zum Studium wird sie, wie ihre älteren Geschwister, gehen. Weg vom Dorf. Weg vom ehemaligen Grenzstreifen. Weg von den Nazis. Nach Indien. Die Welt ist groß. Die Familie hat viel erlebt: Flucht aus der DDR, Gefängnis, Verhöre und eine dicke Stasi-Akte. Und Anke erzählt mir, dass Ost und West in Deutschland immer noch ein großes Thema sind, auch an der Schule.

Deutschland, Du bist… immer noch ein gespaltenes Land. 

4. Stop - Erfurt:
Vater, Mutter, zwei Kinder, mit 32. Mein Studienfreund Micha hat längst seine eigene Familie. Im Studium haben wir Bier in Kneipen getrunken, sind um die Häuser gezogen, jetzt sitzen wir auf dem Balkon. Die Wohnung ist ruhig und dunkel. Die Kinder schlafen. Der Nachbar ist runter gekommen und erzählt von seinem Sohn. Weißt du noch die Studienfahrt nach Brüssel? Darauf stoßen wir an. Prost, Micha!

Deutschland, Du bist… verantwortungsbewusst.

5. Stop - Hamburg/St. Pauli:
Es kracht, es wummert, Sirenen heulen. Die Hubschrauber wecken mich in meinem Zelt auf. Guten Morgen, G20. Ein Haus voller Aktivisten. Einer erzählt von "Bullenhass", zwei Andere sind "einfach so gekommen". Im Fernsehen prügeln Polizisten und brennen Autos. Auch ich gehe auf die Straße. Hier ist es friedlich. "Love and Peace", steht auf einem Plakat. Ein paar Meter weiter steht eine Prostituierte. Dann fliegt ein Stein. 

Deutschland, Du bist… nicht immer leicht zu verstehen.

6. Stop - Darmstadt:
Er war Waldorfschüler und Zirkuskind. Heute spielt er Quidditch und engagiert sich bei der SPD. Jan trinkt seinen Tee und sagt: "Junge Themen fehlen in der Politik." Er sitzt im Uni-Parlament, stimmt über Fachschaftsparties und Studienverordnungen ab. Drei Dinge, die er nach der Wahl ändern würde? Er zögert, dafür antwortet sein Nebenmann Phil. Seine Agenda: Erstens Wahlrecht unter 18 Jahren, zweitens keine 5 Prozent-Hürde im Bundestag, drittens mehr Volksentscheide.

Deutschland, Du bist… ja doch richtig engagiert und politisch interessiert.

7. Stop - Leipzig:
"
Kann ich anonym bleiben?", fragt er. Im Job sei er schon mal schief angeredet worden. Eigentlich sollte das jetzt kein Thema sein, aber er, der anonym bleiben will, ist schwul. Ist also ein Thema. Trotz Homo-Ehe oder Akzeptanz-Geschwätz. Er sagt: "Ich fühle mich in Deutschland immer noch nicht gleichberechtigt." Er legt sich schlafen, ich bleibe wach, denke nach. Am nächsten Morgen steht er so leise auf, dass ich ihn gar nicht gehen höre. 

Deutschland, Du bist… irgendwie doch noch homophob.

8. Stop - Görlitz:
Raffael hat keine Heizung und zahlt im Monat 100 Euro Miete. Kalt? Ja, genau. Ich reiße die Augen auf. In München würde ich fünf mal so viel bezahlen. Dabei sind die Häuserfassaden genauso alt und schön. Ein Unbekannter hat 22 Millionen Mark gespendet. Zur Restaurierung. Die Häuser bleiben trotzdem leer, manchmal kommt ein Kamerateam vorbei. Raffael glaubt: „Leerstand ist eine Chance.“ Er will, dass junge Menschen hier bleiben, engagiert sich in einem Jugendring, sie sind eine Gemeinschaft. Raffael wird bleiben. Denn Heimat ist, wo die Freunde sind.

Deutschland, Du bist… großzügig und gleichzeitig sehr bescheiden.

9. Stop - Berlin: 
Clubmate, Seconhand. Hausbesetzer, Latte-Macchiato-Mamis. Dreckig, laut und durchgedreht. Was soll man über Berlin noch schreiben? Vielleicht, dass es auch schöne und freundschaftliche Ecken hier gibt. Instagramerin Uwa zeigt mir den Viktoriapark, die Bergmannstraße und stylische Fotos, ihr Ex-Freund bietet mir den besten Schlafplatz meiner ganzen Reise an (ja, ein großes, gemütliches Bett!). Später dann auch Politik: Grundeinkommen für Jeden. "Für eine freiere und selbstbewusstere Gesellschaft", sagt Crowdfunder Michael von der Initiative "Mein Grundeinkommen". Er und 100 andere Menschen bekommen bereits 1000 Euro pro Monat. "Wir werden immer mehr", sagt er. Die Spaghetti kommen mit Tofu. Alles ganz friedlich. Peace!

Deutschland, Du bist… eben doch gar nicht so hart, wie du denkst (sorry, Peter Fox).

10. Stop - Stralsund:
Ahoi Ostsee! Am Meer lässt es sich anders atmen. Die Kreidefelsen von Rügen vor Augen, die Schreie der Möwen im Ohr, den Sand unter den Füßen. Tilman (24) schreibt: "Wenn wir wollten, könnten wir die Erde zerstören." Will er nicht. Er setzt sich für Naturschutz ein und reimt Texte dazu. "Wir haben ja nur diese eine Erde", sagt er. Auch wenn das Bafög manchmal knapp sei, lebe es sich doch ganz gut hier. An seine letzte Wattwanderung erinnert er sich genau. Dann fängt er an zu singen: "Duuumpf-daa-dumpf-daruumpf."

Deutschland, Du bist… grün und wundersam.

11. Stop - Wismar:
Mustafa grillt, Nyriam formt Hackbällchen (Kibbeh) und Ingolf schneidet Tomaten. Auf dem Supermarktparkplatz, etwas abseits der Altstadt, steht ein Küchencontainer auf Rädern. Ein Auto hat falsch geparkt.  "Wir bringen Einwanderer und Einheimische an einen Tisch", sagt Agnes vom Projekt "Kitchen on the Run". Es riecht nach Pfefferminz. Was heißt das eigentlich auf Arabisch? Egal. Beim Essen sprechen alle dieselbe Sprache. Einer hat Geburtstag, eine kriegt den Kuchen ins Gesicht. Ein deutscher Geburtstagsbrauch… schon klar! Guten Appetit!

Deutschland, Du bist… ein Land der Genießer.

12. Stop - Flensburg:
Hanseatisch kühl. Im Norden weht, so wie es der Seemannsgarn will, eine steife Brise. Jonas (28) ist noch nicht auf Gesprächstemperatur: "Ganz nett hier, hm?" Die WG sieht aus wie eine Kneipe. Ich habe Heimweh, Reisen ist anstrengend. Dann das Stichwort: Trampen. Und er erzählt und erzählt. Von wilden Fahrten bei 220 km/h, von Dorffesten im Kosovo und stundenlangem Warten in Schottland. Bald ein Rennen. "Willst du mit?" Vielleicht. Erstmal will ich es so versuchen. Ich warte und warte - und nehme dann den Zug nach Hamburg.

Deutschland, Du bist… abenteuerlustig, aber nur, wenn Du willst.

13. Stop - Bremen/Templin:
Kühe und ein Kompostklo - nicht weit von hier ist Angela Merkel aufgewachsen. Friederike (25) kennt die Region um Templin, ist hier auf einem Bauernhof groß geworden. Sie meint: "Landleben macht bodenständig." Die Kanzlerin findet sie "nicht schlecht." Jetzt beim Bier in Bremen an einem Kickertisch vermisst sie Ruhe und Natur. Das Stadtleben? "Hier wird viel mehr konsumiert", antwortet sie und schießt den Ball ins Tor. Also, noch zwei Bier. Friederike lacht. Irgendwann geht sie zurück aufs Land. Und ich? Ich bleibe hier.

Deutschland, Du bist… ein Landei - und das ist ein Kompliment!

14. Stop - Wolfsburg/Fallersleben: 
Die Autostadt - ein historischer Ort. Erst schrieb Hoffmann von Fallersleben hier das Deutschlandlied, dann bauten die Nationalsozialisten ein Imperium für Volkswägen und anderes schweres Gerüst. "Einigkeit und Recht und Freiheit… Deutschland, Deutschland, über…“  ach, lassen wir das. Auch Charlotte (27) will davon nichts wissen. "Politik und Geschichten interessieren mich eher nicht", sagt sie, geht zum Sport, checkt ihren Ernährungsplan und ihr Schlafprotokoll. Selbstoptimiert statt kollektiv degeneriert. Ist auch okay. Man muss ja auf sich achten.

Deutschland, Du bist… schön schlank unpolitisch. 

15. Stop - Köln: 
Vom Problemviertel Chorweiler zu den Reihenhäusern nach Klettenburg. "Wir müssen reden", sagt Fabio, "wir alle!" Er und seine Kollegen von "Köln spricht" sehen die Schwierigkeiten des Landes weniger bei den Obdachlosen auf der Straße, sondern in verschlossenen Türen und langen Zäunen. "Der AfDler muss mit dem Muslim reden", meint er, während wir an einer Schrebergartensiedlung vorbeilaufen. Hoch oben weht Schwarz-Rot-Gold. Nicht Parteipolitik, sondern gesellschaftliches Zusammenkommen löst die Probleme. Wie in Köln-Ehrenfeld, einem hippen Bezirk, wo jeder mit jedem beim Bier sitzt. Mein Gastgeber Conny (30) breitet die Arme aus: "Willkommen!" An der Kreuzung steht die umstrittenste Moschee Deutschlands, "Salam" auf einem Plakat davor.

Deutschland, Du bist… - lass uns darüber erstmal diskutieren!

16. Stop - Duisburg:
"So schlecht ist es hier gar nicht..." Sandra und Andre verteidigen ihre Heimatstadt, dieses potthässliche Loch, immer wieder und müssen selbst darüber lachen. Duisburg! Es gibt schlimmeres. Zum Beispiel: Sandra (22) ist hier geboren, studiert Politikwissenschaften, hat aber immer noch keinen deutschen Pass und verzweifelt an der Bürokratie. Eine Wahl? Hat sie nicht. Andre (24) war bei den Linken aktiv, wollte die Welt verändern und fiel bei Debatten um Posten und Parteigrundsatzprogramm vom Glauben ab. Wählen wird er trotzdem. Die Linken. Wen sonst?

Deutschland, Du bist… nicht wählerisch.

Sendung: Filter, 26.07.2017 - ab 15 Uhr