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Bands auf der Couch Was taugen Breakup-Songs im echten Leben?

Liebeskummer ist sowas wie Treibstoff für Popmusik. Aber wie gut gehen AnnenMayKantereit, Blumentopf, Maxim, Schnipo Schranke und andere in ihren Songs eigentlich mit einer Trennung um? Wir haben einen Beziehungs-Coach gefragt.

Von: Hardy Funk

Stand: 03.06.2016

Gitarre liegt beim Psychater | Bild: BR

Wenn wir mal ehrlich sind, lieben wir es doch, uns nach einer Trennung mit unseren Lieblings-Herzschmerz-Songs so richtig im Selbstmitleid zu suhlen. Egal, ob wir den Ex-Partner in die Wüste schicken oder zurückhaben wollen. Aber sind die Vorschläge, die uns Musiker in ihren Songs machen, wirklich brauchbar? Und was verraten uns die Songs darüber, wie die Bands mit einer Trennung umgehen?

Date Doctor Emanuel Albert

Wir haben Songzeilen von Annenmaykantereit, OK KID, Schnipo Schranke, Maxim, Isolation BerlinBlumentopf und Gisbert zu Knyphausen vom Beziehungs-Coach Emanuel Albert auf ihre Alltagstauglichkeit abklopfen lassen. Er berät Leute nach einer Trennung und gibt auf datedoktoremanuel.de und seinem Youtube-Channel Tipps, wie man das Ende einer Beziehung besser verkraftet.

Annenmaykantereit – Pocahontas

"Und eigentlich sind wir viel zu lang' zusammen
Um jetzt damit aufzuhören
Aber das ist 'n verdammt beschissener Grund
Und mir ist nicht egal
Wie gut du mich kennst
Und mir ist nicht egal
Wie du mich nennst
Und mir ist nicht egal
Wo du grade pennst"

Annenmaykantereit

Emanuel Albert: Wenn man eine Geschichte hat, ist die Schwierigkeit natürlich, loszulassen. Weil man so viel miteinander teilt. Schwierig wird es immer, wenn die beiden verschiedene Emotionen haben. Bin ich dort, wo ich sage, eigentlich ist es gut, und der andere ist hart verliebt, dann ist das echt gefährlich. Weil es immer kaputt geht, wenn die Emotionen zu unterschiedlich sind. Haben beide ähnliche Gefühle, haben sie manchmal eine Chance, eine ganz entspannte Beziehung weiterlaufen zu lassen. Weil eigentlich geht's ihnen ja auch gut. Also ist dieses 'Eigentlich sind wir viel zu lange zusammen' überhaupt kein dummer Grund, ganz im Gegenteil. Die Frage ist: worauf fokussiere ich? Fokussiere ich auf das, was ich habe, oder auf das, was mir fehlt? Und hier lohnt sich, darauf zu fokussieren, was man hat, weil das kriegt man nicht geschenkt.

OK KID – Kaffee warm

"Und schon wieder dieses kopfzerfickende Gefühl
Dieses 'Ich will nicht, dass du weißt, dass ich nicht weiß, was ich will'
Und ich Idiot hol' deine Tasse aus dem Schrank
Auch wenn du erstmal nicht mehr kommst, halt ich den Kaffee für dich warm"

OK KID

Emanuel Albert: OK KID sind sich unsicher - und trotzdem klingt es hart nach Liebeskummer. Irgendwie wollen sie doch nicht, dass es vorbei ist. Da sind sie gefangen. Das erste, was ganz wichtig wäre, ist, all diese Sachen wegzuräumen. Alles aus den Augen, aus dem Sinn. Ich würde auch auf keinen Fall zugeben, dass es mir so schlecht geht, sondern würde wirklich schauen, dass ich mich erstmal ablenke und aus diesem Loch rauskomme. In dem Moment, wo ich aus dem Loch raus bin, wo's mir besser geht, muss ich auch nicht mehr verstecken, wie's mir geht, und kann viel ehrlicher auf meinen Ex-Partner zugehen.

Schnipo Schranke – Pisse

"Ich kann mich verändern!
Wie hättest Du mich denn gern?
Ich bin schon besser jetzt
Als eben oder morgen
Und gerade jetzt bin ich noch besser geworden
Mein primitives Lachen ist doch längst verhallt"

Schnipo Schranke

Emanuel Albert: Liebe macht tatsächlich blind und Liebeskummer macht noch blinder: Wir denken immer, wir können uns ganz leicht und ganz schnell verändern, aber das können wir nicht. Wir können an uns arbeiten, langsam Dinge in den Griff zu bekommen. Aber wir können uns nicht mal eben so umkrempeln. Das wissen Schnipo Schranke auch, von wegen morgen, gestern - da kriecht schon die Ironie zwischen den Zeilen raus. Weil ganz klar ist, dass das überhaupt nicht geht, obwohl man's verrückterweise sofort anbieten würde. Und wenn das dann Leute machen, sieht das immer ganz erbärmlich aus. Dann sitzen sie da und haben plötzliche eine ganz andere Frisur oder ganz andere Klamotten oder machen auf Kosmopolit, obwohl sie noch nie verreist sind. Das ist einfach Quatsch - und es wird auch immer sofort durchschaut. Deswegen ist die Kunst nicht, sich perfekt zu verändern, sondern in kleinen, ganz realistischen Schritten an sich zu arbeiten.

Maxim – Meine Soldaten

"Und immer, wenn mein Herz nach dir ruft
Und das Chaos ausbricht in mir drin
Schicke ich meine Soldaten los
Um den Widerstand niederzuzwingen"

Maxim

Emanuel Albert: Maxim hat auf jeden Fall eine Sache sehr schön verstanden: Liebeskummer ist eine ganz klebrige Seuche, die einen manchmal viel zu lange nicht loslässt. Deshalb gilt es, sich dagegen so hart wie möglich zu wehren. Maxim macht das ganz richtig, dass er im Grunde genommen seine inneren Soldaten losschickt. Wenn ich mit Leuten an ihrem Liebeskummer arbeite, bekommen sie auch Übungen von mir. Und eine Übung ist, dass man sich in seinen Liebeskummer-Gedanken schnell unterbricht, sich auflädt mit allen Gegenargumenten. Und das ist eine Arbeit, die Disziplin braucht. Deswegen ist das Bild mit den Soldaten gar nicht so schlecht, weil das ja ein Sinnbild von Disziplin ist.

Isolation Berlin – Du hast mich nie geliebt

"Ein zu Staub zerfallenes Ego
Ein zerrüttetes Gemüt
Eine Angst vor allem Neuem
Und ein selbstgeschriebenes Lied
Das ist alles, was mir blieb
Du hast mich nie geliebt"

Isolation Berlin

Emanuel Albert: Ich finde, sich einmal so richtig schön in Selbstmitleid fallen zu lassen und solche selbstzerstörerischen Gedanken zu haben, ist für eine kurze Phase sehr wohltuend. Das empfehle ich sogar. Denn manchmal findet man schneller aus den traurigen Gedanken, wenn man einmal komplett durchgetaucht ist. Das einzige, was man nicht verpassen sollte, ist der Ausgang, wenn das Schiff langsam wieder auftaucht. Und da machen manche den Fehler, dass sie das noch weiterpflegen, dieses Schwere, dieses Traurige. Und bloß keinen kennen lernen wollen, bloß keine gute Laune bekommen, bloß nicht an sich arbeiten. Dann kann das zu einem kleinen Teufelskreis werden. Stattdessen ist es ganz wichtig: Sich nicht krankschreiben, nicht die Schule schwänzen oder ein Pause-Semester einlegen, sondern einfach weiter machen mit dem Leben. Stell dich deinem Alltag, mach deinen Kram, geh in die Prüfung!

Blumentopf – Was der Handel

"Und in Gedanken lagst du wahrscheinlich schon längst in fremden Armen
Ich weiß, wo er wohnt, ich kenn' sein Auto
Nenn' mir keine Namen
Merkst du gar nicht, was du an mir eigentlich hast?
Ich bin zwar jung und erfolglos
Doch das am aufsteigenden Ast"

Blumentopf

Emanuel Albert: Blumentopf haben sehr schön eingefangen, wie unangenehm sich Eifersucht anfühlen kann. Eifersucht wird erst dann so richtig schlimm, wenn ich das Gefühl habe, dass ich ohnmächtig bin. Also: Er ist mittellos und der andere hat ein Auto und kauft Champagner. Frauen geht es ähnlich, wenn sie durch eine Hübschere oder eine Jüngere ersetzt werden. Viele Leute geben sich dann auf und das ist genau die verkehrte Reaktion. In solchen Momenten muss ich mir immer denken: Na warte, Freundchen, du mit deinem Auto und Champagner, du kannst dich jetzt mal ganz warm anziehen! So leicht kriegst du sie nicht! Dein Auto und deinen Champagner krieg' ich locker mit Charme, Humor und Erotik wieder vergessen.

Was' der Handel? (Videoclip) von Blumentopf auf tape.tv.

Gisbert zu Knyphausen – Dreh dich nicht um

"Der Regen kommt und der Regen geht
Man geht ein Stück zu zweit und den Rest allein
Und was dann bleibt ist die Erinnerung an eine Zeit
Die so viel schöner war als jetzt"

Gisbert zu Knyphausen

Emanuel Albert: Gisbert zu Knyphausen zeigt hier, wie unsere Psyche manchmal dazu tendiert, die Vergangenheit zu glorifizieren. Das heißt, dass Beziehungen, an die man sich erinnert, immer schöner aussehen, als sie in Wirklichkeit waren. Deswegen ist der einzig sinnvolle Blick der Blick nach vorne. Was ich immer empfehle, ist, der Vergangenheit einen schönen Bilderrahmen zu geben. Das heißt, wenn's eine tolle Beziehung war: Wie schön! Vielen Dank, dass ich diese schöne Beziehung hatte! Und ich häng' sie einfach in einem schönen Bilderrahmen in meine Erinnerung - ich will gar nicht, dass sie wieder kommt. Sondern ich genieße, dass ich das hatte, wie eine schöne Kindheit oder einen schönen Urlaub. Bloß nicht den Fehler machen, das zu vergleichen. Weil die Psyche es viel zu schön darstellt - in Wirklichkeit wäre es viel grauer und viel langweiliger.

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