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Vorgestellt // Roger & Schu Vierzig, topflos, souverän

"Deine Jungs schreiben sich ein, meine lassen anschreiben. Deine haben was mit Bitches, meine mit den Bandscheiben." Ja, das Leben wird im Alter nicht einfacher. Umso beeindruckender, wie lässig Roger & Schu das hinbekommen.

Von: Malte Borgmann

Stand: 21.09.2015 | Archiv

Was man wissen muss...

Roger & Schu, sind das nicht die von...? Genau, das sind die zwei von Blumentopf. Hier: Party Safari, 6 Meter 90, WM-Raportagen und so. Der Topf allerdings – mittlerweile eine der dienstältesten HipHop-Crews in Deutschland – pausiert gerade auf unbestimmte Zeit. Seine Protagonisten widmen sich Nebentätigkeiten: Holunder zum Beispiel hat seinen Doktor gemacht, DJ Sepalot steht mittlerweile gern solo in den Clubs hinter den Reglern. Roger und Schu sind aber eben immer noch in erster Linie Rapper. Und als solche haben sie jetzt ein Rapalbum aufgenommen, was auch sonst. Halt zu zweit und topflos, sozusagen.

Ihr Problem ist...

Nun, sie sind nicht mehr die Jüngsten. Mit dem Altern in der Popmusik ist das ja immer so eine Sache, aber im HipHop gerade ganz besonders. Einfach weil die Subkultur insgesamt noch vergleichsweise jung ist. Drogen, ja. Kugeln, ja – aber an Altersschwäche ist in diesem Genre noch keiner gestorben. Dem HipHop fehlt ein geriatrischer Leuchtturm wie Lemmy, an dem man sich zumindest orientieren könnte, wenn man als Rapper über 40 seine Würde bewahren will. Roger & Schu ergreifen die Flucht nach vorn und thematisieren offen, dass sie mittlerweile die einzigen sind, die ihre Jungs noch "Jungs" nennen.

Musik für...

...die alte Schule: reflektiert, selbstironisch, boombappig. Allein das Vokabular: Da wird die "Scheiße gerockt", Roger und Schu gucken ins "Reimbuch" und sind allen Ernstes "funky und frech". Die ganz jungen SwagRap-Kids mit kirschroten Jordans und betonierten Fußballerfrisuren werden vermutlich erstmal verständnislos mit den Augen rollen, bevor sie sich wieder Bosstransformation und Hustensaft widmen.

Ihr Album wird...

...für alle anderen trotzdem eine wunderbar runde Sache. Zum einen liegt das an Demograffics-Mastermind Maniac. Der hat den Hauptanteil der Produktionen auf "Clap your Fingers" zu verantworten und der umtriebige Regensburger ist in Sachen klassischer, sample-basierter BoomBap-Sound mittlerweile einer der ganz Großen in Deutschland. Derart virtuos, stilsicher, liebevoll und unwiderstehlich groovig kriegen das nur wenige andere hin. Zum anderen liegt das an Roger und Schu. Die bemühen sich erst gar nicht, ihren etwas altmodischen Vortragsstil krampfhaft upzugraden. Stattdessen konzentrieren sie sich auf ihre Stärken. Und die liegen vor allem im Storytelling. Wie die beiden zum Beispiel auf "Kommt nicht mehr zurück" ein Dutzend pointierter Kurzgeschichten um einen einzelnen Haftbefehl-Cut stricken, das ist schon ziemlich großartig.

Mögen wir, weil...

...Roger & Schu das mit dem würdevollen Altern also tatsächlich ziemlich gut hinbekommen. Vor allem, wenn man sich im Vergleich dazu mal ihre Kollegen ansieht: Sido zum Beispiel liefert betroffenen Sozialkitsch mit schmierigen Pop-Refrains, und ein verhärmter Dr. Dre bellt sich auf seinem Comeback heiser und hektisch durch überladene Trap-Produktionen. Roger und Schu dagegen machen das, was sie immer schon gemacht haben. Unaufgeregt, souverän, mit Liebe und lässiger Demut. Damit sind sie geradezu Vorbilder und jedenfalls deutlich näher an Lemmy als die meisten ihrer rappenden Altersgenossen.

Schlagworte:
band der woche
Folk
Roger & Schu

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