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Deutscher Post-Punk im Jahr 2016 Die Neue Deutsche Kälte

2016 war das Jahr des Post-Punk. Seit den 80ern hat es nicht mehr so viele Releases gegeben. Die meisten Bands kommen aus Deutschland. Ihre Gemeinsamkeiten sind ein schroffer Sound und ein gesunder "Kulturpessimismus".

Von: Matthias Scherer

Stand: 08.12.2016

Schroff, kalt und ein bisschen unheimlich. Das ist der Sound, der es 2016 in die deutschen Feuilletons und die Herzen Tausender neuer Fans geschafft hat. Dieser Sound kommt aber nicht aus London oder New York, sondern wird von Bands aus Stuttgart, Hamburg und Münster gemacht. Sprich: Der Soundtrack zum Albtraumjahr 2016 ist Post-Punk made in Germany.

Blick zurück in die 80er: Post-Punk entsteht als eine Reaktion auf die Ende der 70er-Jahre ausgeleierte Punkschiene: Es reicht nicht mehr, zwei Minuten lang auf zwei Akkorden rumzukratzen und einen Iro zu tragen. Die Musik soll experimenteller werden, um die angespannte gesellschaftliche Situation besser widerzuspiegeln. Bands wie Joy Division oder Gang of Four aus England und Sonic Youth aus den USA werden von Musikjournalisten und Fans dafür gefeiert, dass sie die klaustrophobische Stimmung des Kalten Krieges einfangen und vertonen.

Ihre Platten werden auch heute noch gekauft und inspirieren Musiker in ganz Deutschland: die Friends of Gas aus München, Drangsal aus Herxheim, Messer aus Münster, Der Ringer aus Hamburg. Und natürlich viele andere, die 2016 Alben rausgebracht haben.

Bemerkenswert ist, dass viele dieser Releases vom Berliner Label Staatsakt veröffentlicht worden sind. Labelgründer und Post-Punk-Fan Maurice Summen findet, dass die politischen Bedingungen, die Post-Punk damals hervorgebracht haben, 2016 wieder herrschen.

"Wenn man an Trump denkt, die AfD oder Merkel – also als Parallele zur damals nicht enden wollenden Kohl-Ära – dann entdeckt man schon einige Parallelen. Hat man beide Zeiten miterlebt, so wie ich teilweise - dann fühlt man sich, als würde man in einer Schleife stecken. Ich glaube auch, dass der Sound - der ja eher so repetitiv und monoton ist und diese düstere, dystopische Stimmung transportiert - hervorragend in diese Zeit passt. Dafür, dass die Musik so monoton ist, ist sie sehr elastisch und belastbar – es wird nicht so viel variiert wie in anderen Genres, aber wenn die Musik im Kollektiv gut dargebracht wird, erzeugt die auch heute noch eine erstaunliche Spannung."

Staatsakt-Betreiber Maurice Summen im PULS-Interview

Gefangen in einer Schleife - so klingt oft auch die Musik, die die deutschen Post-Punk-Bands machen. Die Texte sind nicht explizit politisch, aber man muss nur die fräsenden Riffs, die müden Stimmen oder die brodelnden Basslines hören, um zu checken: Hier fühlt sich jemand hilflos, angepisst oder verloren. Manchmal auch alles auf einmal.

Max Rieger ist einer der wichtigsten Player in der deutschen Post-Punk-Szene. Er ist nicht nur Gitarrist und Sänger bei der Band Die Nerven und hat dieses Jahr mit seinem Soloprojekt All Diese Gewalt ein fantastisches Album veröffentlicht. Er hat auch einen Remix für Messer gemacht und neue Platten der Friends of Gas und Karies produziert. Rieger sagt, dass all diese Bands etwas eint:

"Plump gesagt: vielleicht eine Art Kulturpessimismus. Weil nicht nur ich, sondern auch viele andere Leute die ich kenne, ein bisschen irritiert sind von den Platten, die heutzutage veröffentlicht werden. Diese Platten spiegeln nicht das Gefühl wider, das ich oder die Leute die ich kenne und schätze, haben. Das ist auf jeden Fall was, was uns verbindet - auf eine abstrakte Art und Weise."

Musiker und Produzent Max Rieger im PULS-Interview

Post-Punk: das Spannendste, was es 2016 in der deutschen Musik gab

Klar: Der Einfluss, den diese Alben und Bands 2016 auf die deutschen Charts hatten, war gering. Deutschrap verkauft sich zum Beispiel hundertmal besser als deutscher Post-Punk. Eine popkulturelle Revolution wird Post-Punk also nicht auslösen, sagt auch Max Rieger.

"Natürlich hat [die Häufigkeit von guten deutschen Post-Punk-Alben] zugenommen. Aber ob sich dafür jetzt jemand interessiert? Keine Ahnung. Mit der Friends of Gas-Platte könnte man meine Schwester zum Beispiel jagen. Das ist immer ein zweischneidiges Schwert."

Max Rieger im PULS-Interview

Um kommerziellen Erfolg zu haben, ist deutscher Post-Punk zu sperrig – aber dafür vielfältig: All Diese Gewalt mischt Krautrock unter seine Kompositionen, Isolation Berlin schreiben Refrains, die in Stadien gehören, Drangsal flirtet mit Goth-Einflüssen. Sie alle vertonen auf ihre eigene Weise die Gefühle ihrer trotzdem immer größer werdenden Fanbasis. Diese emotionale Wucht macht Post-Punk zum Spannendsten, was es 2016 in der deutschen Musik gab.

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