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Reaktionen auf BR-Bericht "Auch Hartz IV-Empfänger werden ausgeschlossen"

Bei der Wohnungssuche werden Menschen mit Migrationshintergrund diskriminiert, zeigt eine großangelegte Data-Recherche von BR und SPIEGEL. Die BR24-Nutzer diskutieren: Auch andere Gruppen sehen sich benachteiligt. Politik, Gewerkschaften und Mieterbund schlagen Alarm.

Von: Tanja Oppelt und Günther Mayr-Eisinger.

Stand: 23.06.2017

Interessenten besichtigen in Berlin-Mitte eine freie Eigentumswohnung
F | Bild: Lukas Schulze/dpa

Bei der Wohnungssuche werden Menschen mit Migrationshintergrund benachteiligt: Die Recherche der Datenjournalisten von BR und SPIEGEL hat viele Reaktionen hervorgerufen - in der Politik, aber auch auf der BR24 Facebook-Seite. Gute und schlechte Erfahrungen von Wohnungssuchenden mit "ausländischen Namen", Statements von Hartz IV-Empfängern und Alleinerziehenden, die Perspektive der Vermieter.

Auswahl: Die Erfahrungen der BR24-Nutzer

Martin: Das gute Recht der Vermieter

Martin Antje Geiger: Private Vermieter suchen sich in einem umkämpften Markt einfach die Mieter aus. Ich finde, das ist deren gutes Recht. Wenn sie an deutsche Mietnomaden geraten, müssen sie auch allein damit klar kommen. Wenn man das ändern möchte muss der Staat den Wohnungsmarkt entspannen und selbst Wohnungen bauen, die er dann nach seinen Kriterien vergibt

Tami: "Diskrimiert wirst du für viel: Alter, Job, Raucher, Kinder ..."

Tami Thun: Ungerecht? Ja vielleicht. Aber mein Partner und ich sind ein deutsches junges Pärchen und kriegen auch keine Wohnung. Der Wohnungsmarkt ist nunmal absolut überfüllt. Natürlich sucht sich da jeder Vermieter seinen absoluten Favoriten raus. Diskriminiert wirst du für viel: Alter, Job, Raucher, Kinder, Beziehungsstatus, Haustiere - und wenns ihm Spaß macht für Körpergröße, Augenfarbe, Lieblingsparfüm.

Patricia: Aussichtslose Suche mit Hartz 4

Patricia Schütz: Hartz 4 und Sozialhilfeempfänger werden in Annoncen explizit von Vornherein als Bewerber ausgeschlossen! So ist die bittere Realität seit geraumer Zeit! Alleinstehend und auf Wohnungssuche - unter diesen Bedingungen ist (Wohnungssuche) geradezu aussichtslos geworden.

Jennifer: Probleme mit amerikanischem Namen

Jennifer Ashley: Kenne ich auch. Und das, obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin und seit jeher einen deutschen Pass und eine deutsche Mutter habe. Ich erinnere mich besonders an die Situation, als ich eine Wohnung in Schweinfurt besichtigte und schön "gefränkelt" habe: Als ich direkt unterschreiben sollte, wurde mir der Vertrag aus der Hand gerissen - sobald man den Nachnamen las. Mit der Begründung, man vermiete nicht an Ausländer. Ich muss mich jedes mal für meinen amerikanischen Nachnamen rechtfertigen. Arabischen Menschen geht es bestimmt noch viel schlechter...

Anna: Diskriminierung auch in der "internationalen Stadt" Bonn

Anna-Katharina Jung: Als Jahrgangssprecherin des Studiengangs Internationale Medienwissenschaften in Bonn habe ich während meines Studiums vielen Kommilitonen bei der Suche nach Wohnungen und Wohngemeinschaften zur Seite gestanden. Das Fazit fatal:
Eine Kommilitonin (Afrikanerin mit einer kleinen Tochter) hätte vor Verzweiflung fast das Studium beendet.
Eine andere Freundin (Indonesierin) wurde bei so vielen WG Castings abgelehnt, dass sie kaum noch Hoffnung hatte.
Die Studierenden sahen sich plötzlich einer Furcht und einem Rassismus gegenüber, den sie in ihrem (Studien-)Alltag nicht erlebten. Bonn, mit der UN, DW und GIZ, ist international. Trotzdem haben die Menschen hier anscheinend die gleichen Ängste wie an anderen Stellen des Landes.

Dorothee: Keine Probleme trotz türkischen Nachnamens

Dorothée Bakirci: Ich muss sagen, ich habe mit meinem türkischen Namen überhaupt keine Probleme gehabt. In dem Haus, in das ich jetzt eingezogen bin, haben auch vorher schon türkische Mitmenschen gewohnt. Für diese Wohnungsbaugesellschaft (in Köln) war das nie ein Problem. ... Ich muss dazu sagen, dass ich auch zu Beginn meiner Ehe mit einem privaten Hausbesitzer keine Probleme hatte.

Adrian: Für den "Griechen" war die Wohnung vergeben, für den Deutschen nicht

Adrian Anton: Erst hat mein Partner sich auf eine Wohnung beworben (Grieche). Ihm wurde abgesagt, die Wohnung sei schon vergeben. Sie blieb aber online. Dann habe ich mich beworben und wurde sofort zur Besichtigung eingeladen - sehr eindeutig.

Anne-Christin: Alleinerziehend, zwei Kinder - ohne Chance

Anne-Christin Romey: Ich bin ehrlich: Als ich letztes Jahr als Alleinerziehende mit zwei Kindern eine Wohnung gesucht habe, war ich eindeutig mehr im Nachteil. Mehrfach wurde erwähnt das wir keine Wohnung bekommen, da ich kein Geld vom Staat erhalte. Da würden Hartz 4 Empfänger oder Flüchtlinge lieber genommen werden. Peinlich aber wahr. Sorry, dass ich arbeite und keine Unterstützung bekomme.

Martin Schulz: "Eine Verletzung der Menschenwürde"

"Deutschland am Miet-Limit" - so lautete die Schlagzeile beim Wohnungsbautag in der bayerischen Vertretung in Berlin. Der Wohnungsmangel stand im Mittelpunkt der Fachtagung. Umso prekärer die Rechercheergebnisse von BR und Spiegel. Die Diskriminierungen am Wohnungsmarkt seien erschütternd und nicht hinnehmbar, sagte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in seiner Rede:

"Als ich diese Studie heute Morgen gelesen habe, ist mir eines meiner großen politischen Vorbilder, Johannes Rau, eingefallen. Immer wenn wir über Artikel eins unseres Grundgesetzes sprachen 'Die Würde des Menschen ist unantastbar', hat er gesagt, dort steht nicht 'Die Würde der Deutschen ist unantastbar'. Und einen Menschen wegen seines Familiennamens bei der Wohnungssuche zu diskriminieren, ist eine Verletzung der Menschenwürde."

Martin Schulz, SPD-Kanzlerkandidat

Verständnis aus Bayern

Besonders Menschen mit türkisch oder arabisch klingenden Namen werden bei der Wohnungssuche deutlich benachteiligt. Er bedauere dies, sagte der bayerische Innen- und Bauminister Joachim Herrmann. Er ließ aber auch Verständnis für die Vermieter durchblicken:

"Wir müssen auch sehen, dass aufgrund der Kriminalität und der Terrorismus-Nachrichten einige Menschen erst mal zurückhaltend sind: Wer weiß, wer da zu mir kommt. Es ist wichtig, dass keine pauschalen Verdächtigungen in der Bevölkerung vorhanden sind, sondern dass man sich da öffnet. Es handelt sich bei den meisten ja um gut integrierte Leute. Klar ist, wir brauchen insgesamt mehr Wohnungen, damit wir auch den neu Zugewanderten eine vernünftige Wohnung geben können."

Joachim Herrmann, CSU

Gewerkschaft warnt

Die Gewerkschaft IG Bau bekommt nach eigenen Angaben immer wieder Hinweise darauf, dass vor allem Menschen mit muslimisch klingenden Nachnamen am Mietmarkt diskriminiert werden. IG-Bau-Chef Robert Feiger appellierte an die Vermieter, nach Vertrauen und nicht nach Namen oder Religionszugehörigkeit zu entscheiden. Das Antidiskriminierungsgesetz verbietet eigentlich die Benachteiligung von Ausländern - auch bei der Vermietung. Aber ähnlich wie die Mietpreisbremse sei das Gesetz eben nur gut gemeint, so Feiger.

Tatsächlich gibt es im Gesetz zwei Schlupflöcher. Erstens: Vermieter dürfen Wohnungsbewerber unterschiedlich behandeln, wenn es der "ausgewogenen Siedlungsstruktur" dient. Und zweitens: Leben der Vermieter oder seine Familie im gleichen Haus, gilt das Antidiskriminierungsgesetz ebenfalls nicht. Ein Unding, sagt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Christine Lüders:

"Das ist sehr hinderlich für Menschen, die auf Wohnungssuche sind und Migrationshintergrund haben, weil sie von vornherein ausgeschlossen werden können."

Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

... und zwar oft ohne eine Chance, sich persönlich beim Vermieter vorzustellen. Der Chef des Deutschen Mieterbundes, Lukas Siebenkotten, sieht jedoch wenig Sanktionsmöglichkeiten:

"Der Vermieter ist ja frei darin, wem er seine Wohnung vermietet. Er kann ja nicht gezwungen werden, einer bestimmten Person, die Wohnung zu vermieten. Und wenn er zu dem Ergebnis kommt, dass er jemanden mit ausländisch klingendem Namen nicht in die engere Wahl nimmt, dann ist das diskriminierend, aber ich weiß auch nicht, wie man das wirklich sanktionieren will."

Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes

Die einzige Möglichkeit laut Siebenkotten: Genügend Wohnraum schaffen. Dann hätten die Vermieter wenig Möglichkeiten, zu diskriminieren.

Nürnbergs OB: Keine Diskriminierung bei stadteigenen Wohnungen

Bei der Vergabe von städtischen Wohnungen gibt es keine Diskriminierung von Ausländern. Das sagte Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) dem Bayerischen Rundfunk. "Bei der WBG, das sage ich mit fester Stimme, gibt’s keine Diskriminierung. Das zeigt sich beim Blick auf die Namensliste unserer Mieter," so Maly. Die Stadt Nürnberg habe zudem bereits vor einigen Jahren mit privaten Wohnungsbaugesellschaften eine Art freiwilliges Abkommen geschlossen. Damit wollte die Stadt Immobilienunternehmer für das Thema sensibilisieren und Diskriminierungen entgegenwirken. Dass es im Einzelfall trotzdem dazu kommen kann, räumte Maly ein. "Ein großflächiges Problem" sei es jedoch nicht.


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mehrdad beiramzadeh, Montag, 26.Juni, 12:35 Uhr

11. unsinn

ich komme aus dem Iran und hatte bezüglich der Wohnungssuche keine Probleme. ich kann aber vermieter zu 100% verstehen, die nicht an arabische und türkische menschen vermieten wollen. meine Erfahrungen mit arabisch- türkische Nachbarn bezüglich der müllproblematik, lärm und generell ein forderndes verhalten waren bislang zu 100% negativ.

ich muss sagen, als vermieter würde ich genauso handeln, da das recht in Deutschland sehr zu günsten der Mieter ausgelegt wird und man im Zweifelsfall so eine arabische Großfamilie gar nicht mehr raus kriegt.

InspektorC , Sonntag, 25.Juni, 21:47 Uhr

10. Bloß kein Ärger

Nachbarschaftstreitigkeiten sind in D ein Massenphänomen, gerne werden auch die Gerichte damit beschäftigt. Wenn sich Mieter bekriegen, hat der Vermieter ein Problem am Hals, speziell wenn er nur eine oder zwei Wohnungen vermietet und vielleicht sogar selbst dort wohnt. Weil solche Kleinvermieter meist auch nicht die rechtlichen Fallstricke kennen, scheuen sie Risiken. Kulturelle, religiöse oder politische Andersartigkeiten könnten den Hausfrieden zerstören. Sich den Bewerber mit arabischen Namen einfach anzuschauen, könnte bei Nichberücksichtigung zu einer Klage wegen Diskriminierung führen.Auch Wohngemeinschafen wie im Arabellapark, wo arabische "Lebensfreude" auf die einheimischen Wohnungsbesitzer prallt, schrecken ab. Das hat nichts mit fremdenfeindlichkeit zu tun, auch bekannte AfD-Politiker haben Schwierigkeiten eine Wohnung oder auch nur einen Saal zu mieten. Die Kleinvermieter wollen keinen Ärger. Weil sie mit Miethaien in einen Topf geworfen werden, hilft dann auch kein Staat

wowo, Sonntag, 25.Juni, 16:34 Uhr

9. Der Parteieneinheitsbrei wird wohl kaum etwas ändern

Ich empfehle weiterhin die Etablierten Parteien zu wählen, damit ändert sich nämlich nichts, rein gar nichts !
(...) - Bitte nicht drauf reinfallen, diese Möchtegern Eliten denken lediglich an ihre eigenen Vorteile !

LG
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Julia, Sonntag, 25.Juni, 15:21 Uhr

8. Einfache Problemlösung: Eine Kollegin hat ihre Diskriminierung beendet.

Sie hat ihren an Islam stark deutenden Namen und Vornamen in einen deutschen an den deutschen Adel deutenden Namen ändern lassen. Jetzt wird sie überall bevorzugt behandelt.

  • Antwort von Frage, Montag, 26.Juni, 02:52 Uhr

    Und das lässt sich so mir nichts dir nichts machen???

  • Antwort von Leo Bronstein, Montag, 26.Juni, 07:27 Uhr

    @ Julia
    >Einfache Problemlösung: E. Kollegin hat ihre Diskriminierung beendet. Sie hat ihren an Islam stark deutenden Namen u. Vornamen in e. deutschen an d. deutschen Adel deutenden Namen ändern lassen. Jetzt wird sie überall bevorzugt behandelt.<

    .
    Die erste und einzige türkisch- oder arabisch Stämmige mit dem Namen von und zu Bachblüte also und beim Besichtigungstermin und sonstigen von Angesicht zu Angesicht Terminen reicht das bereits aus? Oder macht Sie dann auf C. Roth in der Post giftig roten Haar Phase?

    Wäre es nicht günstiger gewesen, wenn sie sich nur einen arabisch christlichen Vornamen zugelegt hätte?
    Hanna, Lucra, Lydia, ... Oder wäre es dann zuviel Takiya gewesen?

Jochen , Sonntag, 25.Juni, 15:15 Uhr

7. Wie soll man einem Analphabeten erklären in den Gelben Sack darf und was nicht?

Wie soll man einem Analphabeten Hausordnung beibringen? Wie bringt man ihn dazu, dass er die Hausordnung macht und den Abfall richtig sortiert?