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Exclusiv im Ersten Zwangsprostitution in unserer Nachbarschaft

Die Methoden der Täter sind immer dieselben: Liebesheuchelei oder falsche Versprechungen - auf diese Art und Weise bringen Menschenhändler Minderjährige aus den armen Regionen Europas nach Deutschland. Doch es sind nicht nur Mädchen aus Rumänien, Ungarn oder Bulgarien - auch deutsche Minderjährige werden angesprochen und getäuscht - im realen Leben und über das Internet. Die Mädchen sind nicht älter als 15 oder 16, oft auch noch jünger. Sie sind eigentlich noch Kinder und werden dazu gezwungen, sich in privaten Wohnungen und manchmal auch in Bordellen zu prostituieren. Am 22. Juli, 21.50 Uhr.

Stand: 17.07.2013

Junge Frau steht abgewendt hinter einem Vorhang; Foto: dpa | Bild: colourbox.com

Die Autorinnen der Reportage "Verkaufte Kinderseelen" drehten in Rumänien und in Deutschland, sprachen mit minderjährigen Opfern, mit Insidern, verurteilten Menschenhändlern, Ermittlern und Mitarbeitern von Beratungsstellen. Ihr Film gibt einen Einblick in eine erschreckende Parallelwelt.

"Seriöse Zahlen zu nennen, die das Ausmaß beziffern, ist kaum möglich", so die Autorin Marie von Mallinckrodt. "Denn es handelt sich um Kontrolldelikte. Und die wenigsten Fälle werden durch die Polizei, Streetworker, oder Opfer-Beratungsstellen entdeckt. Und selbst wenn ein junges Opfer aus diesen Täterstrukturen ausbricht, dann wird das meistens nicht publik. Die Mädchen werden unter Druck gesetzt - mit Drohungen und Gewalt durch die Täter. Das Bundeskriminalamt spricht von einer sehr hohen Dunkelziffer. Es gibt mehrere tausend minderjährige Opfer, die in der Prostitution arbeiten müssen oder von Pornoproduzenten kommerziell ausgebeutet werden."

Dabei macht es die Gesetzeslage in Deutschland den Tätern einfach - mangelnder Opferschutz gerade bei Kindern und schlechte Bedingungen für die Strafverfolgung sind nur zwei Aspekte.

"Verkaufte Kinderseelen" ist eine Recherche des ARD-Magazins report München (Leitung: Stephan Keicher) und bildet den Auftakt in der diesjährigen "Exclusiv im Ersten - Sommerstaffel der ARD-Politmagazine." Sendetermin: Montag, 22. Juli 2013, 21.50 Uhr im Ersten.

Fragen an die Autorin Marie von Mallinckrodt

Wie sind Sie auf das Thema Zwangsprostitution von Minderjährigen gekommen?
Wir haben bei „report München“ vor zwei Jahren über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche berichtet. Damals haben wir uns gefragt, ob es den sexuellen Missbrauch nur im sozialen Nahbereich gibt oder diese Art der Zwangsprostitution auch organisiert ist? Reisen Pädosexuellle ausschließlich ins Ausland oder gibt es ein entsprechendes "Angebot" für diese Nachfrage auch hier? Einige Opfer-Beratungsstellen sagten uns damals schon: Ja, die gibt es. Das war für uns Anlass, vertieft zu recherchieren. Es gibt sogar vereinzelt Gerichtsprozesse gegen Menschenhändler, die auch Minderjährige nach Deutschland zur Prostitution gebracht haben. Das Lagebild des Bundeskriminalamtes zeigt: Mehr als zehn Prozent der Opfer von Menschenhandel in Deutschland sind minderjährig. Wir beleuchten in unserem Film nicht nur die Schicksale Minderjähriger, die aus dem Ausland hierher gebracht werden, sondern auch die deutscher Opfer. Die werden oft mit der sogenannten "Loverboy-Methode" angeworben. Das heißt, der Täter umgarnt sie erst, macht sie verliebt in sich und dann irgendwann zwingt er sie mit perfiden Druckmitteln dazu, sich in privaten Wohnungen zu prostituieren.

Wo und wie finden die Täter ihre Opfer, aus welchem Umfeld stammen sie?
Die Ermittler sagen uns, im Internet tummeln sich unendlich viele Pädosexuelle, Freier, die Mädchen unter 18 Jahren suchen. Die versuchen oft über Chats, aber auch über soziale Netzwerke mit ihren Opfern in Kontakt zu treten. In einem Fall in unserem Film zeigen wir auch, dass das und wie das gelingt. Dabei handelt es sich um ein 10 bis 12-jähriges Opfer, das wie 69 andere Mädchen einem Pädosexuellen in die Fänge geriet.
Die Opfer aus dem Ausland stammen aus den armen Regionen Europas – Rumänien, Bulgarien oder Ungarn. Sie werden mit dem Versprechen einer wirtschaftlich sicheren Zukunft nach Deutschland gelockt. Entweder durch Bekannte oder auch übers Internet. Die Mädchen, die hier bei uns in Deutschland durch die „Loverboy-Methode“ angeworben werden, sind psychisch labile Mädchen, die in der Orientierungsphase sind, die Halt suchen - letztendlich eben auch eine Sicherheit. Auf dem Weg von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Das kann Mädchen aus allen Gesellschaftsschichten treffen. Die Methoden der Täter zielen ganz genau auf diese kindliche Teenager-Phase ab, in der die meisten Sicherheit und Orientierung suchen.
Die beiden Opfer, die wir in unserer Reportage zeigen, sind verdeckt gedreht. Das heißt, man wird sie nicht erkennen und ihre Namen mussten wir auch ändern.

Was konnten Sie in Erfahrung bringen über die Personen, die hinter diesen verbrecherischen Geschäften stecken?
Wir haben in Rumänien mit verurteilten Menschenhändlern reden können. Das sind aber eher die Mittelsmänner. Und das ist das Problem. Die großen Profiteure, die hinter diesen Geschäften stecken, verstecken sich hinter den Mittelsmännern, die die Opfer anwerben und die von den Opfern auch vor der Polizei mit Namen genannt werden. Um an die zentralen Figuren dieser verbrecherischen Geschäfte heranzukommen, müsste man als Undercover-Mittelsmann wohl mindestens zwei Jahre dabei sein.

Waren die Recherchen für Sie gefährlich?
Über solche Recherchedetails kann ich nicht reden. Natürlich wird einem zwischendurch, wenn man die Hintergründe dieser Strukturen mit den gängigen journalistischen Methoden zu ermitteln versucht, unheimlich und man fragt sich, was wenn das nun einem Menschenhändler nicht gefällt. Aber diese mulmigen Gedanken bedeuten nichts, wenn man sich das Leid der Opfer vor Augen führt.

Wie sieht der typische Ablauf aus? Wie kommen die Anwerber und Zuhälter an die Kinder ran? Wo landen diese Kinder?
Die Minderjährigen aus Osteuropa werden wie gesagt mit dem Versprechen gelockt, dass sie in Deutschland etwa in einem Restaurant arbeiten können, zum Beispiel als Küchengehilfin. Ihnen wird eine sichere, wirtschaftliche Zukunft versprochen, die sie in Rumänien nicht haben. Oft sind hier die Mittelsmänner Bekannte des Cousins oder ein Freund eines Freundes. Das heißt, die Mädchen werden direkt angesprochen. Es gibt aber auch die Ansprache über soziale Netzwerke im Internet. Und es gibt die Loverboy-Methode, die ich eben bereits beschrieben habe. Die Opfer werden dann privat vermittelt, manchmal landen sie auch Escort-Services und vereinzelt in Bordellen.

Und wie gehen Strafverfolgungsbehörden damit um?
Für Polizei und Staatsanwaltschaft ist das größte Problem, dass die wenigsten Opfer aussagebereit sind. Gerade das BKA, aber auch vereinzelte Landeskriminalämter - wie etwa das Berliner LKA  - sind sehr wohl darüber im Bilde, was den Mädchen passiert. Doch sie sind abhängig von der Aussagebereitschaft. Die erlangt man nur, wenn es ein Höchstmaß an Opferschutz gibt. Und in diesem Punkt fordert die EU Deutschland schon seit langem auf, die Bedingungen zu verbessern.


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