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Begrenzte Produktionskapazitäten Das natürliche Ende des Vinylbooms

Seit Jahren wird vom Vinylboom gesprochen. Der Anteil am Gesamtmusikmarkt ist aber klein - und das wird sich wohl auch so bald nicht ändern. Denn die Presswerke weltweit haben längst ihre Produktionsgrenze erreicht.

Von: David Würtemberger

Stand: 17.04.2015

Vinylboom | Bild: BR

Jack White hat letztes Jahr für Aufsehen gesorgt: Auf der Vinylversion seines Albums "Lazaretto" gab es einen Secret Track unter dem Papierlabel in der Mitte, die Nadel läuft von innen nach außen statt andersherum, und wenn die Platte erstmal auf 33 Umdrehungen ist, sieht man plötzlich einen Hologrammengel. Größenwahnsinnig? Vielleicht, aber für den Vinyljunkie Jack White hat sich seine "Ultra-LP" gelohnt: "Lazaretto" ist in den USA die meistverkaufte Schallplatte im Jahr 2014. Jedenfalls wenn es nach dem Wallstreet Journal geht. Auf Platz zwei landen mit einigem Abstand die Arctic Monkeys, dann die Black Keys, dann kommen Lana del Rey und Beck. Also alles große Namen, die seit Jahren im Geschäft sind und eine treue Fanbase haben.

Man liest und spricht nun schon seit ein paar Jahren auch in Deutschland vom Vinylboom. Und wenn man sich nur die Zahlen für verkaufte Platten ansieht, dann wird die Annahme auch bestätigt: 29 Millionen Euro wurden 2013 in Deutschland mit Schallplatten umgesetzt. Das ist mehr als dreimal so viel wie fünf Jahre davor. Außerdem ist die Schallplatte tatsächlich der einzige physische Tonträger, der ein Wachstum vorweisen kann. Aber setzt man die Zahlen in Relation mit dem gesamten Musikmarkt, dann macht Vinyl gerade mal zwei Prozent aller Verkäufe aus. Streaming, womit mittlerweile mehr umgesetzt wird als mit klassischem Verkauf, ist in dieser Statistik übrigens außen vor. Die Schallplatte ist also, egal wie hartnäckig vom Boom gesprochen wird, nach wie vor ein Nischenprodukt.

Schallplattenfans sind aber richtige Liebhaber, die noch verhältnismäßig viel Geld für Musik ausgeben. Genau dieses Geld wollen seit Kurzem nicht mehr nur die Labels, die sich aus reiner Liebe zum Medium spezialisiert haben.

"Unter anderem steigen sehr viele Majorfirmen wieder in die Produktion ein. Es gibt Reissues, es gibt von sehr bekannten Künstlern Schallplattenpressungen, die natürlich nicht mit kleinen Auflagen starten. Das sind Phänomene, die es noch vor zwei, drei Jahren nicht gab."

Moritz Illner, Betreiber des Presswerks Duophonic in Augsburg

Durch die immer weiter steigende Produktion ergibt sich auch ein Problem, wenn ein Label Schallplatten pressen lassen möchte:

"Die Kapazitäten sind ausgeschöpft. Die Lieferzeiten lagen noch vor einem Jahr bei vier Wochen, jetzt liegen sie ungefähr bei zwei, drei Monaten. Wir sehen auch, dass das ein europaweites Phänomen ist und dass die alten Maschinen, die immer noch laufen, an ihre Grenzen kommen, obwohl 24-Stunden-Schichten gefahren werden."

Moritz Illner

In den USA gibt es laut Wallstreet Journal obendrein noch ein ganz anderes Problem: 90 Prozent des Rohvinyls werden von einem thailändischen Produzenten angeliefert. Ein Nadelöhr also. Wenn sich Lieferungen verzögern, drohen Zwangsstopps in der Produktion. Vergangenen Oktober wäre zum Beispiel fast die Produktion für den verkaufsstarken Black Friday, einer Art zweiter Record Store Day, zum Erliegen gekommen - wegen eines liegengebliebenen Lastwagens. Für Europa gibt es aber Entwarnung: Weder Moritz Illner mit seiner kleinen Firma noch Patrick Roll, der beim großen Presswerk Pallas arbeitet, befürchten Engpässen bei europäischen Lieferanten.

Die hohe Auslastung der Presswerke ist aber auf der ganzen Welt Realität. Zur Produktivitätssteigerung einfach neue Maschinen beschaffen, das ist leider fast unmöglich. Die Maschinen, die heute pressen, sind die Maschinen aus den 70er- und 80er-Jahren, die schon Platten gepresst haben, als die CD noch nicht auf dem Markt war. Diese Pressen sind bereits aufgemotzt, optimiert und auf dem neuesten Stand. Trotzdem laufen die Maschinen mittlerweile Tag und Nacht und sind am absoluten Produktionsmaximum angelangt. Nach stillgelegten Pressen wird auf der ganzen Welt gesucht, aber mit Einführung der CD wurden viele Vinylpressen verschrottet. Übrigens von den großen Plattenfirmen selbst, denn die wollten nur noch ihre neue, einfacher zu produzierende und lukrativere Scheibe verkaufen. Heute besonders frustrierend für die Indies: Der Journalist Thaddeus Herrmann hat E-Mails zugespielt bekommen, die beweisen sollen, dass die großen Plattenfirmen schon vorab große Kapazitäten in Presswerken blockieren würden. Immerhin macht man mit Vinyl wieder Geld, selbst wenn man "nur" Neuauflagen veröffentlicht. Die kleinen Labels haben das Nachsehen, obwohl sie die Schallplatte über Jahre am Leben gehalten haben. Gibt es denn wenigstens eine Chance auf neue Maschinen?

"Eine wirkliche Neuentwicklung von Maschinen im großen Stil, zum Beispiel dass eine Firma eine neue Pressmaschine entwickelt und auf den Markt bringt, das ist bisher zumindest noch nicht geschehen. Und so groß ist der Markt nun mal auch nicht, als dass man gleich zweitausend Maschinen verkaufen könnte, das muss man auch sehen. Es bleibt natürlich ein Nischenmarkt."

Moritz Illner

Zu allem Überfluss kommt auch noch hinzu, dass mit der Verschrottung der alten Pressmaschinen auch Wissen verloren ging. Das verbliebene Fachpersonal fliegt um die ganze Welt, repariert die alten Maschinen, so gut es eben geht. Schallplattenpressung ist ein komplizierter, kleinteiliger Prozess, in dem auch chemische Prozesse eine Rolle spielen. Ein Nadelöhr ist zum Beispiel die Beschaffung von Masterfolien. Thaddeus Herrmann hat Skurriles herausgefunden: es gibt weltweit gerade mal zwei Bezugsquellen, eine große Firma in den USA und einen alten Japaner, der die Folien in seiner Garage herstellt.

Die Produktion von Schallplatten wird durch eine natürliche Obergrenze gedeckelt, weshalb der Markt, selbst wenn sich immer mehr Menschen rückbesinnen würden, gar nicht ins Unermessliche wachsen kann. Die Maschinen laufen am absoluten Limit und Neubauten sind nicht in Sicht. So schön sich die schwarzen Scheiben auch auf den Tellern drehen mögen: Der viel beschworene Vinylboom ist realistisch gesehen nur eines kleines Bümmschen auf dem Musikmarkt. Darum müssen Vinylliebhaber nun vor allem hoffen, dass Labels sich früh genug um Bestellungen kümmern und die Pressen ewig halten.

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