O'zapft 1950 - Der Anfang einer beliebten Tradition
Zum ersten Mal wird das Münchner Oktoberfest von einem lauten "O'zapft is!" durch Oberbürgermeister Thomas Wimmer eröffnet. Ein Fassanstich, der Geschichte schrieb.
Das 19. Jahrhundert Vom Pferderennen zum Nationalrausch
Lange stand nicht das Bier im Mittelpunkt, sondern der König nebst anderen großen Tieren. Später locken Schichtls Hinrichtungstheater und "Völkerschauen" mit verschleppten Eingeboren die Massen. Die Zeit der großen Rauschpaläste beginnt um 1900.
Kaum zu glauben, wie manierlich sich die Wiesnbesucher in den ersten Jahrzehnten verhielten. Viechereien überließ man den zahlreich anwesenden Tieren - den Pferden auf der Rennbahn, den prämierten Stieren und Schafsböcken auf dem "Central-Landwirthschaftsfest", dem hölzernen, bald ziemlich gerupften Vogel, der den Sportschützen als Zielscheibe diente. Im Mittelpunkt stand schließlich noch nicht das Bier, sondern die - jedenfalls behauptete - Verbundenheit von König und Volk in Stadt und Land.
Gedämpfte Gaudi
"Auf der dreitägigen Kirchweih des kleinsten Dörfchens in Rheinbaiern wird freilich mehr gelärmt und gesungen alas während des ganzen Oktoberfests."
Georg Friedich 1836, zit. nach G. Möhler, Das Münchner Oktoberfest
Mehr als einem großen Fressen und Saufen glichen die frühen Oktoberfeste einer Mischung aus Sportveranstaltung und Landwirtschaftsmesse mit Prämierungen für Tiere, Menschen und Erfindungen. Lange war das Festplatzrondell im Inneren des Rennbahnovals kaum mehr als eine kleine Oase in der grasbewachsenen Wüstenei vorstädtischer Wiesen.
Das Oktoberfest: kein Jahrmarkt!
Das Vergnügen wächst langsam und von den Rändern her. 1818 stellt der Gruberwirt aus Sendling erstmals ein paar Karusselle und Schaukeln auf; 1836 beschreibt Friedrich Hebbel in der Stuttgarter Zeitung eine eher unfreiwillig komische Gemsendressur. Schon gibt es Bierbuden und Fischbratereien, doch noch wenige Schausteller und Händler. Der Magistrat, seit 1819 federführend in der Organisation, legt Wert darauf, dass das Oktoberfest "kein Jahrmarkt" sei, sondern "ein Lokalfest" für heimische Produzenten.
Noch 1881 ist das Wiesn-Angebot überschaubar: Es gibt 23 Schaubuden, sechs Fahrgeschäfte und zwölf Schieß- und Wurfgeschäfte. Die Zahl der Wiesnbesucher geht da schon in die Hunderttausende: Die Einwohnerschaft Münchens hat sich seit 1810 versechsfacht, das wachsende Eisenbahnnetz ermöglicht immer mehr Bayern einen Tagesausflug in die Landeshauptstadt, die deutsche Einheit lockt verstärkt "Preißn".
Kommen Sie! Staunen Sie! Sausen Sie!
Den "Big Bang" bringen die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts, die "Electricität" und eine Reihe findiger Wiesn-Unternehmer: Carl Gabriel mit seinen Tier- und Völkerschauen, August Schichtl mit seinem "Hinrichtungstheater" und Hugo Haase, der "Oscar von Miller der Fahrgeschäfte". Vor allem die Schaubuden schießen wie Pilze aus dem Boden: Variétés, Zaubertheater, Menagerien, Wachsfigurenkabinette. 1901 präsentiert Gabriel ein ganzes Beduinendorf - samt Bewohnern, versteht sich. Die Dynamik der Gründerzeit mit ihren technischen Errungenschaften und dem Wettlauf um Kolonien spiegelt sich auf der Wiesn.
Oans, zwoa, drei - ja wos denn?
Auch die Musik klingt jetzt anders: Lange spielt in der Mitte des Festplatzes ein großes Orchester, umweht von Klangwolken diverser Straßenmusiker, die gegen einen Obulus da und dort Militärmusik und Landler, Arien und Tschinellengeklingel "alla turca" zum Besten geben. Um 1900 setzt sich allmählich der typische, blechgeblasene Wiesn-Schlager durch. Zwei Details, die Münchner Lokalpatrioten auch ohne Festbier schlucken lassen: Die Tradition des Mitsingens und Schunkelns führt ausgerechnet ein Nürnberger ein, der Festwirt Georg Lang, der sich mittels einheimischer Strohmänner fünf Bierbudenplätze sichert, darauf eine Festhalle errichtet, die Original Oberlandler aufspielen lässt und das erste Wiesn-Textbuch unters Volk bringt. Die inoffizielle Wiesnhymne "Ein Prosit der Gemütlichkeit" aber stammt, je nach Quelle, aus der Feder eines Chemnitzers namens Bernhard Dittrich oder des Bremer Journalisten Georg Kunoth. Von einem "Bierfest" ist am Ende des Jahrhunderts immer noch nicht die Rede; zeitweise sind das "Prosit" der Kapelle und andere Schlager, die zum Trinken animieren, sogar verboten. Fürs "leibliche Wohl" aber wird immer besser gesorgt.
Kulinarisches Wohlbehagen
Die "Münchner Vorwoche", in der das Fest noch nicht offiziell, der Bier- und Schweinswürstlkonsum aber schon enorm ist, verlängert die Wiesn zur 14-plus-x-Tage-Sause. 1881 rotiert der erste Ochs am dampfbetriebenen Spieß. Aus den zahllosen Bierverschlägen mit meist um die 50 Plätzen werden geräumige, festlich geschmückte Brauerei-Zelte. Das Rundum-Wohlbehagen in der Körpermitte ist im Zentrum der Wiesnfreuden angekommen.

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