Für ein besseres Stadtbild und gegen Alkoholsucht Augsburg plant ein Café für Alkoholiker

Augsburg will Alkoholikern ein Café zur Verfügung stellen. Ausgeschenkt wird zwar nur alkoholfrei, drei Halbe darf aber jeder selbst mitbringen. Der kontrollierte Konsum soll den Süchtigen helfen und das Stadtbild verbessern.

Von: Kevin Ebert

Stand: 12.10.2017

Alkohol Cafe in Augsburg | Bild: BR

Gäbe es unter Bundesländern so etwas wie den Klassenstreber, wäre das ganz klar Bayern. Wirtschaft: 1. Sicherheit: 2+. Lebensgefühl: 1. Aber genau wie jeder Streber hat auch Bayern eine große Schwäche. Normalerweise ist das bei Nerds oft Sport, aber da hat Bayern, nun ja, die Bayern eben. Nein, die Schwächen des Freistaats liegen in einem anderen Bereich: Drogensucht. Da kassiert Bayern eine glatte 6.

Jahrelang war Bayern das Bundesland mit den meisten Drogentoten. Mittlerweile ist die Situation nur im kleinen Saarland noch prekärer. 2016 starben in Bayern drei von 100.000 Menschen durch Drogen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen war es nur einer. Dabei sind harte Drogen – Heroin, Crack, Crystal – lange nicht das gefährlichste Suchtmittel. Auch der Alkohol, in Bayern fast schon Grundnahrungsmittel, tötet Menschen. Und zwar viele. In den letzten Jahren waren es laut dem statistischen Bundesamt konstant über 1.700. Rund 17 Prozent aller Erwachsenen in Bayern haben einen gesundheitsgefährdenden Alkoholkonsum, 270.000 gelten als süchtig.

Ein Café für Süchtige

Die Stadt Augsburg will den täglichen Alkoholmissbrauch jetzt bekämpfen. Mit einem Café, in dem sich vor allem ein Klientel trifft: Alkoholiker. Die sollen ihren Stammplatz vom benachbarten Helmut-Haller-Platz in das Café verlagern. Auf dem Helmut-Haller-Platz treffen sich nämlich jeden Tag zwischen 20 und 25 Menschen, um ihre Alkoholsucht zu stillen. Das sei zwar rechtlich ok, sagt Dirk Wurm, der Ordnungsreferent der Stadt, allerdings würde es die Anwohner ziemlich stören. Wenn diese Menschen nicht dauernd auf dem Haller-Platz abhängen sollen -was ihnen theoretisch niemand verbieten kann - dann braucht es aber eine Alternative. Das Café.

"Das Wichtigste ist: Sie müssen das Café als ihren Raum anerkennen. Dass sie hier so sein dürfen wie sie sind. Auch mit ihrem Krankheitsbild, das viele nun mal aufweisen. Sie dürfen sich nicht vertrieben fühlen und sollen Zeit verbringen, sich austauschen. Und auch die Möglichkeit haben, Hilfe von Sozialarbeitern zu bekommen."

Dirk Wurm, Ordnungsreferent der Stadt Augsburg

Anfang Januar 2018 soll das Café, dessen Name übrigens noch nicht feststeht, entstehen. Sozialarbeiter und Mediziner kümmern sich dort um die Süchtigen. Es gibt Aufklärungsmaterial und vor allem: Es gibt Ruhe. Runter von der Straße, das ist das Wichtigste. Sowohl für die Anwohner als auch für die Betroffenen.

Kontrolle beim Konsum

Alkohol wird in dem Café natürlich nicht ausgeschenkt – was aber nicht bedeutet, dass es dort prinzipiell keinen Alkohol gibt. Die Suchtkranken können nämlich selbst Getränke mit einem geringen Prozentanteil Alkohol mitbringen. Einfach gesagt: Maximal drei Halbe Bier sind erlaubt. Am Ende gewinnt eben meistens doch die Sucht – dann wenigstens in einem geschützten Rahmen, an der Seite eines Sozialarbeiters, in Ruhe, ohne Aggressionen. In jedem Fall besser als auf einem Bahnhofsplatz.

Das Konzept erinnert an sogenannte Fixerstuben, die einige Organisationen in Nürnberg und München schon länger fordern. Menschen können dort kontrolliert harte Drogen wie Heroin, Crack oder Crystal konsumieren. In Augsburg, wo sich die Probleme mit harten Drogen in Grenzen halten, sollen sie in einem sicheren Umfeld ihre Alkoholsucht stillen. Das Café Berta in Dortmund fährt dieses Konzept schon seit Jahren und ist das Vorbild für das Café, das in Augsburg entstehen soll. Die Dortmunder hätten gezeigt, dass es funktioniert:

"Es passiert nach der Erfahrung aus Dortmund ungefähr einmal im Monat, dass jemand versucht mehr mitzubringen als die drei Bier. Das klappt also gut. Aber es muss eine klare Hausordnung geben, die sich so zusammenfassen lässt: Wenn ihr euch an die Regeln haltet, dann könnt ihr dieses Café voll nutzen. Wenn nicht, fliegt ihr raus."

Dirk Wurm, Ordnungsreferent der Stadt Augsburg

Wo das Café genau stehen wird, ist übrigens noch nicht ganz klar. Die Stadt will den Standort erst bekannt geben, wenn die Tinte unter dem Mietvertrag getrocknet ist. Dann soll es auch einen Bürgerdialog geben. Denn noch nicht alle haben verstanden, dass Alkoholkonsumräume jedem weiterhelfen. Der Stadt, den Anwohnern, aber vor allem den Süchtigen.