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Windkraft in Bayern Sind die Ausschreibungsgewinner Mogelpackungen?

Wer Windräder bauen will, muss sich bei Ausschreibungen durchsetzen. Dabei gewinnt, wer den Strom am billigsten liefert. Das überraschende Resultat: Bei der ersten Ausschreibungsrunde haben fast nur sogenannte Bürgerenergiegesellschaften den Zuschlag bekommen! Da fragen jetzt einige, ob das mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Von: Lorenz Storch

Stand: 03.06.2017

 Ein Windrad im Windpark Zöschingen (Bayern, Foto vom 09.02.2013). In Schwaben ist Bayerns größter Bürgerwindpark am 03.05.2013 offiziell ans Netz gegangen. Bei solchen Bürgerwindparks beteiligen sich die Menschen in der Region wesentlich an der Finanzierung - im Fall der acht Windräder im Staatswald bei Zöschingen (Landkreis Dillingen an der Donau) haben etwa 600 Menschen Anteile erworben.  | Bild: picture-alliance/dpa

„Bürgerenergiegesellschaften“ im Sinne des neuen EEG haben bei der Windkraft-Ausschreibung viele Vorteile.

Windräder hinter einer Neubausiedlung in Schwaben

Unter anderem durften sie auch mit Projekten ins Rennen gehen, die noch gar keine Genehmigung haben. Außerdem bekommen sie in der Regel einen besseren Preis für ihren Strom. Und haben nach dem Zuschlag länger Zeit, die Windräder auch wirklich zu bauen. Da müsste sich der Vorsitzende von Bürgerenergie Bayern e.V. doch eigentlich freuen. Markus Käser ist es, sein Verband organisiert allein 250 Energiegenossenschaften. Aber: Er kennt keine einzige davon, die an der Windkraft-Ausschreibung überhaupt teilgenommen hat.

"Das Kuriose daran ist ja, dass sich eben – wenn man es so bezeichnen möchte – echte Bürgerenergiegesellschaften wie zum Beispiel Genossenschaften an diesem Modell nicht beteiligen, weil sie Probleme bekommen. Am Ende müssen sie eine Gesellschaft bilden, um dort überhaupt mitmachen zu können. Und dann ist es nicht ein wirklicher Vorteil, weil wenn man den Zuschlag bekommt, aber die Genehmigung am Ende nicht nachkommt, ist eine Vertragsstrafe zu zahlen, was am Ende so eine konservativ wirtschaftende Bürgerenergiegenossenschaft nie machen würde."

Markus Käser

Für ihn höhlt das Bundeswirtschaftsministerium mit dem neuen Gesetz den guten Namen Bürgerenergie nur aus.

"Entscheidend war immer die dezentrale, die regionale Ausprägung. Dass es eine demokratische Form ist. Und dass es eben ohne Gewinnmaximierung in der Satzung verankert ist. Das ist in Kürze gesagt Bürgerenergie. Heute wird das Wort von vielen verwendet, aber von wenigen im Herzen getragen."

Markus Käser

Betreibt das neue EEG also eine Art Etikettenschwindel?

Bürgerenergiegesellschaft

Mindestens zehn natürliche Personen als Anteilseigner. Mehr als die Hälfte des Stimmrechts bei Menschen, die im Landkreis wohnen, wo die Anlage gebaut werden soll. Kein einzelner darf mehr als zehn Prozent der Stimmrechte halten. Und: Ein Zehn-Prozent-Anteil muss der Kommune angeboten werden, wo die Anlagen stehen.

Das ist schon etwas – aber reicht es?

Älteres Windrad im Feld

Die Probe aufs Exempel. Bei der Windkraftausschreibung ging der Löwenanteil der Zuschläge nach Norddeutschland. Nur zwei bayerische Projekte waren unter den Gewinnern. Eines davon in Elfershausen bei Bad Kissingen. Schon der erste Blick macht allerdings skeptisch: Die Elfershausen Bürgerwindpark GmbH & Co. KG ist unter einer Adresse in Osnabrück registriert!  Dahinter steht der Windkraftentwickler Pro Wind GmbH – und er hat mit anderen Gesellschaften unter der gleichen Adresse bei der Ausschreibung noch sechs weitere Projekte gewonnen: in Niedersachsen, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen. Der Geschäftsführer des Bürgerwindparks Elfershausen ist der gleiche wie der von Pro Wind Osnabrück: Johannes Bussmann. Kann er verstehen, dass so eine Konstellation bei einem „Bürgerenergieprojekt“ skeptisch macht?

"Ähem, ja, das kann man sicher gut verstehen auf den ersten Blick. Aber wir verstehen uns als Generaldienstleister und wir versuchen das auch möglichst schlank zu verwalten. Aber das entscheidende ist, dass in den Regionalgesellschaften jeweils in der Regel acht oder neun regionale Leute sind, die die volle Entscheidungsgewalt über die Projekte haben."

Johannes Bussmann

Geodatenanalyse als Service

Die Firma hat von Osnabrück aus Geodaten analysiert und ist so auf den Höhenrücken in Unterfranken aufmerksam geworden: Ein Standort mit viel Wind und sogar so weit entfernt von allen Häusern, dass er die bayerische 10H-Sonder-Abstandsregel erfüllt. Dann ist Pro Wind auf die Grundstückseigentümer zugegangen und hat mit ihnen eine Gesellschaft gegründet.

Nein, das ist nicht gerade das Idealbild einer Basis-Windkraft-Initiative von unten. Geschäftsführer Bussmann argumentiert jedoch: Das muss so sein. Schließlich trägt Pro Wind auch einen Großteil des Risikos und hat Kompetenzen, die lokal sonst nicht vorhanden wären:

"Wir bringen das komplette Engineering, den kompletten Baubereich, Planungsbereich, Umweltbereich. Wir haben eigene Juristen dafür, wir haben eigene Kaufleute. Also ein Team, dass wir das komplett abbilden können. Eine Mannschaft mit 50 Leuten."

Johannes Bussmann

Plakat der Bürgerinitiative Elfershausen

Der Windpark Elfershausen mit bis zu sechs Windrädern wird wohl 30 bis 40 Millionen Euro kosten. Das wollen Pro Wind und die bisherigen Gesellschafter gar nicht alleine stemmen. Wenn die Genehmigung da ist, werden den Bürgern rund um Elfershausen Beteiligungen angeboten, verspricht Geschäftsführer Bussmann. Pro Wind selbst will nur 10 Prozent behalten.

Da wäre es dann am Ende dann tatsächlich ein Windrad in der Hand der Landkreisbürger. Auch die Marktgemeinde Elfershausen wird profitieren, weil ihr der Löwenanteil des Grunds für den Windpark gehört. Und vielleicht auch einen Anteil am Windpark kaufen, sagt Bürgermeister Karl-Heinz Kickuth. Von Pro Wind ist er sehr angetan.

"Also es gibt immer wieder solche Investoren, die die Bürger mit beteiligen wollen. Und dann denke ich mir, da gibt es keine Hindernisse. Egal ob die jetzt in Osnabrück wohnen: Das ist ein Investor, der einen seriösen Eindruck macht."

Bürgermeister Karl-Heinz Kickuth

Wo fängt eine echte „Bürgerenergiegesellschaft“ an, wo hört sie auf? Da gibt es reichlich Diskussionsstoff. Der Name allein jedenfalls reicht nicht. Genauer hinschauen lohnt sich.

Vielleicht auch noch einmal in ein paar Jahren: Denn zwei Jahre nachdem ein Windpark in Betrieb gegangen ist, erlaubt das EEG den Bürgern vor Ort ihre Anteile zu verkaufen.


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Sonja Gonschorek, Montag, 05.Juni, 11:14 Uhr

2. Ausschreibung

Johann

S. Horst, Sonntag, 04.Juni, 00:15 Uhr

1. leichter ohne Bürokratenballast und ohne Bankenballast

Wo keine umstandskramerischen Bürokraten und keine blutsaugerischen Banken mitmischen, lässt es sich am kostengünstigsten und produktivsten wirtschaften. Das weiß man spätestens seit dem 19. Jahrhundert, wo Deutschland dank bürgerlicher Vereine, bürgerlicher Aktiengesellschaften und bürgerlicher Genossenschaft zur global vorbildlichen Blüte herangewachsen ist, wissenschaftlich, technisch, künstlerisch und hinsichtlich des Wohlergehens. Die Neider kamen dann auch bald hervorgekrochen.

  • Antwort von Woldgang, Sonntag, 04.Juni, 10:00 Uhr

    @ S.Horst

    Soweit richtig, aber auch beim Thema Energieversorgung politisch die langfristigen Ziele vorgeben und Rahmendbedingugnen für automes freies Wirtschaften vorgeben.

    Denkbar:

    1. Zurück zu den Gebietsversorgen mit Flächenmonopol ( "Regal" ), genehmgten Preisen und Kontrahierungspflicht.

    2. Das langfristige Ziel CO2 und Schonung der fossilen Energieträger für künftge Generationen mit berücksichtigen. Mittel wäre eine Verdreifachung der installierten Wind- und Photovoltaikleistung in den nächstzen 15 Jahren mit Einspeisevorrang.

    Hinweis, Windkraft benötigt deutlich weniger Flächen als der Braunkohletagebau. Eine moderne 3-MW-Anlage ( es gibt auch 4,5MW ) erzeugt je Quadratmeter genutzer Fläche 4- bis 6-mal mehr Strom im Jahr als eine Braunkohlegrube nur einmalig liefert!

    Die Grube Hambach mit 80km² belegt also soviel Fläche wie 700 000 3-MW-Windkraftanlagen, mit den ca. 2000h gemittelt Vollast im Jahr entspspräche das 400 Atomkraftwerken.