Wie viel Penis steckt im Pop? Warum die Musikbranche ein Frauenproblem hat

Rihanna, Beyoncé, Lady Gaga: Der Pophimmel scheint voller weiblicher Stars. Wirklich gleichberechtigt ist die vermeintlich moderne Musikindustrie aber nicht. Pop ist im Kern ein Herren-Country-Club.

Von: Katja Engelhardt, Ann-Kathrin Mittelstraß und Vanessa Patrick

Stand: 09.12.2016

Die internationale Popmusik ist ein bisschen wie die Alpen. Auf den ersten Blick ist alles in Ordnung. All die erfolgreichen starken Frauennamen: Katy Perry, Ariana Grande, Lady Gaga, Taylor Swift, Rihanna, Beyoncé, etc. Aber diese Markennamen des Pops täuschen über ein großes Problem hinweg: So gut sind Frauen in den Charts gar nicht vertreten – und in der Musikindustrie insgesamt schon gar nicht.

Das sollte uns zu denken geben, denn Pop ist ein wichtiger Bestandteil des Alltags. Popmusik ist ein Mainstreamthema, das uns alle ständig umgibt: Die Musik dudelt, wenn wir einkaufen gehen, sie dröhnt uns aus Autos entgegen, mit ihr wachsen wir alle auf, bevor wir uns für ein bestimmtes Genre oder eine Subkultur interessieren. Pop beeinflusst uns zutiefst.

Das heißt auch, dass alles was in Popmusik vorkommt, von Themen über Geschlechterklischees bis hin zu Rollenbildern, auch ein Spiegel unserer Gesellschaft ist. Das ist nicht nur ein Gefühl, das sieht man auch an Zahlen und Statistiken.

Weibliche Stars sind in den Charts eher rar gesät

Wenn man sich anschaut, wie groß der Anteil weiblicher Interpreten in den deutschen Top 100 Singlecharts seit 2000 ist, dann ist das Jahr 2006 mit 41 Prozent Frauen fast schon ein positiver Außreißer. Im Schnitt sind 74 Prozent Männer und 26 Prozent Frauen.

Als Interpreten werden alle im Titel genannten Künstler gezählt. David Guetta zählt zum Beispiel als Interpret, auch wenn eine Frau singt. Obwohl in Politik, Wirtschaft und Mainstreamkultur Feminismus und Gleichberechtigung immer wieder wichtige Themen sind, sinkt der Anteil der weiblichen Interpreten in den Deutschen Charts seit 2006.

Da kann Beyoncé noch so oft "Feminist" in riesigen Buchstaben hinter sich auf der Bühne stehen haben und Taylor Swift hundert Mal betonen, wie wichtig es ihr ist, Feministin zu sein: Die Botschaft hat keine Auswirkungen auf unseren Musikkonsum.

Frauen stehen in der zweiten Reihe des Pop-Business

Wirft man einen Blick hinter die Kulissen, sieht es allerdings noch schlechter aus. Hinter den Hits von Stars wie eben Beyoncé und Taylor Swift stecken meistens viele Köpfe. - und diese Köpfe gehören hauptsächlich Männern.

"Im technischen Bereich gibt’s auch wahnsinnig wenig Frauen sogar noch weniger als auf der Bühne. Kaum eine Frau wird dazu ermuntert technisch zu basteln oder sich mal schmutzig zu machen."

Mieze von Mia

Zusammen mit der GEMA hat PULS eine bisher einmalige Datenanalyse gemacht und die Urheber der 100 Songs nach Geschlecht unterschieden, die von 2001 bis 2015 die meisten Ausschüttungen aus Radioplays erhalten haben. Dabei geht es um diejenigendie hinter den Kulissen arbeiten, nicht um die, die auf der Bühne stehen.

Wo Frau drauf steht, ist oft Mann drin

Bei den Toptiteln im Radio für die Jahre 2001 bis 2015 haben wir uns die Ausschüttungsbeträge angeschaut, also welche Tracks das meiste Geld gebracht haben. Alle Texte und Komponisten zählen dabei gleich - Mann 1, Frau 1. Das heißt, wenn eine Frau zum Beispiel an 20 Titel mitgeschrieben hat, taucht sie auch 20 Mal als Frau auf.

Insgesamt gab es in dem Zeitraum 8.616 männliche und 1.107 weibliche Urheber. Das heißt, das rund 11 Prozent von allen Songs zwischen 2001 und 2015 von Frauen geschrieben wurden. Ein ziemlich ernüchternder Durchschnitt. Speziell für das Jahr 2015: Laut der Zahlen der GfK wurden 43 Songs aus den Top100 Singlecharts mit Beteiligung von Frauen geschrieben – aber mit Beteiligun heißt eben auch, dass bei jedem Song mindestens ein Mann am Start war.

An keinem einzigen Song haben nur Frauen geschrieben und nur ein Song hat mehr weibliche als männliche Urheber: "Pray To God" von Calvin Harris und Haim – und Haim sind drei Schwestern. Natürlich gibt es national wie international extrem wichtige Frauen, die hinter großen Popsongs stecken. Sia zum Beispiel schreibt nicht nur ihre eigenen Hits, sondern auch für Stars wie Rihanna. Helene Fischer arbeitet mit Kristina Bach zusammen. Aber das ist eine deutliche Minderheit.

Kann Pop dann überhaupt die Welt aus weiblicher Perspektive zeigen?

Dass da was schief läuft, findet auch Natascha Augustin vom Musikverlag Warner Chappell: "Rund die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich. Also es kann nicht sein, dass für die Hälfte der Bevölkerung die Texte von Männern geschrieben werden". Augustin organisiert im Rahmen ihrer Arbeit auch Songcamps. In denen werden genau für die Interpreten Songs kreiert, die ihre Hits nicht selbst schreiben. Augustin lädt dazu immer wieder Frauen ein – es kommen aber kaum welche. "Wir haben drei tolle Texterinnen, Komponistinnen eigentlich gar nicht. Das sind dann Sängerinnen in einer Band, aber ganz großartige Komponisten oder Autoren haben wir bei den Frauen verschwindend gering bis gar nicht."

Augustin kennt dieses Ungleichgewicht nicht nur von den Songcamps. Auch in ihrem Verlag ist es nicht anders: "Immer wieder fragt man sich, wo sind eigentlich die Frauen? Bei Warner Records gibt es eine Frau unter zehn Männern und die Geschäftsführer sind sowieso immer Männer. Ich kenn da keine Frau, keine einzige."

"Klar, das ist ein Boy Club da oben. Der amerikanische Chef kam nach Deutschland und dann ist man in den Puff gegangen."

Natascha Augustin, Musikverlag Warner

Was tun? Wie ändert man die Popmusik? Haufenweise Alben von Katy Perry zu kaufen hilft – wenig überraschend – nicht.

Lösungsvorschlag 1): Rockcamps

Man kann versuchen schon früh den Nachwuchs fördern, zum Beispiel mit Rock Camps. Lesley Kingswell veranstaltet so ein Event immer wieder in München. Eigentlich studiert sie Jazzgesang in Frankfurt und hat auch selbst eine Band. Jedes Jahr kommt sie nach München, um die Mädchen beim Rock Camp zu coachen. Die Idee dafür stammt aus der Riot-Girl-Bewegung. Mädchen sollen ermutigt werden, sich an Instrumenten auszuprobieren, auf die sie Bock haben – egal ob es sanftes Klavierspiel oder ein krachiges Drumset ist.

"Beim Frauen-Rockcamp gibt’s ganz emotionale Geschichten. Frauen kommen, die 50 oder älter sind und sagen : Ich wollte immer Gitarre lernen aber ich hab mich nie getraut."

Lesley Kingswell, Rockcamp München

Die nächste Station für angehende professionelle Karrieren in der Musikindustrie könnte das Studium sein. Tina Sikorski leitet die Projektwerkstatt & Unternehmenskommunikation der Popakademie Baden-Württemberg. Sie arbeitet aktuell an einem Überblick zu Studierenden und Alumni. Sie stellt jetzt schon fest, dass Ungleichheiten schon im Studium auftreten. Es bewerben sich tendenziell mehr Männer auf ein Studium an der Popakademie und dementsprechend werden auch mehr Männer aufgenommen.

Lösungsvorschlag 2): Aufklärung beim Musikstudium

Auch bei den einzelnen Fachrichtungen gibt es krasse Unterschiede: Auf Musikbusiness-Ebene – also da, wo zum Beispiel Labelmanager und Marketingmanager agieren – lassen sich knapp 2/3 Männer und 1/3 Frauen ausbilden. Wenn es aber darum geht, wo die Songs entstehen, in Studiengängen wie Komposition, Produktion, Gesang oder Gitarre, dann spitzen die Zahlen sich noch mehr zu.

In Popmusikdesign und dem Bachelorstudiengang sind es tendenziell deutlich mehr Männer – 3/4 Männer und 1/4 Frauen. Die Frauen sind dabei oft Sängerinnen. Ein paar Bassistinnen und Schlagzeugerinnen gibt es, aber es gab noch nie eine Gitarristin oder Keyboarderin.

"In Interviewsituationen aber auch unter Kollegen werde ich gefragt, ob Kollegen, die mich mal gefeaturet haben meine Lieder schreiben. Wie häufig ich sagen muss: Nee, nee, ich mach das alles selber."

Balbina Musikerin

Natürlich ist es nicht per se schlecht, wenn in bestimmten Berufen mehr Männer arbeiten. Es wird aber spätestens dann schlecht, wenn Frauen von Rollenzuschreibungen eingeschränkt werden. Die Berliner Musikerin Balbina macht eine ganze Menge selbst: Sie textet, sie komponiert, dreht ihre Videos und ist für ihr Styling zuständig. Balbina hat ihr eigenes Konzept - und ihren eigenen Kopf. Damit muss sie sich aber immer gegen Rollenklischees durchsetzen. „Bestimmte Berufe in der Industrie sind männlich besetzt. In der Plattenfirma spricht man häufig von dem Produzenten, von dem Regisseur, von dem Texter. Bei mir ist das so, dass Leute mir schon Dinge manchmal nicht zutrauen und ich mir mit meinen Ellbogen den Weg freimachen muss, um zu sagen: Ich kann das genauso und ich mach das jetzt auch genauso.“

Lösungsvorschlag 3): Netzwerke

Warner-Frau Natascha Augustin hat zusammen mit anderen die Facebook-Gruppe "Hey Ladies" gegründet. Hier kann jede beitreten, die irgendwie in der Musikbranche arbeitet um isch untereinander auszutauschen und vor allem um Jobangebote posten. Das ist ein privates und geschäftliches Netzwerk von Frauen für Frauen. Ein anderes Netzwerk kommt zum Beispiel vom V.U.T. – dem Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V., der eine extra Abteilung hat: Music Industry Women. Hier fördern Frauen andere Frauen mit Netzwerk-Möglichkeiten, aber auch, indem sie auf sprachliche Besonderheiten wie weibliche Formen achten.

Wie wir hören wollen

Mia-Sängerin Mieze nennt einen wichtigen Grund für das Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern im Popgeschehen. "Man darf nicht vergessen, dass lange galt: Die Frau macht den Haushalt und nichts Kreatives - und ernsthaft Geld verdient sie auch nicht. Es ist eben noch nicht die Regel, dass das auch anders sein kann. Mein Eindruck ist, dass es ein ganz schönes Delay braucht, bis Gleichberechtigung wirklich im Leben ankommt. Das ist nicht nur im künstlerischen Bereich so: Immer noch verdienen Frauen weniger als Männer - egal wo! Da liegt schon ein langer, langer Weg hinter uns – und da liegt noch ein ganzes Stück Weg vor uns."

"Wir haben ein Label gefragt, wieso sie nur eine einzige Frau unter Vertrag haben. Sie sagte uns, Frauen könnten doch nicht touren, wenn sie ihre Periode haben. So ein Unsinn! Und solche Männer haben in der Musikindustrie das Sagen. Wir haben daraufhin beschlossen, unser eigenes Label zu gründen."

Violent Blondes, Techno-Duo

Der Musikbranche haftet ein innovatives, freies, cooles Image an. So progressiv ist sie aber nicht. Deswegen sollte sie genau so kritisch beäugt werden, wie andere Industriezweige auch. Popmusik ist eben nicht nur Popmusik, sie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wenn da eine derartige Schieflage besteht, ist das eine sehr trauriges Bild, das wir da im Spiegel sehen.

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