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Frauen in der Elektroszene Männer buchen Männer

Die Zahlen für das laufende Jahr sind alarmierend: Weniger als 10 Prozent der gebuchten Acts auf Elektrofestivals sind weiblich. An guten Produzentinnen mangelt es aber nicht. Woran liegt's?

Von: Franziska Niesar

Stand: 14.08.2013

Frauen als DJs: Nur 10% der elektronischen Musik kommt von Frauen - visualisiert anhand zweier Plattenspieler. | Bild: BR

Die Forderung nach Gleichberechtigung in der Popkultur ist so alt wie die Popkultur selbst. Schon in den 50er-Jahren schreiben die Beat Poets Texte über mehr Toleranz und Anerkennung, später schreien Punkbands gegen Frauenfeindlichkeit, HipHop-Combos rappen gegen Diskriminierung. Anfang der 90er scheint dann alles gut zu sein.

Im Techno ist es für einen kurzen Moment völlig egal, wer hinter den Decks steht. Trotzdem wird heute in der elektronischen Musik stärker zwischen Mann und Frau unterschieden als je zuvor. Das Internetportal female:pressure hat alarmierende Zahlen herausgebracht: der Anteil weiblicher Acts auf nationalen und internationalen Elektro-Festivals liegt nicht einmal bei 10 Prozent.

Susanne Kirchmayr aus Wien alias Electric Indigo ist Gründerin des Frauen-DJ-Netzwerks female:pressure. Außerdem ist sie Produzentin, DJ, Labelinhaberin und Initiatorin des PERSPECTIVES Festival, das Mitte September in Berlin stattfindet und auf dem ausschließlich weibliche Acts auftreten. Als Organisatorin hat Kirchmayr dabei überhaupt kein Problem, die Slots mit großartigen Künstlerinnen zu füllen.

"Man glaubt immer, es gibt kaum eine Frau oder vielleicht sogar überhaupt keine. Und sobald man zu recherchieren anfängt, stellt sich heraus: Es sind viel mehr, als man denkt. Und ich kenne natürlich sehr, sehr viele Frauen, die Musik machen. Ich weiß aber auch, dass die relativ unbekannt sind."

Susanne Kirchmayr

Von einem Mangel an guten weiblichen Acts kann also keine Rede sein. Wo liegt dann eigentlich das Problem? Die erste Krux heißt Promoter bzw. Booker: Denn der sucht sich Acts, die er entweder persönlich kennt oder von denen er glaubt, dass sie viele Leute anziehen. Der DJ oder Live-Act zieht aber nur, weil er gehypt ist, sprich eine mediale Präsenz hat, so Kirchmayr.

Die größte mediale Aufmerksamkeit bekommen allerdings oft Männer, weil nicht nur im Booking, sondern auch im Journalismus Männer die Entscheider sind. Deshalb wird über Produzentinnen nicht gesprochen, sie werden nicht gehört und es kann kein Medienhype entstehen. Ein Teufelskreis. Liza von Aura.Karma.Records. ist DJ in München und kennt das Kreuz mit der ewigen Männer-Posse.

"Wenn man nicht wie ich die Möglichkeit hat, dass dich jemand sehr bewusst an die Hand nimmt und fördert, dann kann es passieren, dass man nie ein Booking bekommt, weil die sich eh unter den ewig Gleichen die Dinger zuschieben und sich nichts tut."

Liza im Interview mit PULS

Aber sollte es nicht mehr darum gehen einfach gute Acts, also guten Sound zu buchen? Unabhängig vom Geschlecht? Gudrun Gut aus Berlin ist seit Jahren eine der prägendsten Künstlerinnen der elektronischen Musik in Deutschland und sieht das so:

"Natürlich ist die Musik das Auswahlkriterium Nummer 1. Aber in dem Augenblick, wo die immer gleichen Künstler gebucht werden, kommt ja kein Nachwuchs zustande. Es geht ja auch immer darum, neue Sachen zu entdecken und Künstlern, die nicht so kommerziell sind eine Chance zu bieten."

Gudrun Gut

Und genau darum geht es beim Frauen-Festival PERSPECTIVES: Einerseits wollen die Veranstalter zeigen, wie es um die weibliche Elektroszene bestellt ist. Andererseits wollen sie einen Dialog in Gang setzen. Dabei geht es darum, den Status Quo festzulegen, Mechanismen zu analysieren und idealerweise eine Lösung zu finden. Dafür, wie und unter welchen Voraussetzungen man etwas ändern kann.

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