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promedia-Interview "Der ganze BR ist ein einziges Lab"

Im Mai 2014 hat der BR eine multimediale Informationsdirektion instaliert., die die crossmediale Umsetzung der Inhalte beschleunigen soll. Im Interview mit Promedia stellt BR-Intendant Ulrich Wilhelm das Digitalkonzept vor.

Stand: 15.10.2014

Ulrich Wilhelm | Bild: BR/Ralf Wilschewski

promedia: Herr Wilhelm, seit Mai arbeitet im BR die neue multimediale Informationsdirektion. Welches Fazit können Sie nach gut vier Monaten ziehen?
Die Medienlandschaft in Deutschland steht vor einem gewaltigen Umbruch: Das Internet gewinnt immer mehr an Bedeutung, allenthalben gibt es technische Neuerungen. Das bedeutet für die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland, dass auch sie neue Wege gehen müssen, um ihren gesetzlichen Auftrag weiterhin erfüllen zu können. Wir kommen nicht umhin, uns den Herausforderungen der digitalen Zukunft zu stellen. Uns beschäftigt vor allem die Frage, wie wir mit unseren Angeboten in Zukunft möglichst alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen erreichen können, und zwar in der bestmöglichen Qualität, unabhängig vom Empfangsweg. Als erste große ARD-Anstalt hat der BR deshalb eine umfassende trimediale Reform auf den Weg gebracht. Das bedeutet, dass die bisherige Trennung zwischen Radio, Fernsehen und Online zunehmend verschwindet und wir uns stärker nach Inhalten aufstellen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war die Etablierung der Informationsdirektion. In ihr bündeln wir unser journalistisches Know-How im Bereich der Aktualität, um so eine redaktions- und medienübergreifende Zusammenarbeit bei der Verarbeitung und Verbreitung von Informationen zu ermöglichen. Und, was noch wichtiger ist: Die neue Struktur hilft uns dabei, die Qualität unserer Inhalte zu steigern. Denken und planen fortan Kolleginnen und Kollegen aus Hörfunk, Fernsehen und Online gemeinsam, bleibt am Ende mehr Zeit für die eigentliche Recherche und die Umsetzung der Beiträge. Dadurch erhöht sich auch die Qualität der Inhalte. Diese Vorzüge sind unstrittig. Auch wenn redaktionell und technisch noch viel zu tun bleibt, fällt unsere erste Bilanz nach vier Monaten sehr positiv aus.

promedia: Was ändert sich durch die neue Informationsdirektion an Ihren Programmen?
An den bisherigen Programmen, die im Hörfunk, Fernsehen und im Internet sehr erfolgreich laufen, ändert sich zunächst nichts Wesentliches. Das lineare Radio und das lineare Fernsehen bleiben wichtige Bestandteile unserer Zukunftsstrategie. Gleichzeitig dürfen wir aber nicht ignorieren, dass gerade jüngere und junge Menschen vorzugsweise im Netz und mobil nach Informationen suchen. Darauf müssen wir reagieren, indem wir unsere Inhalte überall dort anbieten, wo sie erwartet werden - an jedem Ort, zu jeder Zeit. Nur wenn uns das gelingt, können wir auch in Zukunft die gesamte Bevölkerung mit unseren Angeboten versorgen. Wir werden von allen finanziert, deshalb wollen und müssen wir auch alle ansprechen.

promedia: Welche Rolle spielt diese Direktion in Ihrer digitalen Strategie?
Die Informationsdirektion gibt den Weg vor, ist sozusagen der Pionier unserer digitalen Strategie. Der Grund ist einfach: Im Bereich der Information ist die journalistische Wertschöpfungskette - von breaking news über den Magazinbeitrag bis hin zur tiefgründigen Reportage oder Dokumentation - gut überschaubar. Gleichzeitig gibt es hier die meisten inhaltlichen Synergien. Unser Ziel ist es, dass Fernsehzuschauer, Radiohörer und Internetnutzer gleichberechtigt und in der bestmöglichen inhaltlichen Qualität bedient werden. Das wiederum setzt voraus, dass wir im Haus Themenfelder so organisieren, dass alle beteiligten Redaktionen ihr Wissen teilen und gleichzeitig Zugriff auf das notwendige Material bekommen. Das ist neu. Die Informationsdirektion stellt hier die Weichen und verwirklicht ein Digitalkonzept, das später für die Bereiche Kultur, Bildung und Unterhaltung angepasst und weiterentwickelt wird. Wir stehen da schon jetzt in engem Austausch.

promedia: Welche nächsten Schritte erfolgen zur Umsetzung Ihrer Strategie?
Gerade beschäftigen wir uns mit den verschiedenen Planungssystemen, die im Hörfunk-, Fernseh- und Onlinebereich momentan noch im Einsatz sind. Diese gilt es zu vereinheitlichen, um so die Basis für den anvisierten Wissens- und Planungsaustausch zu schaffen. Auch haben wir erste Pilotprojekte durchgeführt und werden dies auch weiterhin tun, um zu überprüfen, ob der Weg, den wir gehen, sich in der Praxis als sinnvoll erweist. Als Beispiele lassen sich der Katholikentag in Regensburg und die Olympischen Winterspiele in Sotschi nennen - zwei Großereignisse, die der BR mit einem umfangreichen trimedialen Angebot erfolgreich begleitet hat. Wir lernen schrittweise, was am besten funktioniert und generieren daraus allgemeingültige Arbeitsabläufe. Diese eröffnen neue Möglichkeiten, ohne zugleich den so wichtigen Binnenpluralismus einzuschränken.

promedia: Andere ARD-Anstalten haben Labs gegründet, um spezielle, multimediale Programme für Jugendliche zu entwickeln. Welchen Weg geht hier der BR?
Man könnte sagen: Der ganze BR ist gerade ein einziges Lab - es tut sich wirklich sehr viel! Einer der Vorreiter ist unsere "digitale Garage", in der junge Softwareentwickler Neues ausprobieren und so als Innovationsbeschleuniger wirken. Kolleginnen und Kollegen aus den Fernseh- und Hörfunk-Programmen analysieren parallel dazu die Videoproduktionslandschaft, erproben neue Schnittsysteme und entwickeln Grafikmodule - alles mit dem Ziel, den BR voranzubringen. Eine wichtige Rolle spielt dabei natürlich auch PULS, unser junges Programm. Dort entstehen neue spannende Formate. Die Lust am Experimentieren ist bei PULS jeden Tag zu hören, sehen und lesen. Und nicht nur dort: Auch in der Information probieren wir Neues aus. Mit einem aufwändigen Online-Dossier zum Nahost-Konflikt haben wir in diesem Jahr sogar den Grimme Online Award gewonnen - unter anderem mit einem sehr intelligenten Software-Tool, das die redaktionellen Inhalte optimal zur Geltung gebracht hat. Besonders erfolgreich hat der BR zudem gerade mit der neuen Webserie "MANN/FRAU" gezeigt, wie sich die alte und neue Medienwelt zusammenbringen lassen. Solche Projekte sind genau im Sinne einer trimedial ausgerichteten Rundfunkanstalt. Ich bin selbst immer wieder zutiefst beeindruckt, wie viele kreative Köpfe in unserem Haus arbeiten und blicke deshalb auch sehr hoffnungsfroh in die Zukunft.

promedia Oktober 2014

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