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Interview mit RAF Camora "In fünf Jahren wird keiner mehr rappen"

RAF Camora lässt in seinen Sound auch Dancehall Elemente einfließen. Im Interview beleuchtet er die Zukunft des deutschen Raps, bezieht Stellung zu Plagiatsvorwürfen und erklärt den Einfluss des französischen Raps auf Deutschland.

Von: Malcom Ohanwe

Stand: 27.01.2017 | Archiv

Der Rapper RAF Camora steht auf einem Hochhausdach | Bild: Boldt Berlin

Wer mit einem Song über 37 Millionen Klicks auf YouTube erreicht, kann sich wohl als Rapper der Stunde bezeichnen: Mit seinem Album "Palmen aus Plastik", das er gemeinsam mit 187-Straßenbande-Mitglied Bonez MC aufgenommen hat, landete RAF Camora auf Platz eins der deutschen Charts. Der in Wien lebende Musiker wuchs die ersten 13 Jahre seines Lebens in der französischsprachigen Schweiz auf. Auch deswegen orientiert er sich an den Trends der französischen Hip-Hop-Szene, wo zurzeit besonders Straßencloud und Afro-Trap steil gehen.

PULS: Deine Vorliebe für karibische Musik kommt in "Palmen aus Plastik“ so deutlich raus wie noch nie. Wie kamst du darauf, komplett auf den tropischen Sound zu setzen?

RAF Camora: Ich höre Dancehall schon seit den 90ern und dachte mir immer, dass diese Musik auch in Deutschland erfolgreich sein muss. Es darf nicht sein, dass nur Leute wie Culcha Candela Dancehall auf Deutsch machen. Deswegen hatte ich schon immer die Vision, dass das irgendwann mal in Deutschland funktioniert. Und ich habe es auch selbst versucht. Ich habe seit 2008 den Dancehall in meine Musik einfließen lassen, war aber nie konsequent genug. Zu zweit traut man sich immer ein bisschen mehr. Und deswegen haben Bonez MC und ich uns gedacht: "Ok, jetzt machen wir mal richtig". Für ihn war das genauso wichtig wie für mich.

Auf deinem Album gibt es ja nicht nur Dancehall, sondern auch viele Afrobeat-Elemente. Bei "Ohne Mein Team“ meinten viele, dass der Track wie "AfroTrap Part. 5“ von MHD klingt. Wie reagierst du, wenn du Kommentare liest wie: "Hey das ist alles geklaut, das hat doch MHD schon gemacht!"?

Die Melodie des Samples ist aus einer Trance-Music-Library und da ist es reiner Zufall, dass das ähnlich klingt. Von den Drums her gibt es im Afro-Trap einfach nicht viele Möglichkeiten. Da klingt alles sehr ähnlich. Aber ganz ehrlich: Die Vorwürfe sind mir auch völlig egal. Der Song ist geil geworden und ich stehe mit jeder Faser meines Körpers dahinter. Da kann "AfroTrap Part. 5" ruhig ähnlich klingen. Ich feiere das Album von MHD extrem.

Im Deutschrap ist es total normal, dass man sich von den USA inspirieren lässt. Dass auch viele von französischer Musik geprägt sind, geht da häufig unter. Wie groß ist deiner Meinung nach der französische Einfluss im deutschen Hip-Hop-Game?

Es ist immer das Gleiche: Erst passiert etwas in Amerika, dann kommt es nach Frankreich und sobald es in Frankreich ist, wird die Sache europäisiert – und drei bis vier Jahre später landet es dann auch in Deutschland. Ich weiß noch als Anfang der 2000er Booba der Erste war, der im Straßenslang gerappt hat. Als französischer Muttersprachler habe ich das damals schon mitbekommen, dass jeder das witzig fand, dass jemand so rappt, wie man auch spricht. Und ich dachte mir: Wann geht das in Deutschland los, dass Leute mit Migrationshintergrund so rappen wie sie sprechen? Und dann kam Bushido.

Es gibt in Deutschland zwei Lager: Das eine lässt sich vom amerikanischen Rap inspirieren. Dazu zählen Kool Savas und Samy Deluxe zum Beispiel. Und dann hast du andere Rapper, die eher französischen Hip-Hop hören, weil sie sich mit amerikanischem Hip-Hop nicht so sehr identifizieren können. Dazu zähle ich auch mich und viele Frankfurter wie Nimo oder Celo & Abdi.

Die Idee mit dem Sprachengemisch von Haftbefehl kommt ja beispielsweise auch aus Frankreich.

Natürlich. Das ist sehr ähnlich wie bei den Franzosen. Im französischen Hip-Hop gibt es viele arabische und afrikanische Wörter. Ich bin aus dem 15. Bezirk in Wien. Da leben sehr viele Jugoslawen, deswegen sind bei mir immer Jugo-Wörter drinnen. Bei Haftbefehl kann ich mir vorstellen, dass in seinem Umfeld viele Kurden und Araber sind und deswegen auch diese Begriffe in seinen Songs vorkommen. Aber das sind Wörter, die versteht jeder, der in diesem Umfeld aufwächst.

Dieses Sprachgemisch ist ja eine von mehreren Entwicklungen. Wo siehst Du die Zukunft des deutschen Raps?

Es werden noch mehr Reggaeton-Einflüsse kommen. Es wird noch mehr Autotune kommen. Trap stinkt schon ein bisschen, der wird sich mehr in den Cloud-Rap reinflashen. Es wird alles cloudiger werden. Der Straßen-Cloudrap von PnL ist ein sehr großer Einfluss. Sowas wie Jul wird auch kommen. Der macht Dance inspirierten Hip-Hop mit Elementen wie bei "Blue“ von GiGi D’Agostino. Selbstverständlich kommt Autotune immer mehr.
True School und Oldschool hatten kurz eine Renaissance vor drei Jahren, aber ich denke, der Sound ist richtig durch – das ist nicht mehr der Deutschrap von 2017. Das ist das, was Kanye vor einer Million Jahren gemacht hat. Ich prophezeie dir: In fünf Jahren wird keiner mehr rappen, sondern jeder wird nur noch singend rappen. Kein Sprechgesang, nur noch Autotune.

Das ganze Interview mit RAF Camora gibt's hier als Podcast.

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