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Radioaktiv belastetes Wild Voll verstrahlt?

Über 30 Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl: Ist radioaktiv belastetes Wild in Bayern immer noch ein Problem? Kritiker sagen ja, der bayerische Jagdverband hingegen sieht für die Bevölkerung kein Problem, und die Behörden schweigen sich aus.

Von: Chris Köhler und Manuel Mohr

Stand: 06.02.2017

Tschernobyl, 26. April 1986: Nach einer Reaktor-Explosion im örtlichen Kernkraftwerk werden in den folgenden Tagen viele Regionen Europas durch radioaktiven Niederschlag kontaminiert. Aufgrund von teils starken Niederschlägen wurde in Deutschland besonders der Süden und damit auch Bayern deutlich höher belastet als der Norden.

Gefährliche Bodenablagerungen

Bodenkontamination mit Cs-137 im Jahr 1986 (Bq/m²).

Von den damals in Tschernobyl freigesetzten radioaktiven Stoffen trägt im Wesentlichen heute noch das langlebige Cäsium-137 (Cs-137) zur indirekten Strahlenbelastung der Bevölkerung bei. Die Halbwertszeit beträgt etwa 30 Jahre, so dass die 1986 freigesetzte Aktivität bis heute etwa zur Hälfte zerfallen ist.

Das 1986 auf der Bodenoberfläche niedergegangene radioaktive Cäsium wanderte in die tieferen Bodenschichten und wurde dann von den Pflanzenwurzeln aufgenommen und in die Pflanzen eingebaut. Einige dieser Pflanzen, die bis heute Cäsium aus dem Boden aufnehmen, dienen Wildtieren als Nahrung. Laut Dr. Martin Steiner vom Bundesamt für Strahlenschutz ist besonders der Hirschtrüffel bis heute stark kontaminiert. Und der wird gerne von Wildschweinen – gerade im Winter – gefressen. Allerdings spielen in diesem Zusammenhang mehrere Faktoren eine Rolle. So ist die radioaktive Kontamination je nach Bodenbeschaffenheit und Größe eines Waldgebiets sehr unterschiedlich.

Grenzwerte für Lebensmittel

Um den Verbraucher zu schützen, hat die EU Cäsium-Höchstwerte für Lebensmitteln festgelegt. Diese liegen für Milch, Milcherzeugnisse und Lebensmittel für Kleinkinder bei 370 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg), für andere Lebensmittel, darunter auch Wildbret, bei 600 Bq/kg. Die Einhaltung dieser Grenzwerte wird in Bayern über mehrere Wege kontrolliert.

Der Bayerische Jagdverband (BJV) stellt nach eigenen Angaben mit seinen bayernweit 111 Messstationen sicher, dass nur kontrolliertes Wildbret verkauft wird. Die Radiocäsium-Messstationen befinden sich in Eigenregie bei den BJV-Kreisgruppen und Jägervereinen. Die Messergebnisse werden zwei Mal im Jahr an das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit gemeldet. Wo genau die Wildschweine geschossen wurden und wie hoch die Grenzwertüberschreitungen im Einzelnen waren, veröffentlicht der BJV bislang nicht. Er gibt lediglich die Gesamtergebnisse bekannt.

Zusätzlich zum BJV verfügen die staatlichen "Bayerischen Staatsforsten" über rund 40 weitere Messstationen. Im Bereich Zusmarshausen zum Beispiel lagen im laufenden Jagdjahr bisher 18 Prozent der beprobten Wildsauen über dem Grenzwert. Genaue Werte werden auch hier bislang nicht veröffentlicht.

Neben diesem ersten Schutzmechanismus gibt es für den Verbraucher noch einen zweiten, nämlich die Lebensmittelkontrolle. Im Rahmen des Strahlenvorsorgegesetzes wird in Bayern die allgemeine Umweltradioaktivität überwacht. Neben vielen anderen Kategorien findet man dazu auf der Internetseite des Bayerischen Landesamts für Umwelt auch aktuelle Messwerte von im Handel befindlichen Lebensmitteln.

Diese Übersicht ist öffentlich einsehbar, für Laien aber nicht ohne weiteres zu finden. Aus ihr geht hervor, dass in Bayern in den Jahren 2013 bis 2016 rund 500 Wildschweinproben untersucht wurden. Immerhin 9 Prozent davon wiesen dabei einen Messwert jenseits des Grenzwerts von 600 Bq/kg auf. Was dabei auffällt: In den 1986 stark kontaminierten Landkreisen Augsburg und Regen beispielsweise wurden in vier Jahren nur fünf bzw. vier Wildschweinproben untersucht.

Fehlende Transparenz

Markus Ganserer, forstpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag, fordert zum besseren Eigenschutz der Verbraucher vor radioaktiv belasteten Lebensmitteln, dass alle Messwerte – sowohl vom BJV als auch den Bayerischen Staatsforsten – im Internet veröffentlicht werden. So können auch unbegründete Ängste in der Bevölkerung vermieden werden. Zudem spricht Ganserer sich generell für eine flächendeckende Messpflicht aus. Bisher ist es nämlich so, dass Jäger das Fleisch, dass sie selbst verzehren möchten, nicht überprüfen müssen.

Joachim Reddemann, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Landesjagdverbands, weist die Vorwürfe zurück. Das Problembewusstsein der Jägerinnen und Jäger in Sachen Strahlenbelastung von Schwarzwild sei sehr groß. Zudem gebe es gemäß des Atomausgleichsgesetzes für zu stark kontaminierte Wildschweine, die nicht in den Handel eingebracht, sondern fachgerecht von der Tierkörperverwertung entsorgt werden, eine Entschädigung, die höher ist als der Erlös, wenn das Tier in den Handel gegeben werde.

Warum Lebensmittelkontrollen trotzdem ungleichmäßig stattfinden und fast jede zehnte Wildschweinprobe aus dem Handel über dem Grenzwert lag? Wegen dieser und anderer Vorwürfe zum Thema hat sich der BR beim Landesamt für Umweltschutz, beim Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sowie beim Bayerischen Umweltministerium um Gesprächstermine bemüht. Sie sind nicht zustande gekommen. In einer schriftlichen Stellungnahme der Behörden Ende November 2016 heißt es unter anderem:

"Die Messdaten der amtlichen Lebensmittelüberwachung im Jahr 2015 bestätigen zum einen die niedrigen Radiocäsiumgehalte in Wildschweinfleisch aus dem Handel […] und zum anderen die Wirksamkeit der Eigenkontrollen durch die bayerische Jägerschaft. Dementsprechend können die Verbraucher als gut geschützt vor zu hohen Radioaktivitätsgehalten angesehen werden."

(Stellungnahme)

Messprotokoll klärt Verbraucher auf

Das sieht Dr. Christine Frenzel, Laborleiterin für Radioökologie am Strahlenbiologischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München, anders. Grenzwerte seien politisch festgelegte Werte sind, die nicht immer aussagen, ob etwas schädlich ist oder nicht.

"Der Mensch ist individuell, der Organismus auch. Das heißt, auch eine sehr niedrige Strahlendosis könnte eine Krebserkrankung auf den Weg bringen. Ich würde eine Wildschweinmahlzeit, die mit 600 bq oder kurz darunter gemessen wurde, also ein Wildschwein, das Sondermüll ist, nicht essen."

(Dr. Christine Frenzel)

Man wisse zudem nicht genau, welche Strahlenbelastung der Körper schon bekommen hat im Laufe des Lebens und was noch kommen wird. Die Verbraucherzentrale Bayern gibt in diesem Zusammenhang folgende Verzehrempfehlung heraus:

"Besonders bei Schwarzwild in Südbayern findet man immer wieder eine sehr hohe radioaktive Belastung von über 10.000 Becquerel/kg. Der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel/kg. Aus diesem Grund rät die Verbraucherzentrale Bayern, Wildschwein aus den Regionen Bayerischer Wald und südlich der Donau nicht zu häufig zu verzehren. Wer Wildschwein vom Jäger bezieht, sollte nach dem Messprotokoll fragen."

(Verbraucherzentrale Bayern)

Übrigens: So ein Messprotokoll kann jeder Verbraucher vom Wildbret-Lieferanten, vom Metzger oder Gastronom einfordern.


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