Wiesn-Geschichte Im Taumel von Teufelsrad und Politik
Viele traditionelle Fahrgeschäfte und Attraktionen, die man heute noch findet, waren Anfang des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal auf dem Oktoberfest vertreten. Andere wiederum konnten bereits ein Jubiläum feiern.
Ein Jahrhundert ist eine lange Zeit, selbst auf der Wiesn, wo der Rausch seine eigenen Zeitbegriffe schafft. Wer nach 1900 die Wiesn besuchte, etwa das - vorläufig - "größte Oktoberfest aller Zeiten" im Jubiläumsjahr 1910, der dürfte nicht leicht nachempfunden haben, was im 1835er "Panorama von München" von August Lewald über die Wiesn geschrieben steht. Dem Biedermeier-Schriftstellers (er-)schienen: "der Mond vom wolkenlosen Himmel herab, die Gebirgskette vom Dufte umzogen, die Wälder, die nächtlich daliegen, die tausend Lichter, die in der Stadt angezündet werden und hie und da auch in den fernliegenden Dörfern auftauchen".
Im neuen Jahrhundert sind die Wälder verschwunden, die Dörfer zur Großstadt zusammengewachsen. Aus den tausend Lichtern sind zehntausende geworden, die inzwischen rundherum elektrisch aufflammen. Der Wiesnbesucher bekommt sie höchstens zu Gesicht, wenn er eine Runde auf dem "Russenrad" dreht - die Festbeleuchtung der immer stärker konkurrierenden Bierhallen und Karussells löscht die Umgebung aus. Und was duftet, entströmt selten dem Gebirg', sondern, im günstigen Fall, den Steckerlfischen und gebrannten Mandeln, im anderen den Generatoren sowie den Blasen der Konsumenten von 12.000 Hektolitern Bier.
Die erste Wiesn des neuen Jahrhunderts in Zahlen
Für das Oktoberfest 1900 hat der Magistrat lizensiert: 27 Bierwirtschaften, vier Weinwirtschaften, 26 Käsestände, 23 Wurstküchen, eine Ochsenbraterei, acht Fischbratereien, 15 Küchelbäckereien, sechs Hühnerbratereien, fünf Schiffschaukeln, neun Karusselle, 50 Schaubuden, 15 Schießbuden, zwölf Fotografiebuden, 53 Dultstände, 569 fliegende Händler.
Den Zeitgenossen erscheint das Oktoberfest jener Jahre mit Toboggan und Teufelsrad, Spiegellabyrinth und "Cocos Nüssen" ungemein modern. Die Nachgeborenen erblicken darin die "gute, alte Zeit". Der Weltkrieg, der doch bis Weihnachten zu Ende sein sollte, und die Revolution von 1918/19 setzen dem Königreich Bayern ein ruhmloses Ende.
Die rauschgoldenen 20er
Die Wiesn muss ohne den milden Schein der Monarchie und ohne Pferderennen auskommen, mit Inflation und politischen Spannungen. Aber auch mit illustren Besuchern, deren Festerlebnisse wir heute nachlesen können: Egon Erwin Kisch und Oskar Maria Graf, Bert Brecht, Thomas Wolfe und natürlich Karl Valentin, der, wenn er nicht selbst auftritt, lustvoll-mürrisch seinen Steckerlfisch abfieselt. Auch Albert Einstein ist auf der Wiesn - freilich schon vor dem Krieg: da schraubt er als Lehrbub Glühbirnen in die Fassade des Schottenhamel-Zelts.
Der Anti-Alkoholiker Hitler lässt sich nie auf dem Oktoberfest blicken. Für den "Führer" in spe ist die Wiesn wie Weihnachten: ein Spektakel, das schon deshalb verdächtig ist, weil er es sich nicht selbst ausgedacht hat, das aber bestmöglich propagandistisch genutzt sein will.
Wiesn unterm Hakenkreuz
1933 reduzieren die Nazis den Bierpreis auf 90 Pfennig. 1935 marschieren im großen Jubiläumszug die NS-Organisationen mit. Ab 1936 ist einheitliche Hakenkreuz-Beflaggung Pflicht - Fahnen in den Landes- und Stadtfarben werden untersagt. Dass jüdische Schausteller von der Wiesn verbannt sind, fällt nur wenigen auf; eher schon die Penetranz, mit der sich die Parteibonzen um den NS-Ratsherrn Christian Weber in den Boxen breitmachen. 1938 wird das Oktoberfest in "Großdeutsches Volksfest" umgetauft - es ist das letzte vor dem Krieg.
"O'zapft is!"
München liegt noch in Trümmern, da wird auf der Wiesn schon wieder gefeiert - anfangs mit Dünnbier und Fischsemmel auf Marken. Den Zeitgenossen ist der populäre OB Thomas Wimmer in Erinnerung durch sein "Rama dama!", mit dem er zum Schutträumen und Wiederaufbauen aufrief; unsterblich wird er als Erfinder der bis heute unvermeidlichen Anzapf-Zeremonie.
Weltstadt mit Wiesnherz
In den 60ern geht es wieder steil aufwärts mit dem Oktoberfest. Buden, Bierzelte, Fahrgeschäfte - je mehr und je spektakulärer, desto besser. Die "heimliche Hauptstadt" München macht mit Sympathie und Alpenpanorama wett, was ihr an politischer und wirtschaftlicher Bedeutung fehlt. Nach Olympia '72 wird die Wiesn zum Tummelplatz auch für Amerikaner (spendabel), Italiener (sangesfreudig) und Australier (trinkfest).
Was als Pferderennen der Wittelbacher begann und als bayerischer Nationalrausch zu Weltruhm gelangte, ist längst zum internationalen "Trade Mark" geworden. Das größte Volksfest der Welt zieht seit den 80er-Jahren regelmäßig über fünf Millionen Besucher an - auch wenn mancher Münchner seither lieber daheim bleibt.

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