Interview mit den Idles "Brexit heißt: Wir sind komplett am Arsch!"

Mit ihrem Album "Brutalism" touren die Idles durch ganz Europa. Auf dem PULS Festival 2017 in Erlangen haben uns Joe und Marc erzählt, wie wichtig Yoga ist, warum das Album kein Selbstläufer war und wie beschissen der Brexit ist.

Von: Anna Bühler & Malte Borgmann

Stand: 02.12.2017

Puls-festival-erlangen-2017-idles | Bild: BR

God Shave the Brexit: Idles sind wütend, laut und eine der angesagtesten Bands aus UK. Wir trafen sie beim PULS Open Air zu einem Gespräch über die Weltlage und Zahnärzte.

PULS: Ihr seid jetzt schon seit ungefähr 5 Uhr in Erlangen und euer Auftritt beim PULS Festival ist erst nachts um eins. Was macht ihr jetzt die ganze Zeit?

Joe: Yoga

PULS: Macht ihr jetzt fünf Stunden am Stück den hinabschauenden Hund?

Marc: Joe, du hast doch die Taube perfektioniert!

Joe: Gurrrrrrrrrrrrrrrrr! Gurrrrrrrrrrrr! (imitiert eine Taube)

PULS: Habt ihr dann auch euren eigenen Yogi dabei?

Joe: Ne ne, wir sind überzeugte Sozialisten. Wir denken, jeder ist sein eigener Yogi!

PULS: Viele Leute in ganz Europa haben richtig Bock auf euer neues Album "Brutalism". Läuft ganz gut bei euch gerade, oder? Pigs in shit...

Joe: (lacht) Vielen Dank für diese wundervolle britische Floskel! Ne, aber jetzt mal ernsthaft: Es war ein magisches Jahr und wir haben gerade eine wirklich geile Zeit. Die Tour war einfach perfekt und wir sind ehrlich gesagt einfach nur glücklich darüber, wie alles läuft.

PULS: Wir haben gelesen, dass ihr komplett frustriert wart, als ihr das Album aufgenommen habt. Weil ihr nicht daran geglaubt habt, damit irgendwie Erfolg zu haben...

Joe: Ich glaube, es ist für jeden Künstler wichtig, die Dinge nicht tot zu denken. Man muss so etwas wie den Automodus finden und darf nicht so sehr darüber nachdenken, was andere erwarten. Aber genau das passiert eben, wenn man nicht weiß, ob die eigenen Texte und die Musik überhaupt gut sind. Manchmal wussten wir einfach nicht, was wir zu tun hatten und es gab auch keinen Manager, der uns das hätte sagen können. Im Großen und Ganzen waren wir einfach noch nicht selbstbewusst genug.

PULS: Ihr habt ja auch mal versucht, poppigere Songs zu schreiben. Die Idles schreiben einen Pop-Song: Wie klingt das?

Marc: Hey Jude, don't make it baaaad... Ehrlich gesagt klappt das nicht so gut (lacht). Jedes mal, wenn wir einen Pop-Song geschrieben hatten, gab’s Stress und ich habe drei Wochen nicht mehr mit Joe geredet.

Joe: Drei Wochen!

PULS: Ihr habt deswegen nicht mehr miteinander geredet?

Joe: Wir reden eigentlich grundsätzlich nicht miteinander.

Marc: Nur während Interviews.

Joe: Und wenn wir Yoga machen!

Marc: Ich habe vor kurzem mal versucht, unsere Lieder zu rappen. Das ging irgendwie so: "Hey my name is Bow! To the left of me is Jo! We are the Idles! We…”

Joe: Oh man, mir wird schlecht!

Marc: Ja, klappt nicht so wirklich oder?

PULS: Lasst uns mal über eure Lyrics sprechen. Offensichtlich wart ihr ziemlich sauer beim Schreiben.

Joe: Eigentlich ist das kein wütendes Album, sondern ein aggressives. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Das Album ist im Grunde ein Ventil für eine ganze Reihe an Emotionen. Musik ist viel mehr als einfach nur Poesie.

PULS: In einem Song erwähnt ihr Mary Berry - eine britische TV-Köchin, die in Deutschland keiner kennt. Wie ist es denn vor einem Publikum zu spielen, dass diese ganzen Anspielungen wahrscheinlich nicht versteht?

Wir haben erlebt, dass unsere Musik in allen Ländern super angenommen wird. Ich denke eigentlich nie darüber nach, ob unser Album zu britisch ist. Unsere Absicht ist es, mit den Lyrics die Probleme in Großbritannien zu thematisieren - wobei sich die Probleme natürlich nicht nur auf UK beschränken. Das betrifft doch ganz Europa, oder? Die Polarisierung der Politik zum Beispiel, es liegt ganz viel Spannung in der Luft. Vor allem in Ländern wie Deutschland oder in Spanien. Ich glaube, dass die Musik live viel wichtiger ist, als die Texte.

Marc: Ich glaube der Punkt mit den Anspielungen, die keiner versteht, betrifft andere Genres und Künstler noch viel mehr. Zum Beispiel im Hip Hop: Da gehen ungefähr 40 Prozent der Anspielungen im Text einfach über die Köpfe der Leute hinweg. Aber es ist immer noch großartig!

PULS: Aber es ist ein schöner Moment, solche Anspielungen endlich mal zu verstehen. Also: Was hat Mary Bary, eine britische TV-Köchin, mit Politik zu tun?

Joe: Sie ist eine Metapher. Sie verkörpert den Komfort der britischen Mittelschicht.

PULS: Lasst uns mal über die Probleme in eurem Land reden: Den Brexit. Denkt ihr, das wird euch als Band, die quer durch Europa tourt, hart treffen?

Joe: Ja natürlich. Eigentlich wird es Marc noch mehr treffen als mich, der ist nämlich Zahnarzt ..

PULS: War das ein Witz?

Marc: Ne, das ist kein Witz. Ich bin Zahnarzt, obwohl ich so schlechte Zähne habe (lacht)... Ich arbeite für den National Health Service. Und wir sehen dort jetzt schon die Auswirkungen des Brexit. Es kommen viel weniger Leute zum Arbeiten, die wir aber eigentlich dringend bräuchten. Wenn wir jetzt mal bei Zahnärzten bleiben: Europäische Zahnärzte haben fast die Hälfte der gesamten Behandlungen übernommen. Und die hauen jetzt alle ab ..

Joe: Schau die doch mal die Situation der Krankenschwestern und der Ärzte an. Das ist eine der schlimmsten Entwicklungen, die unser Land seit langem getroffen hat. Man kann sich auf den Brexit gar nicht richtig einstellen. Und die meisten Politiker verstehen selbst nicht, was das alles bedeutet. Brexit heißt: wir sind komplett am Arsch.

PULS: Das ist doch ein gutes Ende für ein Interview.

Joe: Ist es? Das ist doch kein schönes Ende, Deutschland!

Sendung: Plus1 am 2. Dezember 2017