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Die ZEIT BR-Intendant Wilhelm: "Es ist etwas ins Rutschen gekommen"

Mehr Geld für die ARD? Ein Gespräch mit BR-Intendant Ulrich Wilhelm über die digitale Zukunft, die "Lügenpresse" und sein Gehalt. Das Interview in der "ZEIT" am 02. Juni 2016 führten Götz Hamann und Heinrich Wefing.

Stand: 02.06.2016

BR-Intendant Ulrich Wilhelm | Bild: BR / Andreas Müller

Herr Wilhelm, wenn Sie noch einmal bei null anfangen könnten, wie würde der öffentlich-rechtliche Rundfunk aussehen?

Eine reizvolle Frage. Zu Beginn müsste die Überlegung stehen: Welcher Rundfunk passt zu Deutschland? Mit Blick auf die föderale Struktur der Bundesrepublik müsste auch der Rundfunk in jedem Fall föderal gestaltet sein - mit sehr starken regionalen Anbietern, die die unterschiedlichen Kulturen, Mentalitäten und Lebenswelten unseres Landes abbilden. Wenn man noch mal neu anfinge, würde man sicher nicht ARD und ZDF getrennt aufbauen, sondern eine Anstalt für ganz Deutschland, die allerdings durchaus ein erstes und zweites nationales Programm hätte.

Und würden Sie bei der Finanzierung über eine Zwangsabgabe bleiben?

Zwangsabgabe ist polemisch, Abgabe reicht doch für Ihren Punkt. Doch egal welchen Begriff Sie wählen, wir müssten auch bei einer Neugründung den Lehren aus unserer Geschichte genügen. Unsere Finanzierung außerhalb des allgemeinen Staatshaushalts reflektiert auch die Erfahrungen mit der staatlichen Propaganda im "Dritten Reich" oder dem Staatsfunk in der DDR. Übrigens zeigen Beispiele in Europa die weitreichenden Folgen, wenn eine Regierung direkt hineinregiert.

Wie sähe der Bayerische Rundfunk aus, wenn Sie ihn neu gründen könnten?

Inhaltlich mitten in der Gesellschaft, relevant für alle Altersgruppen, in Organisation und Technik schlanker. Wir würden insbesondere versuchen, die Silos in Fernsehen, Hörfunk und Online, die wir heute mühsam aufbrechen müssen, gleich zu vermeiden. Als ich mein Amt antrat, mussten beispielsweise noch Interview-Bänder zwischen Hörfunk- und Fernsehgelände per Auto hin- und hergefahren werden. Das ist nun vorbei. Auf unserem bisherigen Fernsehgelände in München-Freimann entsteht bald ein neuer Campus,, in dem alle aktuell arbeitenden Journalisten aus Hörfunk, Fernsehen und Online zusammensitzen und -arbeiten werden.

Verschmelzen die Redaktionen?

Mit einem medienübergreifenden Ressortchef Sport, Kultur oder Wirtschaft an der Spitze, statt bisher zwei oder mehr, wird es selbstverständlich sein, dass sie enger zusammenarbeiten. Ein Teil unseres Publikums wird weiterhin "klassisch" die gewohnten Formate in Radio und Fernsehen erwarten und auch bekommen, doch immer mehr Menschen wünschen sich zusätzlich mobile Angebote über Internet und soziale Netzwerke.

Sie richten den BR also auf eine Zielgruppe aus, die derzeit eine verschwindende Minderheit in Ihrem Publikum darstellt? Dessen Durchschnittsalter im Fernsehen liegt bei 66 Jahren.

Nachdem wir von allen finanziert werden, müssen wir auch allen etwas von Wert bieten. Wir wollen jüngeres Publikum dazugewinnen, ohne das angestammte in Scharen zu verlieren. Das braucht auch viel Überzeugungsarbeit nach innen, wenn Redaktionen einen Teil ihres Budgets umwidmen sollen, obwohl sie sagen, dass es noch nicht im Verhältnis zur Zahl derer steht, die wir auf den neuen Kanälen erreichen. Aber wir stehen erst am Anfang der digitalisierten Kommunikation. Das ist sehr viel Denkarbeit.

Warum das?

Wir hatten im Fernsehen immer ein Massenpublikum. Im Prinzip konnten Redakteure über die Welt nachdenken, und ihr Beitrag erfreute sich einer großen Reichweite. Im Netz aber sind wir eigentlich kein Massenmedium, dort müssen wir immer wieder neu und in einem rasanten Wettbewerb darum kämpfen, dass wir genutzt, geteilt und verbreitet werden.

Die letzten großen Lagerfeuer, um die sich alle versammeln, sind Livesport und etwas, das ARD und ZDF gar nicht bieten: serielles Erzählen wie in Game of Thrones. Warum bekommt die ARD mit einem Gesamtetat von über sechs Milliarden Euro so etwas nicht hin?

Es stimmt, dass wir generell später als die Amerikaner, Skandinavier und Briten in diese Erzählform eingestiegen sind. Das hat uns heftige Schelte der Feuilletons eingetragen. Aber viele Kreative haben die Herausforderung bei den Serien angenommen. Außerdem können auch ARD und ZDF natürlich fiktionale Lagerfeuer, wie die Reihe Tatort und Mehrteiler wie Der Turm oder Die Adlons belegen.

Wir fragen auch deshalb nach neuen Lagerfeuern, weil ein alter Vorteil des Fernsehen schwindet, nämlich Livebilder zu haben.

Das stimmt, Livebilder werden ganz allgemein weniger exklusiv im Fernsehen sein als früher. Viele Veranstalter vermarkten Live-Eereignisse selbst im Netz: Orchester sind dazu übergangen, selbst digitale Konzertsäle anzubieten, Opernhäuser ebenso, Sportvereine streamen ihre Turniere bis hinunter in die Regionalligen. Damit aber nicht genug. In wenigen Jahren werden dank neuer Software Suchmaschinen aus den Weiten aller Videoangebote im Netz in Sekundenbruchteilen mit Kontexterkennung jene Dinge herausfiltern, die ein Nutzer sehen möchte. Wie ein persönliches TV-Programm. Solche Angebote werden das traditionelle Fernsehen noch ein Stück weiter relativieren.

Was bleibt dann vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Ein kuratiertes Angebot von hoher Relevanz und Qualität, das frei ist von kommerziellen Interessen. Das ist ein hoher Wert: Über Dinge nachdenken, sie sorgfältig analysieren und einordnen, um in dieser Welt, die viele Menschen als immer verwirrender empfinden, Orientierung zu ermöglichen.

Ein wachsender Teil des Publikums fühlt sich trotzdem nicht mehr grundversorgt. Der sagt, dafür will ich nicht mehr zahlen. Was antworten Sie?

Wenn Menschen, die uns finanzieren, präzise Kritik üben, hat das uns vielfach ein Umdenken zur Folge. Ich selbst hatte zum Beispiel, als ich ins Amt kam, intensive Gespräche, dass die Talkshow als Genre der Politikvermittlung zu dominant geworden sei. Und da haben die Kritiker einen Punkt. In den neunziger Jahren hatten wir mehr experimentiert mit großen Themenabenden. Drei Stunden zum Thema Rente zum Beispiel, mit allen Genres, die wir zur Verfügung haben. Wir dürfen keine journalistische Monokultur entstehen lassen.

Das bestätigt doch die Leute, die nicht mehr zahlen wollen. ARD und ZDF aber fordern aktuell wieder mehr Geld.

Wir sprechen über einen Ausgleich für die jährlichen Teuerungen, nicht mehr. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Beim Trinkwasser würde niemand sagen, es darf die nächsten zehn Jahre nicht teurer werden, selbst wenn das Wasser schlechter wird. In unserem Fall aber gibt es eine Strömung, die es als Wert an sich ansieht, wenn der Rundfunkbeitrag nicht steigt. Das bedeutet aber, dass es peu à peu nur schlechter werden kann - und zwar im Programm. Denn wir haben große Kostenblöcke, an denen wir kurzfristig nichts ändern können.

Etwa ein Drittel des Jahresetats des BR von 1,05 Milliarden Euro sind Personalkosten?

Ja, dabei darf aber nicht vergessen werden, dass unser Personal auch Programm macht. Zudem haben wir eine starke finanzielle Belastung durch unsere betriebliche Altersversorgung: Dafür haben wir einen Kapitalstock von rund 820 Millionen Euro aufgebaut, aber in Zeiten niedriger Zinsen reicht das nicht, da schlägt jede Zinsveränderung von 0,1 Prozent allein mit 15 Millionen Euro in der Bilanz zu Buche, das heißt, wir müssen immer mehr zurücklegen.

Lassen Sie uns einen Moment bei den Gehältern und Pensionen bleiben. Ihr Grundgehalt liegt bei 325 000 Euro im Jahr. Der bayerische Ministerpräsident verdient rund 250 000 Euro. Wie passt das zusammen?

Spitzenpolitiker sind, gemessen an den hohen Anforderungen an ihre Ämter, sicher unterbezahlt. Insgesamt ist der direkte Vergleich von Gehältern immer schwierig, wenn die Gegebenheiten der jeweiligen Branche ausgeblendet werden. Wir stehen im Wettbewerb um Journalisten und Techniker. Wenn man gute Köpfe will, muss man sich an die Gegebenheiten der Branche halten.

Gibt es deshalb bei prominenteren Journalisten im Öffentlich-Rechtlichen gern ein Zuckerl obendrauf? Beispiel: Eine Nachrichtensprecherin des NDR darf mehrere Dokumentationen im Jahr machen und nimmt so etablierten Dokumentarfilmern den Platz weg. Ist das Nepotismus?

Das ist zunächst einmal Polemik. Den konkreten Fall kenne ich außerdem nicht.

Der nicht ganz unbegründete Verdacht ist doch: Die Rundfunkanstalten haben es sich gut gehen lassen, und jetzt kommen sie mit dem Geld nicht mehr hin.

Stimmt aber nicht. Der Bayerische Rundfunk hat es sich nicht einfach "gut gehen lassen", sondern hat bei unterdurchschnittlichen Personalkosten viel und gutes Programm gemacht. Heute muss der BR mit denselben Beitragseinnahmen wirtschaften wie 2009, da es seit sechs Jahren keine Erhöhung gegeben hat, während wir gleichzeitig Tariferhöhungen hatten, höhere Kosten für den Programmeinkauf und höhere Technikkosten.

Was also schlagen Sie vor?

Wir sind zu Veränderungen bereit. Das derzeitige Verfahren zur Ermittlung des Finanzbedarfs ist aber nicht geeignet, da wir alle zwei Jahre im Stakkato auf neue Kürzungen reagieren müssen. Was wir brauchen, ist ein neuer strategischer Ansatz mit einem langfristigen finanziellen Planungshorizont. Wünschenswert wäre es, mit den Ländern und der KEF, also der unabhängigen Kommission, die über unsere Finanzierungsgrundlagen wacht, zu vereinbaren, dass Einsparungen, die wir durch große, eigene Anstrengungen erreichen, auch bei uns für notwendige Innovationen bleiben können. Das wäre ein starker Anreiz für Sparsamkeit und Innovation. Es gibt im Hochschulbereich gute Erfahrungen mit solchen Modellen.

Wie erklären Sie sich das Wort von der "Lügenpresse"?

Hier muss man differenzieren. Nach aktuellen Studien besitzen die Qualitätsmedien noch immer eine sehr hohe Glaubwürdigkeit. Grundsätzlich aber ist die Beobachtung richtig, es ist etwas ins Rutschen gekommen in unserer Gesellschaft. Und man muss sich schon fragen, warum es trotz vieler Anzeichen so spät erst zum Thema wird. Eine Ursache ist sicher, dass wir insgesamt um Lösungen nicht mehr so öffentlich und kontrovers ringen, wie das früher der Fall war. Wenn ich überlege, mit welcher Leidenschaft gerungen worden ist um die Westbindung der Bundesrepublik, um die Wiederbewaffnung, die Ostverträge, die europäische Einigung! Irgendwann wurden die so erkämpften Entwicklungen aber nur noch fortgeschrieben. Jetzt müssen wir diese Debatten nachholen, während es vielfach bereits zum Vertrauensverlust kommt. Aber wenn wir es jetzt nicht tun, wird womöglich von wachsenden Gruppen in radikaler Weise die liberale Demokratie oder der Rechtsstaat infrage gestellt werden.

Heißt das auch, bei manchen Themen zunächst einmal die Perspektive eines AfD-Sympathisanten einzunehmen?

Die Perspektive harter Ideologen sicher nicht, aber die Fragen von Menschen, die Zweifel äußern, müssen wir, so gut es geht, beantworten.

Ist Ihre politische Berichterstattung über die AfD so neutral wie über andere Parteien?

Ich bin überzeugt, im Grundsatz leisten wir das.

Gab es in Ihrem Haus eine Debatte darüber, ob man Grenzen schließen kann?

Ja, sogar eine sehr intensive. Die eigentliche Frage dabei ist ja: Gibt es überhaupt einen für uns in Deutschland zivilisatorisch akzeptablen Weg, dass Grenzen geschlossen werden? Und was hat es für Konsequenzen für Europa, wenn einzelne Länder auf eigene Faust Grenzen dichtmachen? Darüber haben wir schon früh Sendungen gemacht.

Ist der Bayerische Rundfunk, ähnlich wie die großen Parteien, über die Jahre stärker in die Mitte gerückt und hat Platz an den Rändern gelassen?

Das ist keine Frage eines einzelnen Mediums, sondern unseres Landes insgesamt. Ich glaube in der Tat, dass sich das Spektrum der öffentlichen Meinung in unserer Gesellschaft in der Mitte konzentriert hat. Wir diskutieren seit Jahren insgesamt weniger polarisiert, mit allen Vorteilen und Nachteilen. Dazu haben sicher auch die beiden großen Koalitionen in Berlin beigetragen. Und das führt bei vielen zur Wahrnehmung, dass die politischen Unterschiede weniger sichtbar werden.

Hätten Sie, wenn jetzt in Bayern Landtagswahlen gewesen wären, den AfD-Spitzenkandidaten zu einer Elefantenrunde eingeladen?

Ja, das hätte ich im Ergebnis gemacht. Entscheidend ist für jeden Sender, dass er ein redaktionelles Konzept hat, damit die Chancengleichheit vor den Wahlen gewahrt bleibt.

Es war also ein Fehler, dass Ihre Kollegen aus dem Südwesten das nicht getan haben?

Das hängt, wie gesagt, vom jeweiligen redaktionellen Konzept ab. Unabhängig von AfD und Wahlsendungen gilt doch seit Langem: Wenn das Spektrum dessen, was der Journalismus diskutiert, deutlich neben dem lag, was in der Gesellschaft diskutiert wird, dann kam es zu Korrekturen. Es lag doch immer in unserer Eigenverantwortung als Journalisten, alle relevanten Themen und Strömungen aufzunehmen, kritisch aufzuarbeiten und den Bürgern damit Argumente für die Diskussion zu liefern. Damit tragen wir zur Meinungsbildung bei.

Die Fragen stellten Götz Hamann und Heinrich Wefing

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